Die Traumstele ist der einzige beschriftete Gegenstand, den fast jeder Besucher des Plateaus sieht, ohne zu wissen, was er ansieht. Sie steht aufrecht zwischen den Vorderpfoten des Sphinx, ist knapp vier Meter hoch und wiegt mehrere Tonnen.
Aufgestellt wurde sie von Thutmosis IV., einem König der achtzehnten Dynastie, dessen Regierungszeit von der Forschung auf die Jahre 1401 bis 1391 vor Christus gelegt wird. Zwischen dem Bau des Sphinx und diesem Moment liegen rund elfhundert Jahre. Für Thutmosis war das Bauwerk also bereits ein uraltes Denkmal, ähnlich weit entfernt wie für uns die römische Kaiserzeit.
Was auf der Stele steht, ist eine Geschichte, kein Bauvermerk. Sie erzählt von einem Nachmittag, einem Traum und einem Handel zwischen einem jungen Mann und einem Gott. Und sie ist zugleich ein politisches Dokument, dessen Zweck sich mit einiger Sicherheit benennen lässt.
Diese Seite behandelt vier Dinge: die Geschichte auf dem Stein, den Zweck dahinter, den Block selbst und seine überraschende Herkunft, und schließlich jene beschädigte Zeile, die seit zweihundert Jahren in jeder Diskussion über den Sphinx auftaucht.
Die Geschichte auf der Stele
Die Geschichte auf der Stele lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen, und sie ist besser, als jede Zusammenfassung vermuten lässt.
Der junge Thutmosis, damals noch nicht König, ist allein auf dem Plateau unterwegs. Es ist Mittag und heiß, und er legt sich in den Schatten des Sphinx, um zu schlafen. Im Moment, als die Sonne im Zenit steht, erscheint ihm der Gott im Traum. Er nennt sich Hor-em-achet, Horus im Horizont, verbunden mit den drei Erscheinungsformen des Sonnengottes am Morgen, am Tag und in der Nacht. Der Gott klagt, der Sand der Wüste habe ihn bedeckt, und macht ein Angebot: Wenn der junge Mann ihn vom Sand befreit, wird er König von Ober- und Unterägypten.
Bemerkenswert ist der Zustand des Denkmals, den die Erzählung voraussetzt. Der Sphinx war zu dieser Zeit weitgehend versandet. Nach der Einschätzung der Fachwelt war vermutlich der Kopf sichtbar und vielleicht der Umriss des Körpers zu ahnen, die Pfoten dagegen nicht. Der Gott, der um Hilfe bittet, ragte also als Kopf aus einer Sandfläche.
Ebenso bemerkenswert ist, was ringsum los war. Das Plateau war im Neuen Reich kein stiller Ort der Andacht, sondern ein Ausflugsgelände des Hofes. Nach der Darstellung der Ägyptologin Kasia Szpakowska kamen die Könige hierher zum Jagen, zum Wagenfahren und zum Bogenschießen, es gab Rastplätze mit Schatten für die Pferde, und ein Vorgänger hatte in der Nähe einen Tempel errichten lassen. Der Traum ereignete sich also nicht in einer Einöde, sondern auf einem Gelände, das man heute wohl als Naherholungsgebiet mit Sehenswürdigkeiten beschreiben würde.





Halbtagestour mit Halt am Sphinx
- Die Stele steht zwischen den Pfoten und wird ohne Hinweis regelmäßig für einen Teil des Bauwerks gehalten
- Der Eintritt auf das Gelände und die Abholung an der Unterkunft sind enthalten
- Deutschsprachige Führung möglich; die Innenbesichtigung der Pyramiden ist ausdrücklich nicht Teil des Programms
- Nach Anbieterangabe bis 24 Stunden vorher kostenfrei stornierbar
Erstens sollte betont werden, dass er tatsächlich der rechtmäßige Herrscher war. Wir wissen nicht viel darüber, wie er auf den Thron kam. Möglicherweise musste er seinen Anspruch dadurch begründen, dass der Gott unmittelbar zu ihm sprach, im Traum, und ihm das Königtum zusagte.Die Ägyptologin Kasia Szpakowska über den Zweck der Stele, im Gespräch mit der Wissenschaftsredaktion NOVA des öffentlichen US-Fernsehens (aus dem Englischen übersetzt)

Wozu die Stele aufgestellt wurde
Der Zweck dahinter ist damit schon angedeutet, und er ist der eigentliche Grund für die Aufstellung.
