Die Frage nach der Zahl klingt einfach, hat aber ein grundsätzliches Problem: Es gibt keine Liste. Kein ägyptischer Text nennt eine Belegschaftsstärke, keine Steintafel hält eine Bilanz fest, und die einzige antike Zahl, die überliefert ist, stammt von einem griechischen Reisenden und ist mit ziemlicher Sicherheit falsch.
Herodot schrieb von hunderttausend Männern, die in Schichten von drei Monaten arbeiteten. Diese Zahl hat sich zweitausendfünfhundert Jahre lang gehalten, und sie ist bis heute die erste, die vielen einfällt. Sie hält der Grabung jedoch nicht stand. Eine Siedlung für hunderttausend Menschen wäre die größte Stadt ihrer Zeit gewesen, mit einem Versorgungsapparat, der weit über alles hinausginge, was sich am Plateau nachweisen lässt.
Was es stattdessen gibt, ist besser als eine Zahl aus zweiter Hand: eine ausgegrabene Stadt. Seit den 1980er Jahren wird südöstlich der Pyramiden eine Siedlung freigelegt, in der die Bauleute wohnten, aßen und verwaltet wurden. Aus ihren Schlafplätzen, ihren Backöfen und ihren Knochenabfällen lässt sich hochrechnen, wie viele Menschen dort gleichzeitig lebten.
Das Ergebnis liegt eine Größenordnung unter Herodot. Und es kommt mit einer Einschränkung, die auf den meisten Seiten zu diesem Thema fehlt.
Vorab lohnt sich eine Unterscheidung, an der die meisten Zahlenangaben scheitern. Wer am Bau beteiligt war, ist nicht dasselbe wie wer auf der Baustelle stand. Zur zweiten Gruppe gehören die Steinsetzer, die Schleppkolonnen und die Handwerker vor Ort. Zur ersten kommen die Steinbrucharbeiter in Tura und in Assuan, die Schiffsmannschaften auf dem Fluss, die Zimmerleute, die Schlitten und Boote instand hielten, die Kupferschmiede, die Werkzeuge nachschärften, sowie die Bäcker, Brauer und Töpfer, die den ganzen Apparat am Laufen hielten.
Und dahinter steht eine Gruppe, die in keiner Aufzählung auftaucht: die Bauern, deren Überschuss zwei Jahrzehnte lang die Verpflegung stellte. Je nachdem, wo man die Grenze zieht, ändert sich die Antwort um den Faktor drei. Genau deshalb kursieren so viele verschiedene Zahlen nebeneinander, ohne dass eine davon falsch sein müsste.
Die Siedlung in Zahlen
- Freigelegte Fläche
- rund 4 Hektar, etwa sechs Fußballfelder
- Schlafgalerien
- vier Blöcke mit langen Hallen
- Platz in den Galerien
- geschätzt 1.600 bis 2.000 Personen gleichzeitig
- Fleischverbrauch
- hochgerechnet 21 Rinder und 23 Schafe pro Tag
- Entdeckung der Nekropole
- 1990, durch Zufall
- Bauherren der Siedlung
- Chephren und Mykerinos, nicht Cheops
Heit el-Ghurab war eine geplante Stadt
Der Ort heißt auf Arabisch Heit el-Ghurab, Mauer der Krähe, nach einer gewaltigen Steinmauer, die den nordwestlichen Rand des Geländes bildet. Ausgegraben wird er seit Jahrzehnten von den Ancient Egypt Research Associates unter Mark Lehner, und was dort zum Vorschein kam, ist keine Barackenansammlung, sondern eine geplante Stadt.
Die auffälligsten Bauten sind vier Blöcke langgestreckter Hallen, die als Schlafgalerien gedeutet werden: schmale Räume mit erhöhten Schlafbänken entlang der Wände, jeweils mit einem eigenen Kochbereich am Ende. Dazwischen liegen Bäckereien mit Öfen und Brotformen in einer Größe, die für einen Haushalt sinnlos wäre. Dazu kommen Speicherhöfe mit runden Silos, Rinderpferche, Werkstätten, drei Hauptstraßen und ein großes Verwaltungsgebäude.
