Napoleon in Ägypten ist ein Kapitel, das militärisch schnell erzählt ist und wissenschaftlich bis heute nachwirkt. Der Feldzug begann 1798, endete 1801, verlor die Flotte, erreichte keines seiner strategischen Ziele und gilt als gescheitert. Was er hinterließ, hat trotzdem eine ganze Disziplin begründet.
Der Grund dafür ist eine Entscheidung, die für einen Feldzug ungewöhnlich war. Mit der Armee reiste eine Kommission für Wissenschaften und Künste, also ein ziviler Stab aus Vermessern, Zeichnern, Ingenieuren, Naturkundlern, Ärzten und Sprachkundigen. Sie umfasste rund einhundertsiebzig Mitglieder, von denen fast alle die Reise antraten.
Diese Gruppe tat, was Armeen sonst nicht tun: Sie vermaß, zeichnete und beschrieb systematisch, was sie vorfand. In Gizeh bedeutete das die erste Aufnahme der Anlage, die diesen Namen verdient, und für Europa bedeutete es, dass die Bauwerke zum ersten Mal nicht als Reiseanekdote, sondern als Datensatz vorlagen.
Ein Satz zur Einordnung gehört vorweg, weil er sonst untergeht. Diese Kommission reiste nicht auf Einladung, sondern im Tross einer Invasionsarmee. Der Feldzug war ein Krieg mit Gefechten, Besatzung und Toten auf beiden Seiten, und die wissenschaftliche Leistung entstand unter genau diesen Bedingungen. Beides gehört zusammen und lässt sich nicht sauber trennen: Das Tafelwerk ist ein Ergebnis der Forschung und ein Ergebnis der Eroberung.
Diese Seite behandelt vier Dinge: was am Plateau tatsächlich getan wurde, was daraus entstand, warum derselbe Vorgang zugleich die Ägyptologie und die Pyramidenzahlenmystik hervorbrachte, und warum ausgerechnet diese Expedition der beste Gegenbeleg gegen die bekannteste Legende über sie ist.
Was die Kommission am Plateau tat
Was die Kommission am Plateau tat, unterscheidet sich grundlegend von dem, was Reisende vorher taten.
Frühere europäische Besucher hatten beschrieben, geschätzt und gelegentlich gezeichnet. Was fehlte, war ein einheitliches Verfahren: Wer misst wo, mit welchem Bezugspunkt, und wie wird das Ergebnis festgehalten. Genau das brachte die Kommission mit, weil sie aus Leuten bestand, die Vermessung als Beruf betrieben.
Am Plateau bedeutete das dreierlei. Erstens wurden die Bauwerke aufgenommen, also Grundflächen, Höhen und Neigungen bestimmt, soweit der Schutt es zuließ. Zweitens wurden Ansichten und Schnitte gezeichnet, die den Zustand um 1800 dokumentieren, einschließlich der Verschüttungen, die es heute nicht mehr gibt. Drittens wurde die Lage im Gelände kartiert, also das Verhältnis der Bauwerke zueinander und zum Fruchtland.
Genau sind diese Aufnahmen dabei nicht durchweg. Die Bedingungen waren schwierig, die Bauwerke teils verschüttet, die Instrumente den heutigen weit unterlegen, und einzelne Werte wurden später deutlich korrigiert. Die maßgeblichen Vermessungen stammen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert und aus jüngeren Kampagnen; wer heute mit Zahlen arbeitet, greift nicht auf die Tafeln von 1800 zurück. Ihr Wert liegt woanders.
Der praktische Wert dieser Aufnahmen ist bis heute erheblich, und zwar aus einem Grund, der wenig mit Genauigkeit zu tun hat. Sie zeigen einen Zustand, den niemand mehr sehen kann. Zwischen 1800 und heute wurden Bereiche freigelegt, Schutt abgetragen, Wege angelegt und ganze Stadtteile gebaut. Wer wissen will, wie das Gelände vor all dem aussah, schaut in diese Tafeln.





Geführter Rundgang mit Blick auf den heutigen Zustand
- Die Tafeln von 1800 zeigen Verschüttungen und Wege, die es nicht mehr gibt; der Vergleich lohnt sich vor Ort
- Der Eintritt auf das Gelände ist enthalten, Abholung und Innenbesichtigung sind Zubuchungen
- Rund drei Stunden, deutschsprachige Führung möglich
- Nach Anbieterangabe bis 24 Stunden vorher kostenfrei stornierbar

Die Beschreibung Ägyptens
Aus diesem Material entstand ein Werk, dessen Entstehung fast so lange dauerte wie eine Generation.
