Die Ausrichtung nach Norden

Die Seiten der Cheops-Pyramide weichen nur um Bogenminuten von der Nordrichtung ab. Wie das ohne Instrumente ging und was neuere Messungen nahelegen.

Die Ausrichtung nach Norden ist die Eigenschaft der Pyramiden von Gizeh, die Fachleute mehr beeindruckt als jede Größenangabe. Höhe und Masse sind eine Frage von Aufwand und Organisation. Genauigkeit ist eine Frage von Können.

Die Seiten der größten Pyramide sind an den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, und die Abweichung von der geografischen Nordrichtung liegt im Bereich weniger Bogenminuten, also bei Bruchteilen eines Grades. Zum Vergleich: Ein handelsüblicher Kompass zeigt nicht nach geografisch Nord, sondern zum Magnetpol, und liegt damit je nach Ort um mehrere Grad daneben. Wer die Ausrichtung dieser Bauwerke mit einem Kompass prüfen wollte, würde am Bauwerk die genauere Referenz vorfinden.

Erreicht wurde das ohne Fernrohr, ohne Winkelmessgerät im heutigen Sinn und ohne Uhr. Wie, ist bis heute nicht abschließend geklärt, und genau das macht die Frage interessant. Es gibt mehrere plausible Verfahren, sie sind alle mit Mitteln der Zeit durchführbar, und keines ist bewiesen.

Ein Maß dafür, worüber wir reden, hilft beim Einordnen. Eine Bogenminute ist der sechzigste Teil eines Grades. Über eine Grundseite von mehr als zweihundert Metern hinweg entspricht eine Abweichung von wenigen Bogenminuten einer Verschiebung im Bereich von Zentimetern bis wenigen Dezimetern am Ende der Linie. Die Bauleute haben also nicht nur die Richtung gefunden, sondern sie über zweihundert Meter durchgehalten, in einem Gelände, das sie vorher einebnen mussten, und viermal hintereinander für die vier Seiten.

Diese Seite geht der Reihe nach vor: erst die Messung, also was tatsächlich gemessen wurde und von wem, dann die vorgeschlagenen Verfahren, dann ein Befund aus einer neueren Vermessung, der die übliche Erzählung leicht verschiebt, und zum Schluss die Behauptungen, die sich an das Thema hängen.

Wie genau ist die Ausrichtung wirklich?

Zur Messung zuerst, denn ohne sie ist jede Erklärung wertlos.

Aufmerksam auf die Genauigkeit wurde die Fachwelt durch die Vermessung von Flinders Petrie im Jahr 1881, der mit einem Theodolit auf dem Plateau arbeitete. Seither ist mehrfach nachgemessen worden, mit unterschiedlichen Verfahren und Geräten, unter anderem in den 1980er Jahren und später mit satellitengestützter Vermessung. Die Größenordnung hat sich dabei nicht verschoben: Die Abweichungen liegen im Bereich von wenigen Bogenminuten.

Wichtig ist dabei ein Unterschied, den populäre Darstellungen gern übergehen: Gemessen wird heute nicht die Pyramide, wie sie geplant war, sondern der Zustand, in dem sie ist. Die glatte Verkleidung fehlt fast überall, die Kanten sind ausgebrochen, und die Ecken sind teils rekonstruiert. Jede Angabe zur Ausrichtung ist deshalb eine Aussage über die messbaren Reste und nicht über die Absicht der Baumeister. Das ist kein Einwand gegen die Genauigkeit, aber es erklärt, warum verschiedene Vermessungen leicht verschiedene Werte liefern.

Die jüngste ausführliche Arbeit dazu stammt von Erin Nell und Clive Ruggles, die im Dezember 2006 eine Woche lang mit einer Totalstation auf dem Gelände vermaßen. Ihr Ansatz unterscheidet sich von früheren Messungen in einem Punkt, der für das Ergebnis entscheidend ist: Statt zwischen den Ecken zu triangulieren, nahmen sie Punktfolgen entlang gut erhaltener Mauerabschnitte auf und ermittelten daraus die Ausgleichsgerade. Damit hängt das Ergebnis nicht mehr an zwei Punkten, die beide beschädigt sein können.