Die Grabungsberichte zu dieser Siedlung beschreiben außerdem Tausende von Siegelabdrücken aus Ton, die Namen, Titel und Institutionen tragen. Sie sind der Beleg dafür, dass hier nicht improvisiert, sondern verwaltet wurde: mit Zuständigkeiten, Lieferungen und Buchführung.
Die namengebende Mauer ist selbst ein Bauwerk von einigem Format: rund zweihundert Meter lang, mehrere Meter hoch und aus Blöcken errichtet, die für eine bloße Abgrenzung völlig überdimensioniert wären. Durch sie führt ein Tor, und die heute geltende Deutung sieht darin den Übergang zwischen dem Hafenbereich und dem Gelände der Pyramidenstadt. Das passt zu einem weiteren Befund: Die Siedlung lag nicht in der Wüste, sondern an einem Hafen, über den Material und Lebensmittel ankamen.
Wer die Arbeitersiedlung der Pyramiden von Gizeh mit einem Zeltlager gleichsetzt, unterschätzt sie deutlich. Näher liegt der Vergleich mit einer Werksstadt: gebaut für einen Zweck, betrieben auf Zeit, mit einer Versorgung, die von außen kam.





Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx
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Zwei Wege zu einer Personenzahl
Aus diesen Funden lassen sich Personenzahlen auf zwei voneinander unabhängigen Wegen ableiten, und genau das macht sie belastbar.
Der erste Weg führt über den Platz. Die Schlafgalerien lassen sich vermessen, die Liegeflächen zählen. Daraus ergibt sich eine Belegung in der Größenordnung von eineinhalb- bis zweitausend Personen, die gleichzeitig in diesem Teil der Siedlung übernachteten. Das sind nicht alle Beteiligten, sondern die, die vor Ort schliefen.
Der zweite Weg führt über das Essen. Aus den Tierknochen im Siedlungsabfall lässt sich der Fleischverbrauch hochrechnen, und die Ergebnisse sind erstaunlich konkret: täglich mehr als 1.800 Kilogramm Fleisch von Rindern, Schafen und Ziegen, geliefert aus Gütern im ganzen Land. Bei realistischen Rationen ernährt das eine Größenordnung von rund zehntausend Menschen.
Wie die Belegschaft organisiert war, lässt sich aus Inschriften an anderen Bauwerken ergänzen. Die Mannschaften waren in benannte Einheiten gegliedert, diese wiederum in kleinere Abteilungen, und die Namen dieser Gruppen tauchen als Markierungen auf Steinblöcken auf, unter anderem in den Entlastungskammern der Cheops-Pyramide. Es handelt sich also um eine feste Struktur mit Zuständigkeiten, nicht um eine anonyme Menge.
Beide Wege führen nicht zur selben Zahl, und das ist kein Widerspruch. Der eine misst, wer in den Galerien schlief, der andere, wie viele insgesamt versorgt wurden. Ein Teil der Belegschaft wohnte in der Umgebung, in eigenen Häusern oder im nahen Dorf.
Was als archäologische Belege für die Pyramidenarbeiter vorliegt, ergibt damit keine Zahl, sondern einen Korridor: einige tausend fest vor Ort, um die zehntausend gleichzeitig beschäftigt, und über die Jahre hinweg ein Vielfaches davon, weil die Mannschaften rotierten.
