Es ist die bekannteste Geschichte über dieses Bauwerk, und sie ist falsch. Napoleons Soldaten haben die Nase des Sphinx von Gizeh nicht abgeschossen.
Die Erzählung ist griffig: 1798 zieht ein französisches Heer nach Ägypten, die Artillerie übt an der Figur, ein Treffer erwischt das Gesicht. Sie wird bis heute von Reiseleitungen erzählt und steht in älteren Reiseführern. Nur passt sie nicht zu den Quellen.
Denn die Nase fehlte bereits, bevor Napoleon geboren wurde. Der dänische Reisende Frederic Louis Norden zeichnete die Figur 1737 vor Ort, sorgfältig und mit Maßangaben. Auf seinen Blättern ist das Gesicht bereits ohne Nase, mit derselben Bruchfläche, die heute zu sehen ist. Zwischen dieser Zeichnung und dem ägyptischen Feldzug liegen einundsechzig Jahre.
Damit ist die Sache im Grunde erledigt, und trotzdem lohnt sich die Frage weiter. Denn wenn nicht Napoleon, wer dann, und vor allem wann? An dieser Stelle wird es interessant, weil die schriftliche Überlieferung und der Befund am Stein zu unterschiedlichen Antworten führen.
Ein Wort noch zur Zählebigkeit der Erzählung. Sie ist nicht auf Napoleon beschränkt: In verschiedenen Fassungen werden britische Truppen, deutsche Soldaten, osmanische Kanoniere oder Mamluken genannt, je nachdem, wer die Geschichte erzählt und wen er nicht mag. Dass dieselbe Handlung unterschiedlichen Armeen zugeschrieben wird, ist ein verlässliches Kennzeichen einer Wandersage.
Einig sind sich beide nur in einem Punkt: Es war kein Unfall und keine Verwitterung. Jemand hat die Nase gezielt entfernt.

Was die Bildquellen eingrenzen
Die Bildquellen sind in diesem Fall ungewöhnlich gut, und sie grenzen den Zeitraum von der einen Seite ein.
Norden war Marineoffizier und als Zeichner geschult. Er reiste im Auftrag des dänischen Königs nach Ägypten und fertigte Ansichten an, die als Dokumentation gedacht waren und nicht als Kunst. Seine Blätter erschienen erst nach seinem Tod im Druck, doch die Aufnahmen vor Ort datieren auf 1737. Sie zeigen ein Gesicht ohne Nase. Das ist die entscheidende Quelle gegen die Napoleon-Erzählung.
Ältere Darstellungen helfen weniger, als man hoffen würde. Vor Norden gibt es europäische Ansichten, die aber häufig aus der Erinnerung oder nach Beschreibungen entstanden und die Figur teils mit Nase, teils ohne, teils mit vollständig erfundenen Zügen zeigen. Als Beleg taugen sie nicht.
Von der anderen Seite grenzt eine Schriftquelle ein. Ein ägyptischer Geschichtsschreiber des 15. Jahrhunderts berichtet, ein Sufi namens Muhammad Sa'im ad-Dahr habe die Figur im Jahr 1378 verunstaltet, weil Bauern der Umgebung dort Ernteopfer niederlegten und er dies für Götzendienst hielt. Nach demselben Bericht wurde er dafür getötet.
Was für die Chronik spricht, ist ihre Beiläufigkeit. Der Autor führt die Episode nicht als Sensation an, sondern im Rahmen einer Beschreibung der Gegend, und er nennt einen konkreten Namen, ein Jahr und ein nachvollziehbares Motiv. Erfundene Geschichten sind selten so unspektakulär. Was dagegen spricht, ist der zeitliche Abstand und der Umstand, dass sich das geschilderte Nachspiel, die Tötung des Täters, nicht unabhängig bestätigen lässt.
Diese Erzählung ist rund siebzig Jahre nach dem geschilderten Ereignis aufgeschrieben worden, von einem Autor, der nicht dabei war. Sie ist damit kein Augenzeugenbericht, aber auch keine Legende ohne Grundlage.





Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx
- Die Bruchfläche ist von der Terrasse aus zu sehen, allerdings nur mit etwas Brennweite
- Ein lizenzierter Guide trennt vor Ort die überlieferten Geschichten von den Befunden
- Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
- Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
Wer und wann: die Erklärungen im Vergleich
Napoleons Artillerie, 1798
Französische Soldaten schossen die Nase im Zuge des Ägyptenfeldzugs ab.
Dafür
Weit verbreitet, wird bis heute vor Ort erzählt, passt zum Bild einer respektlosen Besatzungsarmee.