Die Ergebnisse erschienen unter dem Titel einer Beschreibung Ägyptens, herausgegeben von Edme-François Jomard, mit einem historischen Vorwort von Joseph Fourier. Der erste Band kam 1809 heraus, der letzte um 1829. Für den Druck wurde eigens eine Presse gebaut. Das Ergebnis umfasst mehrere hundert Tafeln in mehreren Bänden, dazu Textbände, und es ist bis heute in digitalisierter Form frei einsehbar.
Für die Wirkung war weniger die Genauigkeit entscheidend als die Form. Zum ersten Mal lag Ägypten als geschlossenes Werk vor, mit Tafeln in großem Format, systematisch geordnet und in Europa verfügbar. Wer sich für diese Kultur interessierte, musste nicht mehr reisen und war nicht mehr auf Reiseberichte angewiesen.
Der zweite Ertrag der Expedition war ein Fund, der zunächst unscheinbar wirkte. 1799 stieß man bei Befestigungsarbeiten im Nildelta auf einen Steinblock mit demselben Text in drei Schriften. Ohne ihn wäre die Entzifferung der Hieroglyphen zwei Jahrzehnte später nicht möglich gewesen, und ohne diese Entzifferung wäre alles, was auf ägyptischen Wänden steht, bis heute stumm. Der Block selbst ging nach der Kapitulation an die Briten und liegt seither in London, was ein eigenes, bis heute laufendes Thema ist.
Hat Napoleon auf den Sphinx geschossen?
Jetzt zu der Legende, wegen der diese Expedition den meisten Menschen überhaupt bekannt ist, und hier liegt eine schöne Ironie.
Erzählt wird, französische Soldaten hätten dem Sphinx die Nase abgeschossen, beim Zielübungsschießen oder aus Übermut. Die Geschichte ist falsch, und der beste Beleg dagegen stammt ausgerechnet von der Expedition selbst: Ihre Zeichner bildeten den Sphinx ohne Nase ab. Sie fanden ihn so vor. Wer die Tafeln aufschlägt, sieht das Gesicht in genau dem Zustand, den die Legende den Zeichnern zur Last legt.
Hinzu kommt, dass ältere Bildquellen dasselbe zeigen und dass der Befund am Bruch selbst gegen einen Schuss spricht. Ausführlich steht das auf der Seite zur Nase, wo auch die Frage behandelt wird, wer es dann war und wann.
Für diese Seite ist eine andere Frage interessanter: Warum hält sich die Geschichte so hartnäckig? Vermutlich, weil sie zwei Dinge verbindet, die gut zusammenpassen. Es gab tatsächlich eine europäische Armee vor Ort, und es gab tatsächlich Schäden an ägyptischen Denkmälern durch europäische Hand, nur eben andere und später. Eine Erzählung, die einen bekannten Namen mit einem sichtbaren Schaden verknüpft, ist leichter zu merken als eine Quellenlage.
Drei Behauptungen zur Expedition
- Falsch
Französische Soldaten haben dem Sphinx die Nase abgeschossen.
Die Zeichner der Expedition bildeten den Sphinx ohne Nase ab, und ältere Darstellungen zeigen dasselbe. Der Schaden ist deutlich älter.
- Falsch
Napoleon hat die Pyramiden entdeckt.
Sie waren nie verschollen. Was 1798 begann, ist eine systematische Aufnahme, keine Entdeckung.
- Stimmt
Die Expedition war wissenschaftlich ein Erfolg und militärisch ein Misserfolg.
Militärisch endete sie mit der Kapitulation, wissenschaftlich mit einem Tafelwerk und dem Fund, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte.
Die unbequemste Erbschaft
Bleibt die unbequemste Erbschaft dieser Expedition, und sie wird selten mitgeteilt.
Derselbe Herausgeber, der das Tafelwerk verantwortete, beschäftigte sich intensiv mit den Maßen der größten Pyramide und versuchte, aus ihnen Maßeinheiten und geografische Bezüge abzuleiten. Aus dieser Beschäftigung entwickelte sich im neunzehnten Jahrhundert eine ganze Tradition: die Vorstellung, in den Abmessungen des Bauwerks seien Naturkonstanten, Erdmaße oder Prophezeiungen verschlüsselt.