Ein König, der sich auf einen Gottesbefehl berufen kann, braucht keine Erbfolge zu begründen. Genau das leistet der Text. Er sagt nicht: Ich bin König, weil mein Vater es war. Er sagt: Der Gott hat mich ausgewählt und mir das Königtum zugesagt, und ich habe meinen Teil des Handels erfüllt. Ob Thutmosis das nötig hatte, ist offen, weil über seinen Weg auf den Thron wenig bekannt ist.
Dazu kommt ein zweiter Zweck, der weniger nach Propaganda klingt und im ägyptischen Denken schwerer wiegt. Die Instandhaltung der heiligen Bauten gehörte zu den Kernaufgaben eines Königs. Wer ein verfallendes Denkmal wiederherstellte, erfüllte nicht nur eine fromme Pflicht, sondern hielt die Ordnung der Welt aufrecht, für die es im Ägyptischen ein eigenes Wort gibt. Die Stele dokumentiert also beides zugleich: einen Anspruch und eine erfüllte Amtspflicht.
Bemerkenswert ist dabei, wie modern der Vorgang wirkt. Ein Denkmal verfällt, ein Amtsträger lässt es instand setzen, und die Maßnahme wird dokumentiert und öffentlich sichtbar gemacht. Heute leistet das eine Hinweistafel und ein Eintrag in einer Liste; die amtliche Übersicht zum Gelände führt die Nekropole entsprechend als Ensemble mit langer Nutzungs- und Pflegegeschichte. Damals leistete es ein Granitblock zwischen den Pfoten.
Und sie ist damit das älteste erhaltene Zeugnis für etwas, das dieses Gelände bis heute prägt: Ein Herrscher findet ein altes Bauwerk vor, lässt es freilegen, und hält das schriftlich fest. Der Vorgang wiederholt sich in der Geschichte des Plateaus mehrfach, mit wechselnden Beteiligten und wechselnden Sprachen.
Der Stein selbst ist wiederverwendet
Interessanter als der Text ist für viele Fachleute der Stein selbst, und hier liegt die überraschendste Einzelheit dieser Seite.
Die Stele ist kein eigens gebrochener Block, sondern ein wiederverwendetes Bauteil. Nach der verbreiteten Deutung handelt es sich um einen Türsturz aus dem Totentempel des Chephren, also aus der Anlage, zu der der Sphinx gehört. Als Beleg dafür gelten Vertiefungen auf der Rückseite, die zu den Zapfenlagern einer Türschwelle in jenem Tempel passen. Wenn das zutrifft, hat Thutmosis für seine Inschrift ein Stück aus dem Bauwerk verwendet, das er restaurieren ließ.
Das ist weniger respektlos, als es klingt, und für ägyptische Verhältnisse gewöhnlich. Steine wurden über Jahrhunderte weiterverwendet, und ein Block aus dem Bezirk selbst war für ein Denkmal an dieser Stelle naheliegend. Bemerkenswert bleibt es trotzdem: Der berühmteste Text zum Sphinx steht auf einem Stück des zugehörigen Tempels.
Vom Text selbst ist heute nur noch etwa die Hälfte lesbar. Durch die Platte zieht sich ein großer, unregelmäßiger Riss, der etwa in der zwölften Zeile beginnt; die darunter liegenden Zeilen sind nur noch teilweise erhalten. Ausgegraben wurde die Stele 1817 durch Giovanni Battista Caviglia, der den Sphinx bis zur Basis freilegte. Was danach geschah, ist eine bekannte Geschichte in der Denkmalpflege: Ein Text, der jahrtausendelang im Sand lag, verwitterte nach der Freilegung deutlich schneller.
- Aufgestellt von
- Thutmosis IV., Regierungszeit etwa 1401 bis 1391 v. Chr.
- Abstand zum Bau des Sphinx
- rund elfhundert Jahre
- Material und Größe
- Granit, knapp vier Meter hoch, mehrere Tonnen schwer
- Herkunft des Blocks
- nach verbreiteter Deutung ein Türsturz aus dem Totentempel des Chephren
- Zustand des Textes
- etwa die Hälfte erhalten, Riss ab der zwölften Zeile
- Standort
- unverändert zwischen den Vorderpfoten
Die Zeile, um die seit zweihundert Jahren gestritten wird
Bleibt die Zeile, um die seit zweihundert Jahren gestritten wird, und sie erklärt, warum diese Stele in jeder Diskussion über den Sphinx auftaucht.
