Antike Graffiti in Gizeh sind ein Thema, das eine verbreitete Vorstellung auf den Kopf stellt: Dieser Ort ist nicht seit der Neuzeit ein Reiseziel, sondern seit mindestens dreitausend Jahren.
Das ergibt sich aus einer Zahl, die man sich vergegenwärtigen muss. Die Pyramiden entstanden um 2560 vor Christus. Als die ersten Besucher kamen, die wir als Besucher bezeichnen würden, also Leute, die nicht zum Kult gehörten und nicht dort arbeiteten, waren die Bauwerke bereits rund tausend Jahre alt. Zwischen dem Bau und dem ersten überlieferten Fremdenverkehr liegt mehr Zeit als zwischen Karl dem Großen und uns.
Diese Besucher haben Spuren hinterlassen. Manche schrieben ihren Namen an eine Wand, manche stellten eine Stele auf, manche schrieben ein Buch. Und für die Forschung sind gerade die beiläufigen Spuren wertvoll, weil sie zeigen, wie der Ort zu verschiedenen Zeiten wahrgenommen wurde.
Warum das mehr ist als eine Kuriosität, zeigt ein Gedanke zur Reichweite. Die Bauwerke stehen seit rund viereinhalbtausend Jahren. Von dieser Zeit waren sie höchstens die ersten fünfhundert Jahre ein funktionierender Kultbetrieb. Den weitaus größten Teil ihrer Existenz waren sie also das, was sie heute sind: ein altes Bauwerk, das Menschen ansehen kommen. Der Fremdenverkehr ist nicht die späte Zweitverwertung dieses Ortes, sondern sein längster Zustand.
Diese Seite geht die Schichten durch, von der ältesten zur jüngsten. Sie trennt dabei ausdrücklich zwischen dem, was für Gizeh belegt ist, und dem, was allgemein für ägyptische Denkmäler gilt, weil in diesem Themenfeld beides gern vermischt wird.
Die Schichten der Besucher
- um 2560 v. Chr.
Bau. Was in dieser Zeit an Zeichen entsteht, sind Markierungen der Bautrupps und keine Besucherspuren.
- ab etwa 1500 v. Chr.
Neues Reich. Die Anlage ist tausend Jahre alt, teils versandet. Ägypter kommen als Besucher und Verehrende, der Sphinx wird freigelegt und bekommt einen eigenen Kult.
- 5. Jahrhundert v. Chr.
Der älteste erhaltene Bericht eines auswärtigen Besuchers entsteht, mit Zahlen, die sich später als falsch erweisen.
- 4. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.
Griechisch und römisch geprägte Reisende bewegen sich durch Ägypten und hinterlassen an vielen Denkmälern Inschriften.
- um 1200
Eine arabische Inschrift im Inneren der zweiten Pyramide belegt einen Besuch, rund sechshundert Jahre bevor ein Europäer sich für den Ersten hielt.
- 1818
Ein europäischer Forschungsreisender hinterlässt in derselben Kammer seinen Namen in schwarzer Farbe, mit Datum.
- heute
Dieselbe Handlung ist Sachbeschädigung an einem Welterbe und wird verfolgt.
Als Ägypter selbst zu Besuchern wurden
Die erste Besucherschicht ist die überraschendste, weil sie aus Ägypten selbst stammt.
Im Neuen Reich, also rund tausend Jahre nach dem Bau, war das Plateau kein Baubetrieb mehr, sondern eine Sehenswürdigkeit. Die Anlagen waren teils versandet, der Kult um die Könige der vierten Dynastie längst erloschen, und der Sphinx ragte nur noch mit dem Kopf aus dem Sand. Für die Menschen dieser Zeit waren die Bauwerke ähnlich alt und ähnlich rätselhaft wie für uns eine römische Ruine.
Genau in dieser Situation entstand eine neue Verehrung. Der Sphinx wurde freigelegt, bekam einen Kult als Gottheit und wurde zum Ziel von Besuchen, die man ohne Übertreibung als Wallfahrt und Ausflug zugleich beschreiben kann. Das bekannteste Zeugnis dafür ist eine Stele zwischen den Pfoten, in der ein König seinen eigenen Besuch festhält; sie hat eine eigene Seite.
Belegt ist diese Phase nicht nur durch Bauwerke, sondern auch durch die Art, wie das Gelände damals genutzt wurde. Zwischen den alten Anlagen entstanden neue kleine Heiligtümer, und die amtliche Übersicht zum Gelände führt die Nekropole entsprechend nicht als abgeschlossenen Bauzustand des Alten Reiches, sondern als Ort mit einer langen Nutzungsgeschichte. Was wir heute sehen, ist also nie nur die vierte Dynastie, sondern eine Überlagerung.
