Die Pyramiden von Gizeh früher: entdeckt wurden sie nie

Entdeckt wurden sie nie, sie waren nie weg. Vom Schwarzpulver der 1830er Jahre bis zur heutigen Grabung: wie sich der Umgang mit dem Gelände geändert hat.

Wer hat die Pyramiden von Gizeh entdeckt? Diese Frage hat eine ungewöhnliche Antwort: niemand, weil sie nie verloren waren.

Es gibt keinen Zeitpunkt in den letzten viereinhalbtausend Jahren, an dem nicht bekannt gewesen wäre, dass diese Bauwerke dort stehen. Sie sind über hundert Meter hoch und stehen auf einem Felsrücken am Rand eines dicht besiedelten Tals. Ägypter, Perser, Griechen, Römer, Araber, Osmanen und Europäer haben sie gesehen, beschrieben, vermessen, geplündert und bestaunt, ohne Unterbrechung.

Das unterscheidet Gizeh grundlegend von den Orten, die man üblicherweise mit archäologischer Entdeckung verbindet. Troja musste gefunden werden, Pompeji lag unter Asche, das Grab des Tutanchamun war vergessen. Hier war nie etwas vergessen, nur verschüttet, ausgeraubt und überwuchert.

Was es also gibt, ist keine Entdeckungsgeschichte, sondern eine Erforschungsgeschichte. Und die ist interessanter, weil an ihr abzulesen ist, wie sich der Umgang mit einem Denkmal in zweihundert Jahren verändert hat: von der Sprengladung zum Endoskop.

Eine Einschränkung gehört dazu. Einzelne Teile des Geländes waren tatsächlich verschollen und mussten gefunden werden: die Siedlung der Bauleute, deren Existenz man lange nur vermutete, die Nekropole ihrer Bewohner, über die 1990 ein Pferd stolperte, die Kultpyramide an der Südostecke, die unter einer Straße lag, und der Schacht mit der vergoldeten Ausstattung, den 1925 niemand erwartet hatte. Entdeckungen gibt es also, nur betreffen sie nie die drei Bauwerke, nach denen gesucht wird.

Diese Seite erzählt diesen Wandel und zeigt, wie das Gelände aussah, bevor es aussah wie heute.

Wie das Gelände vor der Ausgrabung aussah

Die Pyramiden von Gizeh vor der Ausgrabung sahen anders aus, als die meisten sich das vorstellen, und der Unterschied ist größer als bei fast jedem anderen Denkmal.

Der auffälligste Punkt betrifft den Sand. Die Wüste arbeitet ständig, und was nicht freigehalten wird, verschwindet. Der Sphinx lag über den größten Teil seiner Geschichte bis zu den Schultern im Sand; sichtbar waren Kopf und Hals. Die Grabfelder ringsum waren unter Dünen begraben. Der Aufweg der mittleren Pyramide war nicht als Weg erkennbar, sondern als Geländekante.

Auch die Pyramiden selbst standen anders da. An ihren Flanken lagen gewaltige Schutthalden aus abgestürztem Kernmauerwerk und aus dem Abraum der Steinräuber, die die Verkleidung abgetragen hatten. Diese Halden reichten teils viele Meter hoch und verdeckten die untersten Lagen vollständig. Wer im 18. Jahrhundert eine Pyramide zeichnete, zeichnete einen Kegel mit Geröllfuß, nicht das scharfkantige Bauwerk auf heutigen Fotos.

Dazu kam die Nutzung. Über Jahrhunderte diente das Gelände als Steinbruch für Kairo, als Weidefläche und als Wohnort. In den Grabschächten lebten Menschen, und in den Kammern standen Tiere.

Dieser Zustand ist gut dokumentiert, weil er lange anhielt. Reisende des 17. und 18. Jahrhunderts beschrieben, wie sie über Schutt zum Eingang kletterten. Zeichnungen zeigen den Sphinx als Kopf ohne Körper. Die frühen Fotografien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts halten denselben Zustand fest, nur genauer. Damit gibt es für das Gelände etwas, das bei den meisten Denkmälern fehlt: eine dichte Bildreihe über zweihundert Jahre, an der sich jede Veränderung ablesen lässt.

Was Sie heute sehen, ist deshalb kein konservierter Urzustand, sondern ein hergestellter: freigeräumt, abgestützt, eingezäunt und erschlossen.

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Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx

★ 4,6(3.680 Bewertungen)
  • Die freigelegten Grabfelder und der Aufweg zeigen, was Grabung tatsächlich bedeutet
  • Ein lizenzierter Guide ordnet ein, welche Flächen freigeräumt und welche rekonstruiert sind
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn

Zweihundert Jahre Erforschung

  • 9. Jahrhundert

    Ein Stollen wird in die Nordflanke der größten Pyramide getrieben. Er ist bis heute der Zugang.

  • 1798 bis 1801

    Die französische Expedition bringt Fachleute mit. Ergebnis ist ein monumentales Tafelwerk, das erstmals systematisch abbildet und vermisst.