Die Veröffentlichung dieser Vermessung liefert dabei einige Feststellungen, die in populären Darstellungen selten vorkommen. Zwischen den Nord-Süd-Achsen der Cheops- und der Chephren-Pyramide liegt demnach nur ein Unterschied von etwa einer halben Bogenminute. Die Seiten der Chephren-Pyramide stehen zueinander rechtwinkliger als die der Cheops-Pyramide. Und ein Punkt, auf den wir gleich zurückkommen: Die Ost-West-Achse liegt bei beiden Bauwerken näher an der exakten Himmelsrichtung als die Nord-Süd-Achse.

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Geführter Rundgang, bei dem sich die Kanten zeigen lassen

★ 4,3(246 Bewertungen)
  • Die Ausrichtung sieht man nur, wenn man an der richtigen Stelle steht und entlang einer Kante blickt
  • Der Eintritt auf das Gelände ist enthalten, Abholung und Innenbesichtigung sind Zubuchungen
  • Rund drei Stunden, deutschsprachige Führung möglich
  • Nach Anbieterangabe bis 24 Stunden vorher kostenfrei stornierbar

Wie hat man das ohne Instrumente geschafft?

Der gleichzeitige Durchgang zweier Sterne

Man wählt zwei Sterne, die um den Himmelspol kreisen, und wartet den Moment ab, in dem beide senkrecht übereinanderstehen. Ein Lot zwischen ihnen zeigt dann zum Pol und damit nach Norden.

Dafür

Das Verfahren ist mit einem Lot und einer Sichtlinie durchführbar und erreicht rechnerisch die beobachtete Genauigkeit. Es erklärt außerdem, warum die Abweichungen bei mehreren Bauwerken in dieselbe Richtung zeigen.

Dagegen

Es setzt voraus, dass genau dieses Sternpaar gewählt wurde, wofür es keinen Text und keinen Fund gibt. Die Zuordnung beruht ausschließlich auf der Rückrechnung.

Der Schattenwurf eines senkrechten Stabs

Ein Stab wirft im Tagesverlauf einen Schatten. Markiert man zwei gleich lange Schattenpunkte am Vormittag und am Nachmittag, halbiert die Verbindung dieser Punkte den Winkel und liefert die Nord-Süd-Richtung.

Dafür

Braucht nur einen Stab, eine ebene Fläche und einen Tag. Ein Verfahren dieser Art ist in mehreren alten Kulturen belegt und kommt ohne Astronomiekenntnisse aus.

Dagegen

Die erreichbare Genauigkeit hängt stark von der Ebenheit der Fläche und der Schattenschärfe ab. Ob damit Bogenminuten erreichbar sind, ist umstritten.

Der Sonnenaufgang zu einem festen Datum

Statt Norden zuerst zu bestimmen, legt man die Ost-West-Achse nach dem Aufgangspunkt der Sonne an einem bestimmten Tag fest und leitet Norden daraus ab.

Dafür

Die neuere Vermessung findet die Ost-West-Achse genauer als die Nord-Süd-Achse und sieht in den umliegenden Bauten Hinweise darauf, dass der Sonnenaufgang der eigentliche Bezug war.

Dagegen

Der Aufgangspunkt der Sonne wandert im Jahreslauf, sodass Datum und Sichtbedingungen exakt festgelegt sein müssten. Auch dafür fehlt eine schriftliche Überlieferung.

Nordseite der Cheops-Pyramide, die Kante der Grundfläche verläuft schnurgerade ins Bild
Eine Kante von über zweihundert Metern Länge, deren Richtung um Bruchteile eines Grades von der Nordrichtung abweicht.

Nordausrichtung oder Sonnenausrichtung?

Damit zu dem Befund, der die übliche Erzählung verschiebt, und er verdient mehr Aufmerksamkeit, als er bekommt.

Erzählt wird die Geschichte fast immer als Nordausrichtung. Die Bauleute suchten Norden, fanden ihn mit erstaunlicher Präzision, und die übrigen Seiten ergaben sich daraus. Die Vermessung von 2006 legt eine andere Reihenfolge nahe. Wenn die Ost-West-Achse genauer stimmt als die Nord-Süd-Achse, dann war womöglich sie die Bezugsgröße, und Norden war das Ergebnis und nicht der Ausgangspunkt.