Für unser Thema ist daran zweierlei bemerkenswert. Erstens: Die Idee, an einem alten Bauwerk eine Inschrift zu hinterlassen, ist hier nicht respektlos, sondern die übliche Form, einen Besuch zu dokumentieren. Zweitens: Schon damals war die Deutung unsicher. Die Menschen des Neuen Reiches wussten nicht mehr genau, wer die Pyramiden gebaut hatte, und schrieben ihnen teils andere Herrscher zu. Der Ort war also bereits in der Antike ein Gegenstand von Vermutungen.





Halbtagestour mit Innenraum als Zubuchung
- Die ältesten Besucherinschriften des Geländes stehen im Inneren eines Bauwerks und nicht auf der Außenfläche
- Der Eintritt auf das Gelände und die Abholung an der Unterkunft sind enthalten
- Die Innenbesichtigung ist als Zubuchung vorgesehen und damit eine bewusste Entscheidung
- Deutschsprachige Führung möglich, nach Anbieterangabe bis 24 Stunden vorher kostenfrei stornierbar

Griechen und Römer als Reisende
Die zweite Schicht ist die griechisch und römisch geprägte, und hier beginnt der Fremdenverkehr im heutigen Sinn.
Der älteste erhaltene Bericht eines auswärtigen Besuchers stammt aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, von einem griechischen Autor, der Ägypten bereiste und ausführlich beschrieb, was ihm über die Pyramiden erzählt wurde. Sein Text ist bis heute die meistzitierte antike Quelle zu diesem Ort, und er ist zugleich ein Lehrstück: Die Zahlen, die er nennt, etwa zur Zahl der Arbeiter und zur Bauzeit, gelten heute als unzuverlässig, weil er nicht aus eigener Anschauung berichtete, sondern wiedergab, was ihm Führer vor Ort erzählten. Der erste überlieferte Reisebericht über Gizeh beruht also auf Auskünften von Fremdenführern, und ein Teil davon war schon damals ausgeschmückt.
Aus derselben Epoche und den folgenden Jahrhunderten stammen an ägyptischen Denkmälern zahlreiche Inschriften von Reisenden: Namen, Herkunft, Beruf, oft nicht mehr als ein Vermerk, dass jemand da war und gestaunt hat. Für die Forschung sind diese Zeugnisse ergiebig, weil sie zeigen, wer unterwegs war und was als sehenswert galt. Sie belegen außerdem etwas, das man einer Inschrift nicht ansieht: dass es eine Infrastruktur gab. Wer aus dem Mittelmeerraum bis an den Nil reiste und dort an einem Denkmal seinen Namen hinterließ, brauchte Schiffe, Unterkünfte, Wegbeschreibungen und Leute, die ihm den Weg zeigten und etwas erzählten. Der Fremdenverkehr an diesem Ort ist also nicht nur alt, er war auch früh organisiert.
An dieser Stelle ist allerdings Genauigkeit nötig. Dass es solche Inschriften in Ägypten in großer Zahl gibt, ist gut belegt. Ein zitierfähiger Nachweis für einen dokumentierten Bestand griechischer oder lateinischer Besucherinschriften an den Bauwerken von Gizeh selbst ließ sich in dieser Recherche jedoch nicht finden. Wir führen das deshalb als allgemeines Bild der Zeit und nicht als Aussage über dieses Gelände. Wer es genauer wissen will, findet im Gizeh-Archiv der Harvard University den mit Abstand größten digitalen Bestand an Grabungsunterlagen zu diesem Ort, einschließlich Tagebüchern und Fotografien.
Die arabische Inschrift in der zweiten Pyramide
Die dritte Schicht ist die interessanteste, weil sie eine gängige Erzählung korrigiert.
In der Grabkammer der zweiten Pyramide steht arabische Schrift, die einen Besuch um das Jahr 1200 belegt. Als 1818 ein italienischer Forschungsreisender dieselbe Kammer betrat und dort in schwarzer Farbe seinen Namen und das Datum hinterließ, hielt er sich für den ersten Menschen der Neuzeit an diesem Ort. Er war rund sechshundert Jahre zu spät, und der Beleg dafür stand wenige Meter neben seiner eigenen Unterschrift.
Dass er sich für den Ersten hielt, ist dabei nachvollziehbarer, als es klingt. Er kam mit einer Ausbildung, die ihn Sprachen und Schriften Europas lesen ließ, und die arabische Inschrift war für ihn ein Zeichen ohne Bedeutung. Die Kammer war leer, der Sarkophag ohne Deckel, und alles sprach dafür, dass hier lange niemand gewesen war. Genau so entstehen Irrtümer in der Wissenschaftsgeschichte: nicht aus Unredlichkeit, sondern daraus, dass man Zeugnisse übersieht, die man nicht lesen kann.
Dieses Nebeneinander ist mehr als eine Anekdote. Es zeigt, dass die europäische Erzählung von der Wiederentdeckung Ägyptens eine Perspektivfrage ist. Entdeckt wurde nichts, was nicht schon bekannt war; verändert hat sich, wer darüber schrieb und in welcher Sprache.
