Mumie in der Pyramide von Gizeh? Wer hier wirklich bestattet wurde

In keiner der drei Pyramiden wurde je ein König gefunden. Was stattdessen darin lag, aus welcher Zeit es stammt und wo die echten Bestattungen liegen.

Die Antwort auf die Frage, wer ist in den Pyramiden von Gizeh begraben, ist kürzer, als die meisten erwarten: heute niemand.

In keinem der drei großen Bauwerke wurde jemals ein König gefunden. Keine Mumie, keine Binden, keine Beigaben, keine Kanopen. In der Grabkammer der größten Pyramide stand ein Sarkophag ohne Deckel, und er war leer. Bei der mittleren war es ähnlich. Bei der kleinsten wurde zwar etwas gefunden, doch es stammt aus ganz anderen Epochen, und dazu gleich mehr.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Absicht und Befund. Die Anlagen wurden als Gräber gebaut, das ist durch den gesamten Bauplan belegt: Sarkophage, Verschlusssteine, Totentempel, Kultbetrieb. Wer bestattet werden sollte, ist ebenfalls bekannt. Ob die Bestattungen tatsächlich stattfanden und wann die Kammern ausgeräumt wurden, ist eine andere Frage, und sie ist offen.

Diese Lücke zwischen Plan und Fund ist der eigentliche Gegenstand dieser Seite. Sie erklärt auch, warum die Suche nach einer Mumie in diesen Bauwerken ins Leere läuft und warum die spannenderen Bestattungen des Geländes anderswo liegen.

Vorweg noch eine Klarstellung zum Begriff. Eine Mumie ist ein konservierter Leichnam, und die Konservierungstechnik, die wir aus Museen kennen, war zur Bauzeit der Pyramiden noch in Entwicklung. Die aufwendigen Einbalsamierungen mit Binden, Amuletten und Masken, die das Bild prägen, stammen aus deutlich späteren Epochen. Selbst wenn in einer dieser Kammern ein Leichnam gefunden worden wäre, hätte er nicht so ausgesehen, wie die meisten Menschen es erwarten.

Denn Bestattungen gibt es in Gizeh reichlich, mehrere tausend sogar. Nur eben nicht dort, wo alle hinsehen.

Vorgesehen und tatsächlich gefunden

Cheops-Pyramide, vorgesehen
König Chufu
Cheops-Pyramide, gefunden
leerer Sarkophag ohne Deckel
Chephren-Pyramide, vorgesehen
König Chafre
Chephren-Pyramide, gefunden
leerer Sarkophag, 1818 geöffnet
Mykerinos-Pyramide, vorgesehen
König Menkaure
Mykerinos-Pyramide, gefunden
Sarg und Knochen, beide aus späteren Epochen
Königsmumien der 4. Dynastie insgesamt
keine erhalten

Wer in der Cheops-Pyramide bestattet wurde

Wer wurde in der Cheops-Pyramide bestattet, wenn man nach der Absicht fragt? Der Bauherr selbst, der König Chufu.

Das ist gut belegt, und zwar nicht durch eine Inschrift im Bauwerk, sondern durch Markierungen der Bautrupps in den Entlastungskammern über der Grabkammer, die seinen Namen enthalten. Diese Räume waren nie zum Betreten gedacht, weshalb die Markierungen als besonders belastbar gelten. Die amtliche Beschreibung des Bauwerks folgt dieser Zuordnung.

Ein Grab in der Cheops-Pyramide gab es also, mit einem Sarkophag aus Granit, der so breit ist, dass er vor dem Schließen der Decke eingebaut werden musste. Nach der Beisetzung wurde der aufsteigende Gang mit tonnenschweren Granitblöcken verschlossen.

Was danach geschah, weiß niemand. Als im 9. Jahrhundert ein Stollen in die Nordflanke getrieben wurde und man das Gangsystem erreichte, war der Raum bereits leer. Zwischen der Beisetzung und diesem Zeitpunkt liegen dreieinhalbtausend Jahre, und in dieser Spanne brach die Verwaltung mehrfach zusammen, wurden Nekropolen unbewacht und Königsgräber systematisch geplündert. Für andere Anlagen ist das reichlich belegt, für diese speziell nicht.

Ein Detail spricht für eine Plünderung in der Antike. Der Sarkophag weist Beschädigungen an Kanten und einer Ecke auf, wie sie beim gewaltsamen Öffnen entstehen, und ein Deckel fehlt vollständig. Wer einen Sarkophag ordentlich öffnet, hebt den Deckel ab und stellt ihn daneben; wer ihn aufbricht, zerschlägt ihn. Von dem Deckel wurde nie ein Bruchstück zugeordnet.

Denkbar ist auch, dass es hier nie eine Beisetzung gab, etwa weil der König anderswo bestattet wurde. Belege dafür fehlen ebenfalls. Die Verschlusssteine sprechen dagegen, denn niemand versiegelt einen leeren Gang.