Dagegen
Zeitlich ausgeschlossen. Eine Zeichnung von 1737 zeigt das Gesicht bereits ohne Nase, einundsechzig Jahre vor dem Feldzug.
Der Sufi ad-Dahr, 1378
Ein Gottesmann zerstörte die Nase aus religiösen Gründen, weil die Figur verehrt wurde.
Dafür
Ausdrücklich in einer arabischen Chronik überliefert, mit Namen, Jahr und Begründung. Passt zum Bildersturm gegen kultisch genutzte Figuren.
Dagegen
Aufgeschrieben rund siebzig Jahre nach dem Ereignis, ohne Augenzeugen. Die Werkzeugspuren am Stein deuten nach Einschätzung von Fachleuten auf einen früheren Zeitraum.
Frühere Zerstörung, 3. bis 10. Jahrhundert
Die Nase wurde deutlich früher entfernt, im Zuge antiker oder spätantiker Bilderstürme.
Dafür
Stützt sich auf die Untersuchung der Werkzeugspuren und deren Verwitterungszustand.
Dagegen
Kein schriftlicher Beleg. Die Datierung beruht auf einer Einschätzung, nicht auf einem Messwert.
Verwitterung und Erosion
Die Nase fiel von selbst ab, weil sie als vorstehendes Bauteil besonders angegriffen war.
Dafür
Vorstehende Teile verwittern tatsächlich schneller, und das Gestein ist stellenweise weich.
Dagegen
Die Bruchfläche ist flach und trägt Ansatzspuren von Stangen oder Meißeln. Erosion hinterlässt keine geraden Kanten und keine Hebelpunkte.
Der Stein spricht deutlich
Der Stein selbst ist die belastbarste Quelle, und er spricht ziemlich deutlich.
In den 1980er Jahren untersuchte der Archäologe Mark Lehner das Gesicht im Detail. Er fand am Nasenrücken und unterhalb des Nasenflügels Spuren, die auf angesetzte Stangen oder Meißel hindeuten: schmale, längliche Vertiefungen an Stellen, an denen man ein Werkzeug ansetzen würde, um ein Bauteil abzuhebeln. Die Untersuchung des Gesichts führte zu dem Schluss, dass die Nase abgetrieben und nicht abgebrochen wurde.
Das Schadensbild passt dazu. Ein Geschoss erzeugt einen muschelförmigen Ausbruch mit Rissen ringsum, weil die Energie punktförmig eingetragen wird. Hier liegt eine vergleichsweise ebene Fläche vor, ohne strahlenförmige Risse. Wer die Bruchstelle aus der Nähe betrachtet, sieht keinen Krater, sondern eine abgearbeitete Fläche.
Die Vorgehensweise lässt sich sogar rekonstruieren. Von oben angesetzte Keile oder Stangen, ein seitlicher Hebel, dann kippt das Bauteil nach vorn und fällt. Für eine Nase von schätzungsweise anderthalb Metern Höhe ist das mit einfachem Gerät machbar, wenn man an sie herankommt, und die Figur war damals bis zum Hals versandet. Man stand also praktisch auf Augenhöhe.
Der Vollständigkeit halber: Werkzeugspuren lassen sich nicht datieren wie ein Fund. Man kann beurteilen, wie stark eine Bruchfläche seither verwittert ist, und daraus auf eine Größenordnung schließen, doch das Ergebnis hängt an Annahmen über Klima, Sandbedeckung und Materialhärte. Eine Jahreszahl liefert dieses Verfahren nicht, nur einen Bereich, und der ist weit.
Bleibt der Widerspruch zur Chronik. Der Zeitraum, den die Spurenlage nahelegt, liegt nach Lehners Einschätzung früher als 1378. Beide Aussagen lassen sich nicht ohne Weiteres vereinbaren, und keine der beiden ist stark genug, die andere zu verdrängen.
Was sonst noch fehlt
Die Nase ist nicht das Einzige, was fehlt, und die übrigen Fehlstellen sind aufschlussreicher, als es zunächst wirkt.
Wer wissen will, was fehlt am Sphinx von Gizeh, bekommt eine kurze Liste: die Nase, der Bart, Teile der Stirnschlange, die gesamte glatte Oberfläche des Rumpfs und die farbige Fassung. Vom Bart existieren Bruchstücke, eines davon im Britischen Museum, weitere in Kairo. Von der Nase existiert nichts.
Das ist bemerkenswert. Ein Bauteil dieser Größe zerfällt nicht spurlos, und die Grube ringsum ist mehrfach vollständig ausgeräumt worden. Trotzdem tauchte kein Fragment auf, das sich der Nase zuordnen ließe. Entweder wurde sie zerschlagen und die Bruchstücke wurden verbaut oder abtransportiert, oder sie liegt an einer Stelle, die nie untersucht wurde.
Eine hartnäckige Behauptung sei hier ausdrücklich verneint: Die Nase liegt nicht im Britischen Museum. Dort befindet sich ein Stück des Bartes, und die Verwechslung der beiden Fundstücke ist vermutlich der Ursprung dieser Erzählung.
Denkbar ist übrigens, dass beides zutrifft. Eine Figur kann mehrfach beschädigt worden sein: erst in der Spätantike, dann noch einmal im 14. Jahrhundert, wobei der zweite Eingriff einen bereits vorhandenen Schaden vergrößerte. Für diese Lesart gibt es keinen Beleg, aber sie würde erklären, warum eine glaubwürdige Chronik und ein glaubwürdiger Befund auf verschiedene Zeiträume zeigen.
Damit hat die Figur zwei verschiedene Arten von Verlusten. Die einen sind Zerstörung durch Menschenhand, punktuell und gezielt. Die anderen sind Verwitterung, flächig und langsam. Auf jedem Foto sind beide gleichzeitig zu sehen, und sie werden regelmäßig verwechselt.

Warum ausgerechnet die Nase?
Warum überhaupt die Nase? Diese Frage führt weg von Gizeh und erklärt mehr als jede Einzelgeschichte.
In ägyptischen Museen weltweit steht eine auffällige Zahl von Statuen ohne Nase. Das ist kein Zufall und kein Transportschaden. Nach ägyptischer Vorstellung war eine Statue kein Abbild, sondern ein Aufenthaltsort: Ein Teil des Wesens konnte darin wohnen, Opfer entgegennehmen und atmen. Wer diese Wirkung beenden wollte, musste die Figur nicht zerstören, sondern unbrauchbar machen.
Dafür gab es eine anerkannte Vorgehensweise. Man beschädigte gezielt die Sinnesorgane und die Hände: die Nase, damit die Figur nicht atmen kann, die Ohren, damit sie nicht hört, die Hände, damit sie keine Opfer empfängt. Eine Statue ohne Nase ist damit nicht beschädigt, sondern nach damaligem Verständnis stillgelegt.
Das gibt dem Befund am Sphinx eine andere Färbung. Wer immer die Nase entfernt hat, folgte einer bekannten Praxis mit einem klaren Zweck, und er tat es sorgfältig statt wütend. Die Werkzeugspuren passen zu jemandem, der wusste, was er tat.
Dass gleichzeitig die Stirnschlange verloren ging, das zweite Zeichen königlicher Macht am Kopf, fügt sich in dieses Bild. Ob beides zum selben Zeitpunkt geschah, lässt sich nicht sagen.
Für den Besuch bleibt eine praktische Auskunft. Die Bruchfläche ist von der Terrasse aus rund hundert Meter entfernt und mit bloßem Auge nur als Schatten erkennbar. Wer die Ansatzspuren sehen will, braucht Brennweite und flaches Licht am Vormittag. Ohne beides sehen Sie, dass die Nase fehlt, aber nicht, wie sie verlorenging.
Und die Napoleon-Erzählung? Sie hält sich, weil sie besser klingt. Eine europäische Armee, die aus Übermut auf ein Weltwunder schießt, ist eine erzählbare Geschichte. Ein namenloser Bilderstürmer mit einem Meißel und einem theologischen Motiv ist es weniger.
Häufige Fragen
Hat Napoleon die Nase abgeschossen?
Nein. Eine Zeichnung von 1737 zeigt die Figur bereits ohne Nase, einundsechzig Jahre vor dem Ägyptenfeldzug.
Wer war es dann?
Das ist nicht abschließend geklärt. Eine arabische Chronik nennt einen Sufi im Jahr 1378. Die Werkzeugspuren am Stein deuten nach fachlicher Einschätzung auf einen früheren Zeitraum.
Könnte sie einfach abgefallen sein?
Unwahrscheinlich. Die Bruchfläche ist eben und trägt Ansatzspuren von Stangen oder Meißeln. Erosion hinterlässt weder gerade Kanten noch Hebelpunkte.
Wo ist die Nase heute?
Verschollen. Kein Fragment wurde jemals zugeordnet. Im Britischen Museum liegt ein Stück des Bartes, nicht die Nase.
Warum fehlen so vielen ägyptischen Statuen die Nasen?
Weil gezielte Beschädigung der Sinnesorgane eine bekannte Praxis war. Eine Statue ohne Nase galt als unfähig zu atmen und damit als unwirksam.

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy
Die Aussichtsterrasse mit dem freien Blick auf das Gesicht liegt im normalen Ticketbereich. Für die Bruchfläche brauchen Sie ein Tele.