Bemerkenswert ist außerdem, wie unterschiedlich beide Inschriften heute gelesen werden. Die mittelalterliche gilt als Quelle. Die von 1818 gilt ebenfalls als Quelle, wird aber zugleich als Beschädigung wahrgenommen, weil sie mit Farbe aufgetragen wurde und weil ihr Urheber wusste, dass er an einem Denkmal schrieb. Die Grenze zwischen Zeugnis und Schaden verläuft also nicht entlang des Alters, sondern entlang der Absicht und der Methode.
Ein dritter Fall gehört dazu, weil er die Grenze noch schärfer zieht. Von der Öffnung der größten Pyramide im neunzehnten Jahrhundert stammt eine Inschrift in einer der Kammern über der Grabkammer, deren Echtheit seit Jahrzehnten bestritten wird. Der Streit darum ist auf einer anderen Seite dieses Angebots ausführlich behandelt und gehört nicht hierher. Er zeigt aber, was auf dem Spiel steht: Sobald eine Inschrift als Beleg für etwas dient, wird die Frage, wer sie wann anbrachte, zur Kernfrage. Bei einer Besucherinschrift ist das gleichgültig, bei einer Bauinschrift entscheidet es über die Zuschreibung eines ganzen Bauwerks.
Heute ist die Sache eindeutig. Die Nekropole steht seit 1979 auf der Welterbeliste der UNESCO, und Eingriffe an der Substanz sind untersagt. Wer heute seinen Namen an einen Block schreibt, produziert keine Quelle für spätere Forschung, sondern einen Schaden, der entfernt werden muss und der strafrechtlich verfolgt wird. Dass dieselbe Handlung in einer Epoche Dokument und in einer anderen Delikt ist, gehört zu den unbequemeren Einsichten dieses Themas.
Bauinschrift oder Besucherinschrift
Die beiden werden regelmäßig verwechselt, obwohl sie aus verschiedenen Jahrtausenden stammen und Verschiedenes belegen.
| Merkmal | Markierungen der Bautrupps | Besucherinschriften |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | während des Baus, um 2560 v. Chr. | ab dem Neuen Reich, also rund tausend Jahre später |
| Ort | an verdeckten Stellen, etwa in Kammern über der Grabkammer | an zugänglichen Flächen, dort wo Besucher hinkamen |
| Zweck | Arbeitsorganisation: Mannschaftsnamen, Mengen, Datierungen | Anwesenheit festhalten: Name, Herkunft, gelegentlich ein Kommentar |
| Aussagewert | Bauablauf, Organisation, Datierung des Bauwerks | Rezeption: wer kam, wann, und was galt als sehenswert |
| Wo behandelt | auf der Seite zu den Bestattungen und den Bautrupps | auf dieser Seite |
- Markierungen der Bautrupps
- während des Baus, um 2560 v. Chr.
- Besucherinschriften
- ab dem Neuen Reich, also rund tausend Jahre später
- Markierungen der Bautrupps
- an verdeckten Stellen, etwa in Kammern über der Grabkammer
- Besucherinschriften
- an zugänglichen Flächen, dort wo Besucher hinkamen
- Markierungen der Bautrupps
- Arbeitsorganisation: Mannschaftsnamen, Mengen, Datierungen
- Besucherinschriften
- Anwesenheit festhalten: Name, Herkunft, gelegentlich ein Kommentar
- Markierungen der Bautrupps
- Bauablauf, Organisation, Datierung des Bauwerks
- Besucherinschriften
- Rezeption: wer kam, wann, und was galt als sehenswert
- Markierungen der Bautrupps
- auf der Seite zu den Bestattungen und den Bautrupps
- Besucherinschriften
- auf dieser Seite
Die Markierungen der Bautrupps sind der Grund, warum die Zuschreibung der größten Pyramide als gesichert gilt. Sie sind keine Besucherspuren und werden hier nur zur Abgrenzung genannt.
Häufige Fragen
Seit wann kommen Besucher nach Gizeh?
Spätestens seit dem Neuen Reich, also rund tausend Jahre nach dem Bau. Damals wurde der Sphinx freigelegt und verehrt.
Wer schrieb den ältesten erhaltenen Reisebericht?
Ein griechischer Autor des fünften Jahrhunderts vor Christus. Seine Zahlen gelten als unzuverlässig, weil er Führer vor Ort zitierte.
Gibt es griechische Graffiti an den Pyramiden?
An ägyptischen Denkmälern allgemein ja, in großer Zahl. Für Gizeh selbst ließ sich dazu kein zitierfähiger Nachweis finden.
War Belzoni der Erste in der Chephren-Pyramide?
Nein. Eine arabische Inschrift in derselben Kammer belegt einen Besuch rund sechshundert Jahre früher.
Sind Bauinschriften dasselbe wie Graffiti?
Nein. Die Markierungen der Bautrupps stammen aus der Bauzeit, sitzen an verdeckten Stellen und dienten der Arbeitsorganisation.
Darf man heute etwas hinterlassen?
Nein. Das Gelände ist Welterbe, Eingriffe sind untersagt und werden verfolgt.