GetYourGuide

Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx

★ 4,6(3.680 Bewertungen)
  • Die Mastabafelder mit den tatsächlichen Bestattungen liegen am Rundweg
  • Ein lizenzierter Guide erklärt, was in den Kammern gefunden wurde und was nicht
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
Der leere Granitsarkophag in der Grabkammer der Cheops-Pyramide
Der Sarkophag ist da, der Deckel fehlt, der Inhalt ebenfalls. So wurde der Raum erstmals dokumentiert.

Der Fund in der kleinsten Pyramide

Bei der kleinsten der drei Pyramiden wurde tatsächlich etwas gefunden, und dieser Fund ist ein Lehrstück darüber, wie vorsichtig man solche Meldungen lesen muss.

1837 verschaffte sich ein britischer Offizier mit Sprengstoff Zugang zum Inneren. In der Grabkammer standen ein Sarkophag aus Basalt, dazu fand er einen hölzernen Sarg mit dem Namen des Königs und menschliche Knochen. Auf den ersten Blick sah das nach der Bestattung aus, nach der alle gesucht hatten.

Es war beides nicht. Der hölzerne Sarg wurde später datiert und stammt aus einer Zeit rund anderthalb Jahrtausende nach dem Bau der Pyramide, gehört also zu einer späteren Erneuerung der Bestattung. Die Knochen sind noch jünger: Sie stammen nach heutigem Kenntnisstand aus christlicher Zeit, also aus einer Epoche, in der die Pyramide bereits über zweieinhalbtausend Jahre alt war. Es handelt sich um eine spätere Beisetzung in einem längst leeren Raum.

Der Deckel des hölzernen Sargs liegt heute im Britischen Museum. Der Sarkophag aus Basalt ging auf dem Weg nach England verloren, als das Schiff sank.

Dieser Befund ist zugleich ein gutes Beispiel für den Nutzen naturwissenschaftlicher Datierung. Mit bloßem Auge betrachtet passte alles zusammen: ein Sarg mit dem richtigen Namen, Knochen darin, in der richtigen Kammer. Erst die Messung trennte drei verschiedene Zeitebenen voneinander, die im selben Raum lagen. Ohne sie stünde bis heute in Büchern, man habe den König gefunden.

Damit hat ausgerechnet die einzige Pyramide mit einem Fund keinen einzigen Gegenstand aus der Zeit ihres Bauherrn geliefert. Was gefunden wurde, dokumentiert nicht die Bestattung, sondern die spätere Nutzung des Raums.

Der Schacht von 1925

Der merkwürdigste Fund des Geländes betrifft keine Pyramide, sondern einen Schacht, und er ist bis heute nicht erklärt.

1925 stieß ein Grabungsteam östlich der größten Pyramide auf einen senkrechten Schacht, der sorgfältig mit Steinen verfüllt war. Unten lag eine unberührte Kammer. Darin standen vergoldete Möbel von hoher Qualität: ein Bett, ein Tragsessel, ein Baldachin, dazu Schmuck und Gefäße. Außerdem fand sich ein Behälter mit einbalsamierten Eingeweiden.

Die Ausstattung wird der Mutter des Bauherrn der größten Pyramide zugeschrieben. Es ist der reichste ungestörte Fund, den das Plateau je hergegeben hat, und die Dokumentation dieser Grabung gehört zu den sorgfältigsten ihrer Zeit; sie liegt vollständig im digitalen Archiv der Universität Harvard.

Und dann das Problem: Der Sarkophag in dieser Kammer war verschlossen, versiegelt, unberührt. Und leer.

Der Fund hatte auch eine praktische Seite, die selten erwähnt wird. Die vergoldeten Möbel waren beim Öffnen der Kammer in einem Zustand, der eine normale Bergung ausschloss: Das Holz war vergangen, erhalten hatte sich nur der Goldüberzug, der als dünne Folie in der Lage lag, in der das Möbelstück zerfallen war. Die Bergung dauerte Jahre und bestand darin, aus der Lage der Folien die ursprüngliche Form zu rekonstruieren. Die heute ausgestellten Stücke sind entsprechend Nachbauten mit originalem Überzug.

Eine Kammer, die niemand geöffnet hatte, mit einem Sarg, in dem niemand lag, aber mit Eingeweiden derselben Person nebenan. Das ergibt keinen Sinn, wenn man von einer normalen Bestattung ausgeht, und genau deshalb wird der Fall seit hundert Jahren diskutiert.

Der leere versiegelte Sarkophag: vier Erklärungen

Umbettung nach einem Raub

Die ursprüngliche Bestattung wurde anderswo geplündert, der Leichnam ging verloren, und die Ausstattung wurde ohne ihn erneut beigesetzt.

Dafür

Erklärt, warum Eingeweide vorhanden sind, der Körper aber nicht. Passt zum sorgfältigen Verfüllen des Schachts.

Dagegen

Setzt voraus, dass die Beteiligten die Bestattung ohne Leichnam für ausreichend hielten. Belegt ist das nicht.

Symbolische Zweitbestattung

Die Anlage war von vornherein ein Zweitgrab ohne Körper, wie es für Könige mehrfach belegt ist.

Dafür

Solche Anlagen existieren, und die Kultpyramiden des Geländes gehören in dieselbe Kategorie.