Woher die verschiedenen Zahlen kommen
Die Angaben widersprechen sich weniger, als es scheint. Sie zählen Unterschiedliches.
| Angabe | Worauf sie beruht | Was sie zählt |
|---|---|---|
| 100.000 | Herodot, rund zweitausend Jahre nach dem Bau | Vermutlich alle jemals Beteiligten, oder eine Übertreibung |
| 20.000 bis 30.000 | Hochrechnung aus Bauvolumen und Arbeitsleistung | Die gesamte Organisation samt Zulieferung und Verwaltung |
| rund 10.000 | Fleischverbrauch aus dem Knochenbefund | Alle, die vom Plateau aus versorgt wurden |
| 1.600 bis 2.000 | Vermessung der Schlafgalerien | Nur die, die in diesem Siedlungsteil übernachteten |
- Worauf sie beruht
- Herodot, rund zweitausend Jahre nach dem Bau
- Was sie zählt
- Vermutlich alle jemals Beteiligten, oder eine Übertreibung
- Worauf sie beruht
- Hochrechnung aus Bauvolumen und Arbeitsleistung
- Was sie zählt
- Die gesamte Organisation samt Zulieferung und Verwaltung
- Worauf sie beruht
- Fleischverbrauch aus dem Knochenbefund
- Was sie zählt
- Alle, die vom Plateau aus versorgt wurden
- Worauf sie beruht
- Vermessung der Schlafgalerien
- Was sie zählt
- Nur die, die in diesem Siedlungsteil übernachteten
Keine dieser Zahlen ist gezählt. Alle sind aus dem Befund hochgerechnet und tragen entsprechende Unsicherheiten.
Diese Siedlung gehört nicht zur Cheops-Pyramide
Und jetzt die Einschränkung, die fast überall fehlt: Diese Siedlung gehört nicht zur Cheops-Pyramide.
Die Datierung des Fundplatzes weist ihn dem Zeitraum der beiden späteren Bauwerke zu. Die amtliche Beschreibung des Fundplatzes nennt ausdrücklich die Bauleute der Anlagen des Chephren und des Mykerinos als Bewohner und hält lediglich fest, dass darunter möglicherweise ältere Reste aus der Zeit des Cheops liegen.
Für die Ausgangsfrage heißt das: Die Stadt, die wir kennen, ist die des zweiten und dritten Bauwerks. Die Unterkünfte der Mannschaften, die das größte davon errichteten, sind bislang nicht sicher gefasst. Sie könnten unter der jüngeren Siedlung liegen, an einer anderen Stelle des Plateaus gestanden haben oder unter der heutigen Bebauung am Fuß des Hangs verschwunden sein.
Ein Hinweis darauf, dass es sie gegeben haben muss, liegt in den Aufzeichnungen des Inspektors Merer. Sein Dienstbuch aus dem 27. Regierungsjahr des Cheops verzeichnet Fahrten mit Verkleidungsstein zum Plateau und nennt dabei Anlaufstellen und Unterkünfte. Eine Baustelle dieser Größe ohne zugehörige Siedlung ist logistisch nicht vorstellbar. Gefunden ist sie deshalb noch lange nicht.
Die Übertragung auf die Cheops-Pyramide ist deshalb ein Analogieschluss und keine Messung. Er ist gut begründet, weil beide Projekte in derselben Generation, mit denselben Institutionen und in vergleichbarer Größenordnung abliefen. Sauber ist er trotzdem nicht, und wer eine Zahl für das größte Bauwerk nennt, sollte dazusagen, dass sie vom Nachbarn stammt.
Wo die Siedlung liegt
- Cheops-PyramideNordöstlichstes der drei Bauwerke, Bezugspunkt für die Entfernung
- Mauer der KräheMassive Steinmauer, Nordwestgrenze des Siedlungsgeländes
- Siedlungsgelände Heit el-GhurabGalerien, Bäckereien, Speicher und Verwaltungsbau, südöstlich unterhalb des Plateaus
- Nekropole der BauleuteAm Hang westlich der Siedlung, in zwei Ebenen angelegt
- Heutige BebauungReicht bis unmittelbar an das Gelände heran und begrenzt die Grabungsfläche
Die Lage ist schematisch. Das Gelände ist nicht Teil der üblichen Rundgänge und von den Pyramiden aus nur als Senke zu erkennen.