  • 1837

    Vyse und Perring arbeiten mit Schwarzpulver, öffnen Kammern gewaltsam und dokumentieren dabei sorgfältig. Beides gehört zusammen.

  • 1842 bis 1845

    Eine preußische Expedition räumt Privatgräber frei, nummeriert sie und legt Karten und Pläne an.

  • 1880 bis 1882

    Flinders Petrie vermisst die Anlage erstmals mit moderner Genauigkeit. Seine Tafeln werden bis heute zitiert.

  • ab 1902

    Beginn der längsten Grabungsreihe des Geländes, zunächst für eine kalifornische Universität, ab 1905 für Harvard und ein Museum in Boston.

  • 1925 bis 1936

    Der Sphinx wird vollständig aus dem Sand geholt und gesichert.

  • 1929 bis 1939

    Selim Hassan legt große Teile der Grabfelder frei und gräbt die Grube um den Sphinx erstmals vollständig aus.

  • ab den 1980er Jahren

    Grabungen an der Siedlung der Bauleute. Der Schwerpunkt verschiebt sich vom Königsgrab zur Gesellschaft dahinter.

  • ab 2015

    Zerstörungsfreie Verfahren: Myonenmessung, Bodenradar, Endoskope durch vorhandene Fugen.

Historische Aufnahme des versandeten Sphinx mit Schutthalden im Hintergrund
So sah das Gelände über den größten Teil seiner Geschichte aus: Sand bis zu den Schultern, Geröll an den Flanken.

Der Wendepunkt um 1880

Der Wendepunkt liegt um 1880, und er hat einen Namen und eine Methode.

Bis dahin war Grabung im Wesentlichen Suche. Man wollte Kammern finden, und wenn kein Weg hineinführte, schuf man einen. In den 1830er Jahren wurde mit Schwarzpulver gearbeitet, sowohl an der kleinsten Pyramide als auch am Sphinx, wo ein Loch in den Rücken gebohrt wurde. Nach heutigen Maßstäben ist das Zerstörung. Nach den Maßstäben der Zeit war es üblich, und bemerkenswerterweise wurde parallel dazu sorgfältig gemessen und gezeichnet.

Dann kam ein junger Brite mit Theodolit und der Überzeugung, dass Messen wichtiger ist als Finden. Seine Vermessung von 1880 bis 1882 legte erstmals belastbare Zahlen vor, mit Fehlerangaben, und er widerlegte damit eine Reihe kursierender Theorien. Das Prinzip, dass eine Grabung ihre Ergebnisse dokumentiert statt nur Objekte einzusammeln, setzte sich von hier aus durch.

Konsequent umgesetzt wurde es ab 1902. Über fünfunddreißig Jahre lief die längste Grabungsreihe, die das Gelände je gesehen hat, mit Fotografie, Tagebüchern, Fundlisten und Plänen für jedes einzelne Grab. Dieses Material ist der Grund, warum über Gizeh so viel bekannt ist: Es wurde nicht nur gegraben, es wurde aufgeschrieben. Das Archiv dieser Kampagnen ist heute digitalisiert und frei zugänglich.

Bemerkenswert an dieser Reihe ist der Umfang des Materials. Dokumentiert wurden nicht nur Funde, sondern auch Fundlagen, Schichtenfolgen, Fundleere und die tägliche Arbeit selbst. Wo ältere Grabungen einen Gegenstand mit der Angabe „aus Gizeh\“ ins Museum gaben, ist hier für jedes Stück nachvollziehbar, aus welchem Schacht welcher Anlage es stammt. Dieser Unterschied entscheidet darüber, ob ein Objekt eine Quelle ist oder nur ein schönes Stück.

Parallel dazu arbeiteten österreichische und ägyptische Teams. Die Freilegung großer Teile der Grabfelder und der Grube um den Sphinx zwischen 1929 und 1939 stand unter ägyptischer Leitung, was für die Zeit bemerkenswert ist und in europäischen Darstellungen häufig untergeht.

Der Sphinx im 19. Jahrhundert, bis zu den Schultern versandet
Der Sphinx heute, vollständig freigelegt in seiner Grube
Zwischen beiden Aufnahmen liegt rund ein Jahrhundert Arbeit, überwiegend Sandbewegung.

Heute wird woanders gegraben

Was heute gegraben wird, hat mit Königsgräbern nur noch mittelbar zu tun, und das ist die zweite große Verschiebung.

Seit den 1980er Jahren liegt der Schwerpunkt südöstlich des Plateaus, unterhalb der Geländekante, wo die Menschen lebten, die am Bau arbeiteten. Die Grabungen an dieser Siedlung haben Bäckereien, Speicher, Rinderpferche, Unterkünfte und Verwaltungsbauten freigelegt, dazu tausende Siegelabdrücke.

Der Unterschied zur älteren Archäologie ist grundsätzlich. Man sucht nicht mehr nach dem beeindruckendsten Objekt, sondern nach der Alltagsordnung: Was wurde gegessen, wie war die Arbeit organisiert, wie lief die Versorgung. Die Funde sind entsprechend unscheinbar, Tierknochen, Aschenschichten, Tonscherben, und sie beantworten Fragen, die mit Gold nicht zu beantworten sind.

