Die Bauweise des Sphinx von Gizeh: aus einem stehengelassenen Felsen geschnitten

Der Sphinx wurde nicht gebaut, sondern herausgeschnitten. Wie das ging, warum der Körper zerfällt und der Kopf nicht, und wer ihn in Auftrag gab.

Der wichtigste Satz zu diesem Bauwerk lautet: Es wurde nicht gebaut. Es wurde freigelegt.

Bei den Pyramiden nebenan wurde Stein gebrochen, transportiert und aufgeschichtet. Beim Sphinx geschah das Gegenteil. Die Arbeiter gruben einen tiefen Graben in den anstehenden Fels und ließen in der Mitte einen Klotz stehen. Aus diesem Klotz schnitten sie die Figur heraus. Es handelt sich also nicht um Mauerwerk, sondern um Bildhauerei im Maßstab eines Wohnblocks: 73 Meter lang von der Pranke bis zum Schwanz, 20 Meter hoch, 19 Meter breit an der Hinterhand.

Dieser Unterschied erklärt fast alles, was am Sphinx auffällt. Er erklärt, warum er in einer Grube sitzt und nicht auf einer Fläche steht. Er erklärt, warum sein Körper an manchen Stellen bröckelt und der Kopf daneben scharf gezeichnet geblieben ist. Und er erklärt, warum die Figur nicht ganz symmetrisch ist: Wer aus einem vorhandenen Felsen arbeitet, muss nehmen, was da ist.

Die Grube hat allerdings eine Kehrseite. Sie füllt sich. Wüstensand weht hinein, sammelt sich und begräbt die Figur, wenn niemand ihn herausschafft, und das ist über die Jahrtausende immer wieder geschehen. Den weitaus größten Teil ihrer Existenz hat die Figur bis zum Hals im Sand gesteckt. Erst in den 1920er Jahren wurde sie vollständig und dauerhaft freigelegt.

Das klingt nach einem Schaden, war aber eine Rettung. Solange der Körper im Sand lag, war er vor Wind, Sandschliff und Temperaturwechseln geschützt. Der Kopf, der jahrtausendelang herausragte, hat entsprechend mehr abbekommen. Dass er trotzdem besser aussieht als der Rumpf, liegt an etwas anderem, und dazu gleich mehr.

Eine Konsequenz wird selten genannt, ist aber die interessanteste. Ein gemauertes Bauwerk lässt sich abtragen und anderswo wiederverwenden, und genau das ist mit den Pyramiden über Jahrhunderte geschehen. Eine aus dem Untergrund geschnittene Figur lässt sich nicht abtragen. Der Sphinx hat überlebt, weil er als Baumaterial nichts hergab.

Der Große Sphinx in seiner ausgehobenen Felsgrube von Südosten
Die Figur sitzt in einer Grube. Die Wände ringsum sind die Schnittflächen, aus denen sie herausgearbeitet wurde.

Drei Gesteinsschichten erklären den Zustand

Der Fels, aus dem die Figur besteht, ist nicht gleichmäßig, und darin liegt der Schlüssel zu ihrem Zustand.

Die Grabungsforschung unterscheidet drei Gesteinsabschnitte am Sphinx. Ganz unten liegt der erste: harter, spröder Fels eines versteinerten Riffs. Er bildet den Sockel und die Pranken und ist an der Hinterhand mehrere Meter mächtig, an den Pranken nur knapp einen. Darüber folgt der zweite Abschnitt, und aus ihm besteht praktisch der gesamte Körper. Er ist in sieben Bänke gegliedert, die von unten nach oben abwechselnd weicher und härter werden. Der dritte Abschnitt bildet Hals und Kopf. Er ist am Hals weicher, am Kopf deutlich härter.

Damit ist der auffälligste Befund erklärt. Der Körper verwittert in Wellen: Die weichen Bänke treten zurück, die harten bleiben stehen, und es entsteht das gerippte Profil, das auf jedem Foto zu sehen ist. Der Kopf dagegen sitzt in dichterem Material und hat deshalb Gesichtszüge behalten, die viereinhalbtausend Jahre alt sind.

Zu unterscheiden ist das von dem, was später hinzugefügt wurde. An Pranken, Flanken und Sockel sitzt heute Mauerwerk, teils antik, teils modern. Schon im Neuen Reich wurden Verkleidungsblöcke angesetzt, um den zerfallenden Rumpf zu stützen, und in der Neuzeit folgten mehrere Kampagnen. Eine davon in den 1980er Jahren musste zurückgebaut werden, weil der verwendete Mörtel dem Originalgestein schadete. Wer heute die untere Hälfte betrachtet, sieht deshalb zu einem erheblichen Teil Reparatur, nicht Original.

Es ist also keine Frage der Behandlung, sondern der Bänke. Messungen an diesen Kalksteinen zeigen erhebliche Unterschiede in Dichte, Porosität und Salzempfindlichkeit zwischen benachbarten Lagen. Der Bildhauer hatte darauf keinen Einfluss. Er arbeitete in dem Fels, der an dieser Stelle stand.

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  • Der Tempel aus dem Abraum steht direkt vor der Figur und wird von den meisten übersehen
  • Ein lizenzierter Guide zeigt, welche Verwitterungsspuren vom Gestein kommen und welche nicht
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
Drei Gesteinsabschnitte, drei Erhaltungszustände

Drei Gesteinsabschnitte, drei Erhaltungszustände

  1. 1Sockel und Pranken Abschnitt I: hartes, sprödes Gestein. Es verwittert kaum, bricht dafür in großen Stücken.
  2. 2Rumpf mit gerippter Verwitterung Abschnitt II: sieben Bänke, abwechselnd weich und hart. Die weichen Lagen treten zurück, die harten stehen vor. Genau das erzeugt das gerippte Bild, das auf jedem Foto zu sehen ist.
  3. 3Hals Abschnitt III unten: weicheres Gestein. Der Hals ist die schmalste und am stärksten geschädigte Stelle der Figur.
  4. 4Kopf, bestes Erhaltungsbild Abschnitt III oben: hartes Gestein. Deshalb wirkt ausgerechnet der Kopf am vollständigsten, obwohl er am längsten frei stand.

Die Bankzahl folgt der gaengigen Gliederung der Grabungsforschung. Die Darstellung ist schematisch und nicht maßstäblich.

Wohin der ausgehobene Stein kam

Wohin kam eigentlich der ganze Stein, der aus dem Graben herausgeholt wurde? Diese Frage führt zu dem Befund, der die Datierung trägt.

Unmittelbar östlich vor dem Sphinx steht ein Tempel aus gewaltigen Kalksteinblöcken, manche davon im Bereich mehrerer Dutzend Tonnen. Zwischen 1979 und 1983 kartierte ein Grabungsteam den Sphinx Stein für Stein und verglich die Schichtung in den Tempelblöcken mit den Bänken im Körper der Figur. Das Ergebnis: Die Blöcke passen. Kernblöcke des Tempels entsprechen bestimmten Lagen aus dem Rumpf des Sphinx.

Noch schärfer wird der Befund durch die Verteilung. Blöcke aus den unteren Brustlagen stecken überwiegend in den Tempelwänden, Blöcke aus den oberen Brustlagen häufen sich an der Vorderseite des Tempels. Das entspricht genau der Reihenfolge, in der sich ein Steinbruch nach unten durcharbeitet. Der Tempel wurde also aus dem Abraum errichtet, während die Figur entstand.

Damit sind Sphinx und Tempel ein einziger Arbeitsgang. Der Bildhauer und der Maurer arbeiteten am selben Material, nur in umgekehrter Richtung: Was der eine wegnahm, setzte der andere fünfzig Meter weiter östlich wieder zusammen.

Die Größenordnung dieser Blöcke lohnt einen Moment. Es handelt sich nicht um handliche Quader, sondern um Monolithen, die im Bereich von Dutzenden Tonnen liegen, einzelne noch darüber. Bewegt werden mussten sie allerdings nur wenige Dutzend Meter, vom Rand der Grube bis zur Baustelle davor, und zwar bergab. Das ist die günstigste Transportaufgabe, die es gibt, und sie erklärt, warum man hier mit Blockgrößen arbeiten konnte, die man über längere Strecken nie gewählt hätte.

Fertig wurde der Tempel übrigens nicht. Auch das passt ins Bild eines Vorhabens, das an einer Frist endete.

Wer hat den Sphinx bauen lassen?

Die Zuschreibung an einen Bauherrn ist damit weitgehend geklärt, wenn auch nicht bewiesen.

Der Tempel vor dem Sphinx und der Taltempel der mittleren Pyramide liegen nebeneinander, teilen eine Bauflucht und gehören derselben Bauphase an. Diese Bauphase gehört zum Pyramidenbezirk des Chephren. Da der Sphinxtempel aus dem Abraum der Figur besteht, hängt die Figur an derselben Kette. Der Leiter der Grabung formuliert es zurückhaltend: Die Belege für Chephren seien stärker, ein absoluter Beweis seien sie nicht.

Es gibt eine ernstzunehmende Gegenüberlegung. Einige Fachleute halten es für möglich, dass die Arbeiten unter Cheops begannen oder dass ein anderer Angehöriger der Familie dahintersteckt. Angeführt werden eine Steinbruchkante nördlich der Figur, die zu einer älteren Transporttrasse passen könnte, und Mannschaftsnamen mit dem Wort Löwe, die an einem Hafenplatz aus der Zeit des Cheops gefunden wurden. Das ist ein Hinweis, kein Nachweis, und wird auch von seinen Vertretern so behandelt.

Eine dritte Spur führt zu der Stele, die ein späterer König tausend Jahre danach zwischen den Pranken aufstellen ließ. In ihrem beschädigten Text glaubten Forscher des 19. Jahrhunderts eine Silbe des Namens Chephren zu erkennen, was lange als Beleg galt. Die betreffende Stelle ist heute verloren, und was dort stand, lässt sich nicht mehr prüfen. Als Argument taugt sie deshalb nicht mehr, weder für noch gegen die Zuschreibung.

Für die Praxis heißt das: Die übliche Datierung um 2500 vor Christus ist gut begründet und wird von der Fachwelt getragen. Sie ruht auf einer Kette von Indizien, nicht auf einer Inschrift. Eine Bauinschrift des Sphinx existiert nicht.

Drei Datierungen und was für sie spricht

Chephren, um 2500 v. Chr.

Die Figur entstand als Teil des Pyramidenbezirks des Chephren, gemeinsam mit dem Tempel davor.

Dafür

Die Tempelblöcke stammen nachweislich aus dem Graben der Figur. Sphinxtempel und Taltempel teilen Bauflucht und Bauphase.

Dagegen

Es gibt keine Bauinschrift. Die Kette besteht aus Indizien, wenn auch aus gut geprüften.

Früher, unter Cheops oder einem Familienmitglied

Die Arbeiten begannen eine Generation vorher, Chephren führte sie zu Ende oder vereinnahmte sie.

Dafür

Eine Steinbruchkante nördlich der Figur und Mannschaftsnamen mit dem Wort Löwe aus der Zeit des Cheops.

Dagegen

Beides ist mit der üblichen Datierung ebenso vereinbar. Ein eigener Befund für einen früheren Beginn fehlt.

Sehr viel früher, vor 5000 v. Chr.

Die tiefen senkrechten Furchen an Körper und Grubenwand stammen von starkem Regen, den es seit dem Alten Reich nicht mehr gab.

Dafür

Das Verwitterungsbild unterscheidet sich sichtbar von dem anderer Bauten auf demselben Gelände.

Dagegen

Die Unterschiede lassen sich aus den Gesteinsbänken und aus Salzsprengung erklären. Für eine Hochkultur dieses Alters fehlt jeder weitere Fund.

Nahaufnahme der gerippten Verwitterung an der Flanke des Sphinx
Weiche Bänke treten zurück, harte bleiben stehen. Das Rippenmuster ist ein Abbild der Gesteinsschichtung.

Warum wurde der Sphinx gebaut?

Warum wurde der Sphinx von Gizeh gebaut? Darauf gibt es keine überlieferte Antwort, aber eine gut begründete Deutung.

Die Figur verbindet einen Löwenkörper mit einem menschlichen Königskopf, kenntlich am Kopftuch und am Ansatz eines Bartes. Der Löwe steht im ägyptischen Denken für Wachsamkeit und Schutz, der Königskopf für die Person, die diesen Schutz ausübt. Zusammen ergibt sich ein Wächter, der nicht abstrakt ist, sondern jemand Bestimmtes.

Entscheidend ist die Ausrichtung. Die Figur blickt exakt nach Osten, also dorthin, wo die Sonne aufgeht. Sie liegt am Ende des Aufwegs, der von der mittleren Pyramide herunterführt, unmittelbar neben dem Tempel am damaligen Hafen. Wer aus dem Tal zum Pyramidenbezirk hinaufkam, passierte sie. Sie steht damit an der Schwelle zwischen dem Land der Lebenden am Fluss und der Totenstadt auf dem Felsrücken.

Später kam eine zweite Bedeutung dazu. Im Neuen Reich, gut tausend Jahre nach der Entstehung, war die Figur bereits weitgehend versandet und wurde als Gottheit verehrt. Aus dieser Zeit stammt die Stele zwischen den Pranken, auf der ein späterer König festhalten ließ, dass er den Sand entfernen ließ. Der Sphinx war da schon ein Denkmal aus einer fernen Vergangenheit, so weit entfernt wie für uns die Römerzeit.

Auch der Name verrät etwas über die Funktion. Das Wort Sphinx ist griechisch und stammt aus einem ganz anderen Sagenkreis. Die Ägypter des Neuen Reichs nannten die Figur Hor-em-achet, übersetzt etwa Horus im Horizont, und verbanden sie damit mit dem Sonnengott am Ort seines Aufgangs. Wie sie in der Bauzeit hieß, ist nicht überliefert. Der geläufige Name ist also eine Fremdbezeichnung, die rund zweitausend Jahre nach der Entstehung vergeben wurde.

Was er für seine Erbauer bedeutete, bleibt eine Rekonstruktion. Was er für spätere Ägypter bedeutete, ist dagegen schriftlich belegt.

Häufige Fragen

Wann wurde der Sphinx von Gizeh gebaut?

Nach der üblichen Datierung um 2500 v. Chr., in der 4. Dynastie. Die Zuordnung stützt sich auf die Bauabfolge mit dem Tempel davor, nicht auf eine Inschrift.

Wer hat den Sphinx von Gizeh gebaut?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit Chephren, der Bauherr der mittleren Pyramide. Eine frühere Beteiligung seines Vaters wird diskutiert, ist aber nicht belegt.

Wie alt ist der Sphinx von Gizeh?

Rund 4.500 Jahre. Die These eines Alters von 9.000 Jahren oder mehr wird von der Fachwelt nicht geteilt.

Wurde er aus Blöcken gemauert?

Nein, er wurde aus dem anstehenden Fels herausgeschnitten. Gemauert sind nur spätere Ausbesserungen an Pranken und Sockel.

Warum ist der Körper schlechter erhalten als der Kopf?

Weil Körper und Kopf aus verschiedenen Gesteinsabschnitten bestehen. Der Kopf sitzt in dichterem, widerstandsfähigerem Material.

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Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy

Sphinx, Grube und der Tempel davor liegen im normalen Ticketbereich. Am Sphinx-Tor selbst gibt es keine Kasse.

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