Diese Tradition hat mit Ägyptologie nichts zu tun, und ihre Rechnungen funktionieren nur, weil ein Bauwerk mit vielen Maßen und eine Zahl mit vielen Nachkommastellen sich fast immer irgendwie zusammenbringen lassen. Sie stammt aber aus demselben Impuls, der auch die Wissenschaft hervorbrachte: dem Wunsch, dieses Bauwerk zu vermessen und in den Zahlen einen Sinn zu finden.
Für die Beurteilung heutiger Behauptungen ist das nützlich. Wer auf eine Rechnung stößt, in der die Pyramide den Erdumfang oder die Lichtgeschwindigkeit enthält, sieht keine neue Entdeckung, sondern die Fortsetzung einer zweihundert Jahre alten Beschäftigung. Ausführlich behandeln das die Seiten zu den alternativen Theorien.
Die Expedition hat also beides angestoßen: die Disziplin, die mit Belegen arbeitet, und die Tradition, die mit Zahlen spielt. Beide gehen auf dieselben Tafeln zurück, und sie unterscheiden sich nicht im Gegenstand, sondern in der Methode.
- Feldzug
- 1798 bis 1801, militärisch gescheitert
- Zivile Kommission
- rund einhundertsiebzig Fachleute
- Tafelwerk
- erschienen ab 1809, letzter Band um 1829
- Herausgeber
- Edme-François Jomard, Vorwort von Joseph Fourier
- Schlüsselfund
- der dreisprachige Steinblock von 1799, heute in London
- Nasenlegende
- durch die eigenen Tafeln der Expedition widerlegt
Was heute davon zu sehen ist
Was davon heute am Plateau zu sehen ist, lässt sich in zwei Sätzen sagen, und der zweite ist der interessantere.
Von der Expedition selbst ist vor Ort nichts erhalten. Es gibt keine Tafel, keinen Markstein, kein Gebäude. Wer nach Spuren sucht, sucht vergeblich, denn ihr Beitrag bestand aus Papier.
Sichtbar ist dagegen die Wirkung. Dass die amtliche Übersicht zum Gelände heute einzelne Bauwerke, Tempel und Gräberfelder benennt und ordnet, dass die Anlagen Nummern tragen und dass die gesamte Nekropole als Ensemble auf der Welterbeliste der UNESCO steht, setzt einen Vorgang voraus, der um 1800 begann: die Vorstellung, dass man ein solches Gelände vollständig aufnehmen, ordnen und beschreiben kann.
Sichtbar ist die Wirkung außerdem in einer Gewohnheit, die niemand mehr hinterfragt: dass man ein Denkmal fotografiert, bevor man es verändert. Der Gedanke, den Zustand vor einem Eingriff festzuhalten, weil er sonst unwiederbringlich verloren ist, ist an diesem Ort um 1800 zum ersten Mal in großem Maßstab angewandt worden. Jede Dokumentation eines Umbaus, auch die des laufenden, steht in dieser Linie.
Diese Vorstellung ist heute selbstverständlich und war es damals nicht. Sie ist die eigentliche Hinterlassenschaft der Expedition, und sie ist deutlich folgenreicher als jede Legende über eine Nase.
Die Expedition zum Nachlesen
Das Tafelwerk selbst ist digitalisiert und frei einsehbar, allerdings auf Französisch und in Bänden, die man nicht durchblättert. Wer die Geschichte der Expedition und ihrer Folgen im Zusammenhang lesen möchte, findet dazu deutschsprachige Gesamtdarstellungen.
Häufige Fragen
Hat Napoleon dem Sphinx die Nase abgeschossen?
Nein. Die Zeichner seiner eigenen Expedition bildeten den Sphinx bereits ohne Nase ab, und ältere Darstellungen zeigen dasselbe.
Was hat die Expedition in Gizeh gemacht?
Vermessen, gezeichnet und kartiert. Daraus entstand die erste systematische Aufnahme der Anlage.
Was ist das Tafelwerk?
Eine mehrbändige Beschreibung Ägyptens, erschienen ab 1809 bis etwa 1829, mit mehreren hundert Tafeln. Sie ist digitalisiert frei zugänglich.
War der Feldzug erfolgreich?
Militärisch nicht. Er endete mit der Kapitulation. Wissenschaftlich gilt er als Beginn der modernen Beschäftigung mit Ägypten.
Woher stammt der Stein von Rosetta?
Er wurde 1799 im Nildelta bei Befestigungsarbeiten gefunden und ging nach der Kapitulation an die Briten.
Sieht man vor Ort noch etwas davon?
Nein. Der Beitrag der Expedition bestand aus Aufzeichnungen, nicht aus Bauten.