In dem beschädigten Bereich glaubte man eine Silbenfolge zu erkennen, die als Anfang des Namens Chephren gelesen werden kann. Wäre das gesichert, hätte man ein Zeugnis aus dem Neuen Reich, das den Sphinx ausdrücklich mit jenem König verbindet, und damit ein Argument für die übliche Zuschreibung.
Belastbar ist das nicht, und zwar aus mehreren Gründen. Der Zusammenhang ist beschädigt, sodass unklar bleibt, worauf sich der Name bezieht: auf den Sphinx, auf einen benachbarten Bau oder auf etwas ganz anderes. Frühe Abschriften des neunzehnten Jahrhunderts zeigen an dieser Stelle mehr als der heutige Stein, sodass Teile der Diskussion auf Kopien beruhen und nicht auf dem Original. Und selbst wenn der Name dort stand, wäre er elfhundert Jahre nach dem Bau geschrieben worden, also selbst schon eine Überlieferung und keine Urkunde.
Die Zuschreibung des Sphinx an Chephren stützt sich deshalb hauptsächlich auf anderes: auf die Lage im Bereich seiner Anlage, auf den Aufweg, auf die Steinbruchsenke, deren Blöcke in seinem Taltempel verbaut sind. Die Stele ist ein Nebenargument, das oft als Hauptargument präsentiert wird.
Für die Bewertung der Stele selbst ändert das nichts. Sie bleibt eine der wichtigsten Quellen zum Sphinx, nur eben für eine andere Frage als die, für die sie meist zitiert wird. Was sie belegt, ist nicht die Bauzeit, sondern die Wirkungsgeschichte: dass der Sphinx elfhundert Jahre nach seiner Entstehung als Gottheit verehrt wurde, dass er versandet war, und dass ein König es für lohnend hielt, das zu ändern und schriftlich festzuhalten. Als Zeugnis für die Rezeption eines Denkmals ist sie kaum zu überschätzen. Als Urkunde über seine Entstehung taugt sie wenig. Die gesamte Nekropole steht heute als Ensemble auf der Welterbeliste der UNESCO, und die Stele gehört zu den Objekten, die dabei ausdrücklich mitgeschützt sind.
Vor Ort ist von alldem übrigens wenig zu erkennen. Die Stele steht in der Grube zwischen den Pfoten, und Sie betrachten sie aus einigen Dutzend Metern von der erhöhten Terrasse aus. Sichtbar ist der aufrechte Block, nicht der Text. Wer wissen will, was darauf steht, muss es vorher gelesen haben, und genau dafür ist diese Seite gedacht.

Der Eintritt, mit dem Sie bis zur Terrasse kommen
Die Stele ist im Freigelände und kostet nichts zusätzlich; nötig ist nur der normale Eintritt. Der Code auf dem Telefon spart die Schlange am Schalter, was am östlichen Tor besonders zählt, weil dort nicht verkauft wird.
Häufige Fragen
Was steht auf der Traumstele?
Ein junger Prinz schläft im Schatten des Sphinx, der Gott erscheint ihm im Traum und verspricht ihm das Königtum, wenn er den Sand entfernt.
Wer hat sie aufgestellt?
Thutmosis IV., ein König der achtzehnten Dynastie, rund elfhundert Jahre nach dem Bau des Sphinx.
Woraus besteht die Platte?
Aus Granit. Nach verbreiteter Deutung ist es ein wiederverwendeter Türsturz aus dem Totentempel des Chephren.
Beweist die Stele, wer den Sphinx gebaut hat?
Nein. Die entscheidende Stelle ist beschädigt, der Zusammenhang unklar, und der Text entstand elfhundert Jahre nach dem Bau.
Kann man den Text vor Ort lesen?
Nein. Sie sehen den aufrechten Block aus einigen Dutzend Metern von der Terrasse aus, nicht die Inschrift.
Steht sie noch am selben Ort?
Ja, unverändert zwischen den Vorderpfoten des Sphinx.