Dafür spricht auch, was ringsum steht. Die Autoren untersuchten nicht nur die drei großen Bauwerke, sondern auch die kleineren Anlagen und Tempel des Geländes, und kommen zu dem Schluss, dass bei vielen davon die Ost-West-Ausrichtung in Bezug auf den Sonnenaufgang, in einem Fall auf den Sonnenuntergang, ein wesentlicher, vielleicht der wesentliche Faktor gewesen sein könnte.

Das ist inhaltlich mehr als eine Feinheit. Eine Nordausrichtung verweist auf den Sternhimmel und auf die Vorstellung eines unvergänglichen Bereichs um den Himmelspol, in den der König eingeht. Eine Ostausrichtung verweist auf die Sonne, auf Aufgang und Wiederkehr. Beides ist aus ägyptischen Texten bekannt, und beides schließt sich nicht aus. Nur ist die Frage, welches der beiden die Bauleute zuerst absteckten, keine akademische Spitzfindigkeit, sondern eine Frage danach, worum es bei diesem Bauwerk ging.

Ein Argument stützt die Sonnenlesart zusätzlich, und es kommt nicht aus der Vermessung, sondern aus dem Gelände. Die Anlagen des Plateaus sind nach Osten hin geöffnet: Dort liegen die Taltempel, dort kommt der Aufweg an, dort beginnt die Prozession. Der ganze Betrieb dieser Anlagen war nach Osten orientiert, zum Fluss und zum Aufgang hin. Dass die Achse, die diese Richtung festlegt, sorgfältiger abgesteckt wurde als die andere, wäre demnach kein Zufall, sondern eine Prioritätensetzung.

Entschieden ist sie nicht. Die Untersuchung formuliert vorsichtig, und andere Fachleute halten an der Nordausrichtung als primärem Bezug fest. Was sich sagen lässt: Die populäre Fassung, in der die Nordrichtung selbstverständlich am Anfang steht, ist nicht die einzige mögliche.

Keine Eingebung, sondern eine Messreihe

Ein praktischer Gedanke gehört noch dazu, weil er das Verfahren greifbarer macht als jede Rechnung. Keines der vorgeschlagenen Verfahren liefert die Richtung in einem Moment. Alle brauchen Wiederholung: mehrere Nächte oder mehrere Tage, jeweils dieselbe Beobachtung, und am Ende einen Mittelwert. Was hier also vorliegt, ist nicht der geniale Einfall eines Einzelnen, sondern das Ergebnis einer Messreihe, ausgeführt von Leuten, die wussten, dass eine einzelne Beobachtung nicht genügt. Das ist unspektakulärer als ein Geheimnis und in der Sache beeindruckender.

Ein zweiter Strang der Diskussion betrifft nicht das Verfahren, sondern das Datum, und er ist der Grund, warum dieses Thema es bis in die Tagespresse geschafft hat.

Die Idee dahinter ist elegant. Wenn die Bauleute sich an zwei Sternen orientierten, dann wanderte die Richtung, die dieses Sternpaar anzeigte, mit der Zeit langsam am Himmelspol vorbei, weil sich die Erdachse in einem Zyklus von rund sechsundzwanzigtausend Jahren dreht. Diese Wanderung ist berechenbar und beträgt einige Bogenminuten pro Jahrhundert. Kennt man also die Abweichung eines Bauwerks, kann man ausrechnen, in welchem Jahrzehnt das Verfahren genau diese Abweichung erzeugt hätte.

Angewandt auf mehrere Pyramiden ergibt das eine relative Zeitfolge, und die Abweichungen der Bauwerke passen tatsächlich in eine solche Reihe. Der Vorschlag wurde in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlicht und breit diskutiert.

Er ist allerdings auch kritisiert worden, und die Einwände sind nicht abwegig. Der schwerwiegendste lautet, dass die Rechnung voraussetzt, was sie beweisen soll: Sie funktioniert nur, wenn das angenommene Sternpaar tatsächlich benutzt wurde und wenn die Bauleute keine anderen Fehler machten. Jede Abweichung, die aus einer ungenauen Messung stammt statt aus der Wanderung des Himmels, verschiebt das Ergebnis. Eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Rückrechnungen weist darauf hin, wie leicht sich aus einer plausiblen Annahme eine scheinbar präzise Jahreszahl gewinnen lässt.