Dagegen

Erklärt nicht, warum echte Eingeweide beigesetzt wurden. Ein rein symbolisches Grab braucht keine.

Unvollendete Bestattung

Der Vorgang wurde abgebrochen, bevor der Leichnam eingebracht war, und die Kammer trotzdem verschlossen.

Dafür

Würde den Befund unmittelbar erklären.

Dagegen

Ein Abbruch ohne erkennbaren Grund, bei einer Person dieses Ranges, ist schwer plausibel zu machen.

Die Zuschreibung ist falsch

Die Anlage gehörte nicht der Person, deren Name auf den Objekten steht.

Dafür

Namen auf Grabbeigaben belegen den Stifter, nicht zwingend die bestattete Person.

Dagegen

Die Eingeweide und die Qualität der Ausstattung passen zu einer Bestattung höchsten Ranges.

GetYourGuide

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy

Die Mastabafelder mit ihren Schächten liegen im normalen Ticketbereich. Für das Innere der Pyramiden kommt vor Ort ein eigenes Ticket dazu.

ab 14 €
Ansehen
Reihen von Mastabagräbern im Westfriedhof von Gizeh
Hier liegen die tatsächlichen Bestattungen des Geländes: mehrere tausend, in geraden Reihen.

Bestattungen gibt es im Überfluss, nur nicht dort

Und jetzt die eigentliche Auskunft: Bestattungen gibt es in Gizeh im Überfluss, nur nicht in den Pyramiden.

Rings um die drei Bauwerke liegt eine ausgedehnte Nekropole aus rechteckigen Grabbauten in geraden Reihen, darunter jeweils ein Schacht und eine Kammer. Über sechstausend solcher Anlagen sind bekannt, und ihre Zahl wächst mit jeder Grabungskampagne. Bestattet wurden dort Angehörige des Königshauses, hohe Beamte, Priester und Handwerker mit Rang.

Diese Anlagen sind der Grund, warum das Gelände wissenschaftlich so ergiebig ist. Viele wurden ebenfalls geplündert, aber längst nicht alle, und aus ihnen stammen Statuen, Reliefs, Inschriften, Titel und menschliche Überreste. Was über die Gesellschaft des Alten Reichs bekannt ist, stammt zum großen Teil von hier, nicht aus den Pyramiden.

Ein Teil dieser Anlagen ist außerdem dekoriert, und zwar genau so, wie viele Besucher es fälschlich in den Pyramiden erwarten: mit farbigen Reliefs, Alltagsszenen, Inschriften und Namen. Beamtengräber des Alten Reichs waren ausgeschmückt, Königsgrabkammern nicht. Wer also Bilder sehen will, muss die großen Bauwerke verlassen und in die flachen Steinkästen daneben gehen.

Dazu kommt die Nekropole der Bauleute am Südostrand, in der die Menschen bestattet wurden, die am Bau arbeiteten. Auch dort fanden sich Skelette, und sie liefern Aussagen über Ernährung, Belastung und medizinische Versorgung.

Gräber in den Pyramiden von Gizeh sind also die Ausnahme im Bestand, nicht die Regel. Wer Bestattungen sucht, findet sie in den Feldern ringsum, und die sind frei zugänglich. Wer eine Mumie sehen will, geht ins Museum: Königsmumien sind erhalten, allerdings aus späteren Epochen, nicht aus der Zeit der Pyramidenbauer.

Häufige Fragen

Wurden Mumien in den Pyramiden von Gizeh gefunden?

Nicht aus der Bauzeit. In der kleinsten Pyramide fanden sich menschliche Überreste, die jedoch aus christlicher Zeit stammen und zu einer viel späteren Beisetzung gehören.

Sind die Pyramiden von Gizeh Gräber?

Ja. Sarkophage, Verschlusssteine, Totentempel und die Einordnung in eine lange Reihe von Königsgräbern belegen das, auch wenn die Kammern heute leer sind.

Wo sind die Mumien der Pyramidenbauer-Könige?

Nicht erhalten. Aus der 4. Dynastie ist keine Königsmumie überliefert. Die bekannten Königsmumien stammen aus dem Neuen Reich, also über tausend Jahre später.

Wann wurden die Kammern ausgeräumt?

Unbekannt. Als die Räume in der Neuzeit erstmals dokumentiert wurden, waren sie bereits leer. Zwischen Beisetzung und Dokumentation liegen dreieinhalbtausend Jahre.

Kann man Bestattungen vor Ort sehen?

Die Grabfelder ringsum sind frei begehbar. Einzelne Anlagen sind geöffnet, welche das sind, wechselt mit dem Restaurierungsstand.

GetYourGuide

Tagestour zum Großen Ägyptischen Museum und zum Plateau

★ 4,7(4.062 Bewertungen)
  • Die erhaltenen Königsmumien und Grabausstattungen stehen im Museum, nicht auf dem Plateau
  • Plateau und Museum an einem Tag, ohne zwei Anfahrten selbst zu organisieren
  • Eintritte, deutschsprachige Führung, Abholung und Mittagessen sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn