Haben die Juden die Pyramiden gebaut? Nein, und die Zeitrechnung zeigt, warum

Die Pyramiden von Gizeh standen rund 1.300 Jahre, bevor Israel erstmals in einer Quelle auftaucht. Woher die Vorstellung stammt und was die Funde zeigen.

Es sind zwei Fragen, und sie werden fast immer als eine gestellt. Die erste betrifft eine bestimmte Gruppe: Waren israelitische Zwangsarbeiter am Bau beteiligt? Die zweite ist allgemeiner: Handelte es sich überhaupt um Sklavenarbeit?

Auf die erste gibt es eine klare Antwort, und sie ist keine Frage der Auslegung, sondern der Zeitrechnung. Die Pyramiden von Gizeh entstanden im 26. Jahrhundert vor Christus. Der erste außerbiblische Beleg für einen Verband namens Israel stammt aus dem späten 13. Jahrhundert vor Christus. Zwischen beiden liegen rund dreizehnhundert Jahre.

Dieser früheste Beleg ist eine Siegesinschrift des Königs Merenptah, die eine Reihe besiegter Gegner aufzählt und darunter einen Verband namens Israel nennt. Bemerkenswert ist die Schreibweise: Der Name trägt das Zeichen für ein Volk, nicht das für ein Land oder eine Stadt. Um 1208 vor Christus war Israel also eine Gruppe, die den Ägyptern bekannt war, aber noch kein Staat mit Territorium.

Um das einzuordnen: Dieser Abstand ist größer als der zwischen Karl dem Großen und uns. Wer sagt, die Israeliten hätten die Pyramiden gebaut, sagt zeitlich ungefähr dasselbe wie jemand, der behauptet, das Kolosseum sei von Bauarbeitern des 21. Jahrhunderts errichtet worden.

Die zweite Frage ist interessanter, weil sie nicht mit einem Satz erledigt ist. Sklaverei ist kein einzelner Zustand, sondern ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Formen unfreier Arbeit, und der Grabungsbefund am Plateau passt auf keine davon sauber. Er passt aber auch nicht auf ein freies Arbeitsverhältnis moderner Prägung.

Diese Seite trennt die beiden Fragen und beantwortet sie einzeln. Und sie zeigt, woher die Vorstellung kommt, denn sie hat einen benennbaren Ursprung und ist nicht einfach so entstanden.

Die Zeitrechnung, um die es geht

  • um 2560 v. Chr.

    Die Cheops-Pyramide wird fertiggestellt. Ägypten befindet sich im Alten Reich.

  • um 1279 bis 1213 v. Chr.

    Regierungszeit Ramses' II. In diese Epoche datieren die meisten Rekonstruktionen den Auszug aus Ägypten.

  • um 1208 v. Chr.

    Die Siegesstele des Merenptah nennt Israel. Der früheste außerägyptische Beleg für diesen Namen.

  • um 93 n. Chr.

    Flavius Josephus schreibt, die Israeliten seien auch zum Pyramidenbau herangezogen worden.

  • 1956

    Ein Hollywood-Monumentalfilm verankert das Bild in der Populärkultur.

  • 1990 und später

    Die Grabungen an Siedlung und Nekropole der Bauleute liefern den Befund, über den heute diskutiert wird.

Zwischen dem obersten und dem zweiten Eintrag liegen rund dreizehn Jahrhunderte.

In der Bibel kommen die Pyramiden nicht vor

Der erste überraschende Punkt für viele: In der Bibel kommen die Pyramiden nicht vor. Nirgends.

Der Text, auf den sich die Vorstellung stützt, ist die Eingangspassage des zweiten Buchs Mose. Dort ist von Fronarbeit die Rede, von Aufsehern, von Lehmziegeln und Stroh, und es werden zwei Bauvorhaben ausdrücklich benannt: die Vorratsstädte Pitom und Ramses. Beide sind Städte aus Lehmziegeln, beide liegen im östlichen Nildelta, und beide lassen sich archäologisch fassen.

Das ist etwas anderes als ein Pyramidenbau, und zwar in jeder Hinsicht. Andere Bauweise, anderes Material, andere Region, andere Epoche. Die Pyramiden von Gizeh bestehen aus behauenem Kalkstein, stehen am Wüstenrand westlich des Flusses und waren zu diesem Zeitpunkt bereits über tausend Jahre alt und längst geplündert.

Die Namensgleichheit tut ein Übriges. Die Stadt Ramses im Bibeltext verweist auf Ramses II., einen König des Neuen Reichs. Wer diesen Namen mit dem Pyramidenzeitalter verbindet, überspringt unbemerkt die halbe ägyptische Geschichte. Zwischen dem Bau der großen Pyramiden und der Regierungszeit dieses Königs liegen mehr Jahre als zwischen dem Bau des Kölner Doms und heute.

Beide genannten Orte lassen sich im östlichen Delta mit hoher Wahrscheinlichkeit lokalisieren, auch wenn die Zuordnung im Einzelnen diskutiert wird. Es handelt sich um Siedlungshügel in einer feuchten, grünen Landschaft, kilometerweit von jeder Wüste entfernt. Wer dort steht, sieht keinen Horizont mit Pyramiden, sondern Felder, Kanäle und Palmen.

Wer im Text selbst nachliest, findet also eine ganz andere Baustelle, als die Erzählung vermuten lässt.

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  • Ein lizenzierter Guide ordnet die Bauorganisation vor Ort ein, statt Filmbilder zu wiederholen
  • Der Blick nach Südosten zeigt, wo Siedlung und Nekropole der Bauleute liegen
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
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Mauerreste aus Lehmziegeln in der flachen Landschaft des Nildeltas
Lehmziegel, nicht Kalkstein: So sehen die Bauten aus, von denen der Bibeltext spricht.

Woher die Vorstellung stammt

Wenn die Vorstellung nicht aus dem Bibeltext stammt, woher dann? Sie hat einen konkreten Ursprung, und er ist erstaunlich gut dokumentiert.

Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus schrieb gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus eine Darstellung der jüdischen Geschichte für ein römisches Publikum. In seiner Nacherzählung der Unterdrückung in Ägypten führt er die Arbeiten aus, die der Bibeltext nur knapp erwähnt, und ergänzt dabei den Bau von Pyramiden als eine der auferlegten Lasten.

Josephus schrieb rund zweieinhalbtausend Jahre nach dem Bau der Pyramiden und mehr als tausend Jahre nach den Ereignissen, die er schildert. Er war kein Augenzeuge, und die Pyramiden waren zu seiner Zeit bereits ein Rätsel, über das man Geschichten erzählte. Seine Ergänzung ist damit selbst schon eine Deutung, kein überlieferter Befund.

Im europäischen Mittelalter kam eine zweite Deutung hinzu, die dieselbe Verbindung von anderer Seite herstellte. Die Pyramiden galten dort vielfach als die Kornspeicher, die Josef nach der biblischen Erzählung für die sieben mageren Jahre anlegen ließ. In einem venezianischen Mosaikzyklus des 13. Jahrhunderts sind sie genau so dargestellt: als spitze Speicherbauten, in die Getreide geschüttet wird. Dass ein massives Steinbauwerk ohne nennenswerten Innenraum als Lagerhalle untauglich ist, fiel erst auf, als Reisende genauer hinsahen.

Von dort führt eine lange Linie über mittelalterliche Reiseberichte und Bibelillustrationen bis in die Filmgeschichte. Ein einzelner Hollywood-Monumentalfilm aus dem Jahr 1956 hat für die Verbreitung des Bildes vermutlich mehr getan als alle Texte zusammen. Was er zeigt, ist eine Baustelle mit Peitschen und Steinquadern, und dieses Bild sitzt bis heute fest.

Aufschlussreich ist der Vergleich mit einem noch älteren Bericht. Herodot besuchte Ägypten rund fünfhundert Jahre vor Josephus und schrieb ausführlich über den Bau. Auch er beschreibt Zwang und Schichtarbeit, doch die Arbeitenden sind bei ihm Ägypter. Von einer fremden Gruppe ist keine Rede. Die Zuschreibung an ein bestimmtes Volk taucht also erst auf, als der Bau bereits zweieinhalbtausend Jahre zurücklag und niemand mehr wusste, wie er abgelaufen war.

Bemerkenswert ist, dass die Richtigstellung von allen Seiten kommt. Ägyptische Altertumsbehörden haben sie mehrfach öffentlich vorgetragen, und auch jüdische Bildungsangebote halten ausdrücklich fest, dass die Zuschreibung nicht haltbar ist. Strittig ist die Frage also nur außerhalb der Fachwelt.

Vier Aussagen, geprüft

  • Falsch

    Israelitische Zwangsarbeiter bauten die Pyramiden von Gizeh.

    Zeitlich ausgeschlossen. Die Bauwerke standen rund dreizehn Jahrhunderte, bevor der Name Israel erstmals in einer Quelle erscheint.

  • Falsch

    Die Bibel berichtet vom Pyramidenbau.

    Der Text nennt Fronarbeit an den Vorratsstädten Pitom und Ramses, gebaut aus Lehmziegeln im Delta. Pyramiden kommen nicht vor.

  • Falsch

    Die Erbauer waren Sklaven im klassischen Sinn.

    Siedlung, Versorgung und Nekropole passen nicht zu Sklavenhaltung. Die Beteiligten wurden verpflegt, versorgt und in eigenen Anlagen bestattet.

  • Teilweise

    Die Beteiligten arbeiteten völlig freiwillig.

    Es gab Entlohnung in Naturalien und ein Rotationssystem, aber auch eine Arbeitspflicht gegenüber dem Staat. Freiwillig im heutigen Sinn war das nicht.

Wenn nicht Israeliten, wer dann?

Damit zur zweiten Frage. Wurden die Pyramiden von Sklaven gebaut, wenn schon nicht von israelitischen?

Der Befund spricht dagegen, und er ist ungewöhnlich dicht. Südöstlich des Plateaus liegt eine ausgegrabene Siedlung mit Schlafgalerien, Bäckereien in industriellem Maßstab, Speichern und einem Verwaltungsbau. Aus den Tierknochen im Abfall lässt sich ein täglicher Fleischverbrauch hochrechnen, der weit über dem liegt, was eine unfreie Belegschaft je erhalten hätte. Rind war im Alten Reich ein Statuslebensmittel.

Dazu kommt die Nekropole am Hang darüber. Die Bestatteten trugen Berufsbezeichnungen, wurden in eigenen Anlagen beigesetzt und lagen in Sichtweite des Bauwerks, an dem sie gearbeitet hatten. An den Skeletten sind versorgte Brüche nachweisbar, also medizinische Behandlung. Nichts davon wäre bei Menschen zu erwarten, die als Eigentum galten.

Ägyptische Altertumsbehörden haben diesen Befund öffentlich als Widerlegung der Sklavenvorstellung vorgetragen, und die Fachwelt teilt diese Einschätzung weitgehend.

Die ehrliche Antwort endet damit aber nicht. Denn was an die Stelle der Sklaverei tritt, ist keine Lohnarbeit, wie wir sie kennen.

Runde Vorratssilos und Backöfen im Grabungsgelände der Bauleutesiedlung
Die Versorgung war das eigentliche Großprojekt: Speicher, Backöfen und Brauereien für Tausende.

Drei Arbeitsformen, ein Befund

Die Frage lautet nicht Sklave oder freier Arbeiter. Sie lautet, welche der bekannten Formen zum Befund passt.

MerkmalSklavereiFronarbeit für den StaatWas der Befund zeigt
RechtsstellungEigentum einer PersonFreie Person mit DienstpflichtFreie Personen mit Titeln und Namen
DauerDauerhaft, oft erblichBefristet, in SchichtenRotation, Mannschaften wechselten
GegenleistungUnterhalt auf ExistenzniveauVerpflegung, Unterkunft, AusrüstungBrot, Bier, Rind und Versorgung
BestattungIn der Regel anonymJe nach RangEigene Anlagen mit Inschriften
FreiwilligkeitKeinePflicht, aber geregeltPflicht mit Gegenleistung
Rechtsstellung
Sklaverei
Eigentum einer Person
Fronarbeit für den Staat
Freie Person mit Dienstpflicht
Was der Befund zeigt
Freie Personen mit Titeln und Namen
Dauer
Sklaverei
Dauerhaft, oft erblich
Fronarbeit für den Staat
Befristet, in Schichten
Was der Befund zeigt
Rotation, Mannschaften wechselten
Gegenleistung
Sklaverei
Unterhalt auf Existenzniveau
Fronarbeit für den Staat
Verpflegung, Unterkunft, Ausrüstung
Was der Befund zeigt
Brot, Bier, Rind und Versorgung
Bestattung
Sklaverei
In der Regel anonym
Fronarbeit für den Staat
Je nach Rang
Was der Befund zeigt
Eigene Anlagen mit Inschriften
Freiwilligkeit
Sklaverei
Keine
Fronarbeit für den Staat
Pflicht, aber geregelt
Was der Befund zeigt
Pflicht mit Gegenleistung

Die mittlere Spalte beschreibt das Modell, das dem Befund am nächsten kommt. Eine moderne Entsprechung gibt es nicht.

Staatliche Dienstpflicht passt am besten

Das Modell, das am besten passt, ist die staatliche Dienstpflicht. Ein Großteil der Bevölkerung schuldete der Krone Arbeitsleistung, abzuleisten in festgelegten Zeiträumen, organisiert in benannten Mannschaften, entlohnt in Naturalien. Wer eingeteilt wurde, konnte sich dem kaum entziehen. Wer die Zeit abgeleistet hatte, ging nach Hause.

Diese Form ist aus späteren Epochen gut belegt und war in vorindustriellen Staaten weit verbreitet, von Mesopotamien bis ins mittelalterliche Europa. Sie ist weder Sklaverei noch ein Arbeitsvertrag. Der Versuch, sie in eine dieser beiden Schubladen zu pressen, ist der eigentliche Grund, warum die Diskussion sich so hartnäckig im Kreis dreht.

Auf die Frage, wer hat die Pyramiden wirklich gebaut, lautet die belastbare Antwort deshalb: die ägyptische Bevölkerung selbst, verpflichtet, versorgt und verwaltet von einem Staat, der genau dafür eingerichtet war. Keine fremde Gruppe, keine Gefangenen, kein einzelnes Volk von außen.

Was dabei verloren geht, wenn man bei der Sklavenerzählung bleibt, ist die eigentliche Leistung. Ein Zwangsarbeitslager erklärt keine Fugen von wenigen Millimetern und keine Ausrichtung nach der Nordrichtung mit einer Abweichung im Bereich von Bogenminuten. Solche Ergebnisse entstehen durch Können, Wiederholung und Organisation, und die setzen Menschen voraus, die bleiben und dazulernen.

Das ist am Ende auch der Grund, warum die Richtigstellung nicht nur eine Fußnote ist. Die Sklavenerzählung macht aus einem Bauwerk ein Denkmal der Unterdrückung und aus den Beteiligten eine anonyme Masse. Der Befund erzählt etwas anderes: von benannten Mannschaften, von Bäckereien und Brauereien, von Aufsehern mit Titeln und von Menschen, die sich in Sichtweite ihrer Baustelle bestatten ließen, weil sie darin offenbar keine Strafe sahen.

Man muss den Staat des Alten Reichs deswegen nicht verklären. Er verfügte über die Arbeitskraft seiner Bevölkerung, und wer eingeteilt war, hatte keine Wahl. Aber genau diese Unterscheidung zwischen Pflicht und Eigentum ist es, die die beiden Fragen dieser Seite trennt, und sie geht verloren, sobald man beides Sklaverei nennt.

Häufige Fragen

Steht in der Bibel etwas von Pyramiden?

Nein. Der Text nennt Fronarbeit mit Lehmziegeln und Stroh an den Vorratsstädten Pitom und Ramses im Nildelta.

Woher kommt die Vorstellung dann?

Aus einer Ergänzung des Geschichtsschreibers Flavius Josephus im ersten Jahrhundert nach Christus, verstärkt durch Malerei und später durch das Kino.

Waren es überhaupt Zwangsarbeiter?

In gewisser Weise ja, aber im Sinne einer staatlichen Dienstpflicht mit Verpflegung und Rotation, nicht im Sinne von Sklaverei.

Gab es im Alten Ägypten überhaupt Sklaven?

Ja, unfreie Menschen gab es, vor allem Kriegsgefangene in späteren Epochen. Am Pyramidenbau des Alten Reichs lassen sie sich nicht nachweisen.

Warum hält sich die Vorstellung so hartnäckig?

Weil sie eine gute Geschichte ist, weil ein Monumentalfilm sie bebildert hat und weil die Alternative, eine staatliche Dienstpflicht, sich schlechter erzählen lässt.

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Die Funde aus der Siedlung und der Nekropole der Bauleute stehen im Museum. Sie sind der Grund, warum die Sklavenvorstellung als widerlegt gilt.

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