Hinzu kommt ein methodischer Punkt, den man auch ohne Fachkenntnis nachvollziehen kann. Die Abweichungen, um die es geht, liegen in derselben Größenordnung wie die Unterschiede zwischen den einzelnen Vermessungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Wer aus solchen Werten Jahrzehnte ableitet, arbeitet an der Grenze dessen, was die Daten hergeben. Die Vermessung von 2006 hält deshalb ausdrücklich fest, wie wenig belastbare Grunddaten es trotz der langen Debatte überhaupt gibt.

Für Sie als Leser ist die Einordnung wichtiger als das Ergebnis: Die Datierung über die Ausrichtung ist ein interessanter Vorschlag, kein gesichertes Verfahren, und sie ersetzt keine der etablierten Datierungsmethoden.

Was daraus gemacht wird

  • Falsch

    So etwas ist ohne moderne Instrumente unmöglich.

    Es sind mehrere Verfahren bekannt, die mit Lot, Stab, Schnur und Geduld auskommen und rechnerisch die beobachtete Genauigkeit erreichen. Schwierig ist nicht das Prinzip, sondern die saubere Ausführung über zweihundert Meter Länge.

  • Teilweise

    Die Pyramide zeigt auf einen bestimmten Stern.

    Die Bauwerke sind an den Himmelsrichtungen ausgerichtet, nicht auf ein Objekt. Sternbezüge gibt es, etwa bei den Schächten im Inneren, aber das ist eine andere Frage als die Ausrichtung der Grundfläche.

  • Falsch

    Die Abweichung beweist ein bestimmtes Baujahr.

    Die Rückrechnung setzt ein bestimmtes Verfahren und fehlerfreie Ausführung voraus. Sie liefert eine Hypothese, keine Datierung.

  • Falsch

    Ein Kompass am Bauwerk bestätigt die Ausrichtung.

    Ein Kompass zeigt zum Magnetpol, nicht nach geografisch Nord. Die Abweichung zwischen beiden ist am Ort deutlich größer als die Abweichung des Bauwerks.

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Zum Weiterlesen: Astronomie und Vermessung im Alten Ägypten

Diese Seite fasst eine Debatte zusammen, die seit über hundert Jahren läuft und in der es um Messreihen geht. Wer sie im Zusammenhang lesen möchte, findet Gesamtdarstellungen zur ägyptischen Astronomie und zur Vermessungstechnik des Alten Reiches.

Häufige Fragen

Wie genau ist die Ausrichtung?

Die Abweichung von der geografischen Nordrichtung liegt im Bereich weniger Bogenminuten, also bei Bruchteilen eines Grades.

Wie haben sie das gemacht?

Das ist offen. Diskutiert werden Verfahren über zwei umlaufende Sterne, über den Schatten eines Stabs und über den Sonnenaufgang.

Ist die Nordrichtung wirklich der Bezug?

Möglicherweise nicht. Eine Vermessung von 2006 findet die Ost-West-Achse genauer und hält den Sonnenaufgang für den wesentlichen Bezug.

Kann man daraus das Baujahr berechnen?

Vorgeschlagen wurde es, gesichert ist es nicht. Die Rechnung setzt genau das Verfahren voraus, das sie belegen soll.

Kann ich das vor Ort prüfen?

Mit einem Kompass nicht sinnvoll, weil der zum Magnetpol zeigt. Der Blick entlang einer Kante zeigt die Geradheit besser als jedes Gerät.

Sind alle drei Pyramiden gleich ausgerichtet?

Nahezu. Zwischen den Nord-Süd-Achsen der beiden großen liegt nach der Vermessung von 2006 etwa eine halbe Bogenminute.

Stand: August 2026Die Ausrichtung ändert sich nicht, die Deutung schon. Die hier referierte Vermessung stammt von 2006, die Diskussion über Verfahren und Datierung läuft weiter.