Ein Pferd fand die Nekropole der Arbeiter
Der zweite Fundplatz kam durch einen Zufall ans Licht, der sich kaum erfinden ließe. 1990 stolperte das Pferd einer Reiterin am Hang über eine Mauerkante. Darunter lag der Rand einer Nekropole, in der die Bauleute bestattet wurden, angelegt in zwei Ebenen: unten einfache Gräber, darüber größere Anlagen für Aufseher und Handwerker.
Was diese Anlage so aussagekräftig macht, sind die Inschriften. Sie nennen Berufsbezeichnungen und Titel, und sie nennen die Namen von Mannschaften, die sich selbst so bezeichneten, wie man heute eine Abteilung benennen würde: als Gefolgsleute ihres Königs. Menschen, die man als Eigentum betrachtete, bekamen im Alten Reich keine eigenen Anlagen in Sichtweite des Königsgrabes und keine Inschriften mit Berufsstolz.
An den Skeletten lässt sich außerdem ablesen, was die Arbeit mit den Körpern machte: verheilte Brüche, abgenutzte Wirbelsäulen, aber auch Spuren medizinischer Versorgung. Die Arbeiter der Pyramiden von Gizeh waren also körperlich stark beansprucht und wurden zugleich behandelt, wenn etwas passierte.
Bemerkenswert ist außerdem die Bauform. Mehrere der kleinen Anlagen ahmen in Lehmziegeln nach, was nebenan in Stein steht: winzige Pyramiden von wenigen Metern Kantenlänge, teils mit einer eigenen kleinen Kultstelle davor. Es ist eine Geste, die viel über das Selbstverständnis der Bestatteten sagt. Sie kopierten nicht das Grab eines beliebigen Vornehmen, sondern die Bauform, an der sie selbst gearbeitet hatten.
Auch die Lage ist eine Aussage. Die Nekropole liegt am Hang, oberhalb der Siedlung und in Sichtachse zu den Bauwerken. Wer dort bestattet wurde, blieb dem Projekt zugeordnet, über den Tod hinaus. In einer Gesellschaft, in der die Nähe zum Königsgrab eine Rangfrage war, ist das kein zufälliger Platz.
Für die Zahlenfrage ist die Nekropole nur ein grober Anhaltspunkt, weil sie über Jahrzehnte belegt wurde und längst nicht vollständig freigelegt ist. Für die Frage, wer diese Menschen waren, ist sie der wichtigste Fundplatz überhaupt.


Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy
Wichtig: Das Arealticket deckt die Bauleutenekropole laut Ministerium nicht ab. Für diesen Bereich ist ein eigenes Ticket nötig.
Häufige Fragen
Waren es hunderttausend Menschen?
Nein. Die Zahl stammt von Herodot und hält dem Grabungsbefund nicht stand. Realistisch sind einige tausend fest vor Ort und um die zehntausend gleichzeitig beschäftigt.
Kann man die Siedlung besichtigen?
Sie ist als Fundplatz ausgewiesen, gehört aber nicht zu den üblichen Rundgängen. Für die Nekropole der Bauleute verlangt das Ministerium zudem ein eigenes Ticket, das Arealticket genügt dort nicht. Erwarten Sie ein Grabungsgelände mit Grundmauern, keine aufgehenden Bauten.
Wo genau liegt sie?
Südöstlich der Pyramiden, unterhalb der Geländekante, direkt an der heutigen Bebauung. Von oben ist sie als Senke zu erkennen.
Gehört die Siedlung zur Cheops-Pyramide?
Überwiegend nicht. Der freigelegte Bestand gehört zu den beiden späteren Anlagen; ältere Reste darunter sind möglich, aber nicht gesichert.