Parallel dazu hat sich die Technik gewandelt. Die spektakulären Befunde der letzten Jahre kamen ohne einen einzigen Spatenstich zustande: Hohlräume, nachgewiesen durch das Zählen von Teilchen aus dem Weltall, bestätigt durch Bodenradar und Ultraschall, eingesehen durch ein sechs Millimeter dünnes Endoskop in einer vorhandenen Fuge.

Bezahlt wird diese Zurückhaltung mit Geschwindigkeit. Ein Hohlraum, der mit einer Bohrung in einer Woche geklärt wäre, braucht mit zerstörungsfreien Verfahren Jahre und liefert am Ende einen Umriss statt eines Blicks. Das ist eine bewusste Abwägung: Der Erkenntnisgewinn wird verlangsamt, damit das Objekt für spätere Verfahren erhalten bleibt, die es noch nicht gibt. Die Erfahrung mit dem 19. Jahrhundert spricht für diese Abwägung.

Damit hat sich der Bogen geschlossen. Am Anfang stand Schwarzpulver, um in ein Bauwerk hineinzukommen. Am vorläufigen Ende steht ein Verfahren, das hineinsieht, ohne es zu berühren.

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Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy

Die freigelegten Grabfelder, der Steinbruch und die Sphinxgrube liegen alle im normalen Ticketbereich.

ab 14 €
Ansehen

Was davon auf dem Gelände sichtbar ist

Für Besucher hat diese Geschichte eine praktische Seite, die den Blick auf das Gelände verändert.

Vieles, was aussieht wie Natur, ist Arbeit. Die freie Fläche vor dem Sphinx wurde geschaffen, indem man hunderttausende Kubikmeter Sand wegräumte. Die geraden Gassen zwischen den Grabbauten waren jahrhundertelang zugeweht. Der Steinbruch südlich der großen Pyramide ist als Senke erkennbar, weil er ausgeräumt wurde.

Umgekehrt ist manches, was nach Zerstörung aussieht, ein Befund. Die Schutthalden an den Flanken sind weitgehend abgetragen worden, aber die Spuren der Steinräuber sind stehen geblieben, weil sie zur Geschichte des Bauwerks gehören. Auch das Loch im Rücken des Sphinx und die Bohrung von 1837 wurden nicht kaschiert.

Seit 1979 steht das gesamte Gebiet als Welterbe unter Schutz. Praktisch heißt das, dass große Eingriffe genehmigungspflichtig sind und zerstörungsfreie Verfahren Vorrang haben. Ein Vorhaben wie das von 1837 wäre heute undenkbar.

Ein Hinweis für alle, die alte Ansichten mit dem heutigen Zustand vergleichen wollen: Die Bildbestände der großen Kampagnen sind digitalisiert und frei einsehbar, ebenso das Tafelwerk der französischen Expedition und die Vermessung von 1882. Wer eine historische Ansicht neben ein eigenes Foto legt, sieht in wenigen Minuten, wie viel Arbeit zwischen beiden liegt.

Und es heißt, dass die Erforschung nicht abgeschlossen ist. Grabungen laufen weiter, Flächen werden neu vermessen, und die Zahl der bekannten Gräber wächst. Wer heute hingeht, sieht einen Zwischenstand, keinen Endzustand.

Häufige Fragen

Wann wurden die Pyramiden von Gizeh entdeckt?

Gar nicht. Sie waren nie verschollen und sind seit ihrer Errichtung durchgehend bekannt. Was es gibt, ist eine Erforschungsgeschichte, keine Entdeckungsgeschichte.

Hat Napoleon auf die Pyramiden geschossen?

Für Schäden durch französische Artillerie gibt es keinen Beleg. Die bekannteste Fassung dieser Erzählung betrifft die Nase des Sphinx, und die fehlte nachweislich schon 1737. Dazu gibt es eine eigene Seite.

Was hat die französische Expedition gebracht?

Ein umfangreiches Tafelwerk mit Vermessungen und Ansichten. Es machte die Anlage in Europa erstmals systematisch bekannt und löste die wissenschaftliche Beschäftigung damit aus.

Wird heute noch gegraben?

Ja, laufend. Der Schwerpunkt liegt seit Jahrzehnten bei der Siedlung der Bauleute und den Grabfeldern, nicht bei den Pyramiden selbst.

Wo kann man die alten Grabungsunterlagen einsehen?

Das Material der großen Kampagnen ab 1902 ist digitalisiert und frei zugänglich, einschließlich Fotografien, Tagebüchern und Plänen.

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Tagestour zum Großen Ägyptischen Museum und zum Plateau

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  • Die Funde aus den großen Grabungskampagnen stehen im Museum, nicht am Fundort
  • Plateau und Museum an einem Tag, ohne zwei Anfahrten selbst zu organisieren
  • Eintritte, deutschsprachige Führung, Abholung und Mittagessen sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn