Die Große Galerie der Cheops-Pyramide: der Raum ohne Zweck

Neun Meter hoch, 47 Meter lang und völlig schmucklos: Warum der eindrucksvollste Raum im Inneren der Cheops-Pyramide bis heute keinen gesicherten Zweck hat.

Alles im Inneren dieses Bauwerks ist eng. Die Gänge im Inneren der Cheops-Pyramide zwingen erwachsene Menschen über weite Strecken in eine gebückte Haltung, sie sind etwa einen Meter hoch, und man geht sie im Gegenverkehr.

Und dann öffnet sich der Raum. Ohne Vorwarnung, nach vierzig Metern Kriechgang, steigt die Decke auf fast neun Meter an, und vor Ihnen liegt ein schräg ansteigender Schacht von siebenundvierzig Metern Länge. Es ist der einzige Ort im ganzen Bauwerk, an dem ein Mensch die Arme ausbreiten und nach oben schauen kann.

Diese Wirkung ist unbestritten. Der Zweck ist es nicht. Nach zweihundert Jahren systematischer Untersuchung gibt es für diesen Raum keine gesicherte Erklärung, sondern mehrere konkurrierende, von denen jede etwas erklärt und keine alles.

Das ist bemerkenswert, weil der Rest der Anlage sich gut erschließt. Ein absteigender Gang führt zu einer Kammer, ein aufsteigender zu einer anderen, Verschlusssteine dichten ab, Entlastungskammern tragen Last. Jedes dieser Bauteile hat eine Aufgabe, die man benennen kann. Der größte und aufwendigste Innenraum hat keine.

Vorweg eine Einordnung, die den Reiz der Frage erklärt. In der ägyptischen Baugeschichte steht dieser Raum allein. Weder frühere noch spätere Pyramiden haben etwas Vergleichbares, und auch in Tempeln oder Gräbern findet sich keine Parallele. Ein Bauteil, das genau einmal vorkommt, lässt sich nicht durch Vergleich erklären, sondern nur aus sich selbst heraus, und das ist der Grund, warum die Diskussion seit zweihundert Jahren nicht abschließt.

Diese Seite beschreibt, wie er gebaut ist, welche Deutungen es gibt und was davon beim Besuch tatsächlich zu sehen ist.

Blick die Große Galerie hinauf mit den vorkragenden Wandlagen
Sieben Lagen, jede etwa acht Zentimeter weiter nach innen. So entsteht eine Decke ohne Bogen.

Wie die Decke ohne Gewölbe hält

Die Bauweise ist das eigentlich Bemerkenswerte, und sie löst ein Problem, für das die Zeit noch kein Gewölbe kannte.

Ein Raum von neun Metern Höhe braucht eine Decke, die diese Spannweite überbrückt. Einen echten Bogen mit Schlussstein gab es im Alten Reich nicht. Die Lösung heißt Kraggewölbe: Die Wände bestehen aus sieben übereinanderliegenden Lagen, und jede Lage springt gegenüber der darunterliegenden um etwa acht Zentimeter nach innen vor. Auf diese Weise nähern sich die beiden Wände einander an, bis oben ein Spalt von gut einem Meter Breite bleibt, der mit flachen Platten geschlossen wird.

Der Kniff steckt im Detail. Die vorkragenden Blöcke liegen nicht einfach aufeinander, sondern sind so gesetzt, dass jeder von der Wand hinter ihm getragen wird und nicht von dem Block darunter. Damit summiert sich der Druck nicht nach unten auf, sondern wird seitlich in die Masse abgeleitet. Ohne diese Anordnung hätten die unteren Lagen die gesamte Last der oberen zu tragen.

Wie genau diese Arbeit ausgeführt wurde, sieht man an den Fugen. Die Blöcke der Wandlagen sind eben gearbeitet und stoßen mit sehr schmalen Fugen aneinander, und der Versatz zwischen den Lagen ist über die gesamte Länge gleichmäßig. Eine Abweichung von wenigen Zentimetern hätte sich über sieben Lagen und siebenundvierzig Meter zu einer sichtbaren Schiefe aufsummiert. Sie ist nicht vorhanden.

Der Boden steigt im selben Winkel an wie der Gang davor, also mit gut sechsundzwanzig Grad. Entlang beider Seiten laufen niedrige steinerne Rampen, dazwischen liegt eine schmale Rinne. Wer hindurchgeht, läuft in dieser Rinne.

Aufmaße, Fotografien und Grabungsdokumente zu diesem Raum aus mehr als hundert Jahren liegen im digitalen Archiv der Universität Harvard und lassen sich dort einsehen.

GetYourGuide

Geführte Tagestour mit Option auf die Innenbesichtigung

★ 4,8(1.682 Bewertungen)
  • Die Galerie ist der einzige Raum im Bauwerk, in dem man aufrecht steht
  • Die Innenbesichtigung der Cheops-Pyramide ist als Zubuchung erhältlich
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung, Abholung und Mittagessen sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
Länge
rund 47 m
Höhe
rund 8,6 m
Breite unten
gut 2 m
Breite oben
rund 1,04 m
Wandaufbau
sieben vorkragende Lagen, je etwa 8 cm Versatz
Steigung
gut 26 Grad, dieselbe wie im Gang davor
Schlitze in den Rampen
27 Paare, Zweck ungeklärt

Die 27 Schlitze in den Rampen

An den seitlichen Rampen sitzt das Rätsel, an dem sich die Deutungen entscheiden.

In den Oberseiten der beiden Rampen sind Schlitze eingearbeitet, siebenundzwanzig auf jeder Seite, einander paarweise gegenüberliegend. Sie sind rechteckig, sauber ausgeführt und regelmäßig verteilt. Darüber hinaus finden sich in den Wänden Nischen. Ein solcher Aufwand wird nicht ohne Grund betrieben.

Nur ist der Grund nicht überliefert. Die Schlitze könnten Balken aufgenommen haben, aus Holz oder Stein, quer über den Raum gelegt. Sie könnten zu einer Konstruktion gehört haben, die während des Baus gebraucht wurde und danach entfernt wurde. Sie könnten Teil einer Vorrichtung gewesen sein, die schwere Lasten hielt oder bewegte.

Was sie nicht sind: dekorativ. Der gesamte Raum ist ohne jeden Schmuck, ohne Inschrift, ohne Relief. Wer hier etwas einarbeitet, tut das aus einem praktischen Grund.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Raum vollständig ausgeräumt ist. Was auch immer in den Schlitzen steckte, ist entfernt worden, vermutlich schon in der Antike. Holz hätte ohnehin kaum überdauert, doch selbst Metallteile oder steinerne Auflager fehlen. Die Deutungen müssen deshalb aus der Form des Raums erschlossen werden, nicht aus dem, was darin lag.

Hinzu kommt eine Beobachtung, die jede Deutung erfüllen muss. Der Raum liegt genau auf der Strecke zwischen dem aufsteigenden Gang und der Grabkammer, und der aufsteigende Gang wurde nach der Bestattung mit tonnenschweren Granitblöcken verschlossen. Diese Blöcke mussten vorher irgendwo lagern, und zwar oberhalb der Stelle, an der sie später herabgelassen wurden.

Wofür war dieser Raum da?

Lager für die Verschlusssteine

Die Granitblöcke, die den aufsteigenden Gang abdichteten, lagerten hier bis zur Bestattung und wurden danach hinabgelassen.

Dafür

Erklärt die Lage oberhalb des Gangs, die Steigung und die Notwendigkeit eines großen Hohlraums an genau dieser Stelle.

Dagegen

Erklärt nicht die Höhe von neun Metern. Zum Lagern von Blöcken genügt ein Raum von zwei Metern.

Teil einer Hebe- oder Gegengewichtsanlage

Die Galerie nahm eine Konstruktion auf, mit der schwere Lasten mithilfe eines Gegengewichts bewegt wurden.

Dafür

Erklärt Höhe, Steigung und die paarweisen Schlitze in den Rampen als Auflager. Wird in aktuellen Arbeiten durchgerechnet.

Dagegen

Von einer solchen Anlage ist nichts erhalten, und es gibt keine Parallele in einem anderen Bauwerk.

Bautechnische Entlastung

Der Hohlraum verringert die Last über den darunterliegenden Räumen, ähnlich den Kammern über der Grabkammer.

Dafür

Passt zur Bauweise des Kraggewölbes und zu den nachgewiesenen Hohlräumen an anderen Stellen des Bauwerks.

Dagegen

Erklärt weder die sorgfältige Ausführung noch die Schlitze. Entlastung braucht keine geglätteten Wände.

Rituelle Funktion

Der Raum diente Handlungen während der Bestattung, etwa dem Aufstellen von Kultgerät.

Dafür

Würde den Aufwand und die Sorgfalt der Ausführung erklären.

Dagegen

Es fehlt jeder Beleg: keine Inschrift, kein Fund, keine Parallele in vergleichbaren Anlagen.

Die seitliche Rampe in der Großen Galerie mit einem der eingearbeiteten Schlitze
Einer von siebenundzwanzig Schlitzen je Seite. Was darin steckte, ist unbekannt.

Die große Stufe am oberen Ende

Am oberen Ende endet die Galerie nicht sanft, sondern mit einer Stufe von rund einem Meter Höhe, die quer über die volle Breite läuft. Sie hat einen eigenen Namen bekommen, weil sie so unerwartet kommt, und sie ist der letzte Anstieg vor dem waagerechten Gang zur Grabkammer.

Was diese Stufe soll, gehört zu denselben offenen Fragen. Sie könnte ein Podest gewesen sein, ein Auflager, oder schlicht das Ergebnis einer Anpassung während des Baus. Wer heute hinaufsteigt, nimmt sie als das, was sie praktisch ist: die Stelle, an der man sich noch einmal hochziehen muss.

Über der Galerie liegt außerdem der 2017 nachgewiesene große Hohlraum, mindestens dreißig Meter lang und bislang nie eingesehen. Ob er zu ihr gehört, ob er eine Entlastung für sie darstellt oder ob beides unabhängig voneinander entstand, ist offen. Dass ausgerechnet über dem rätselhaftesten Raum ein weiterer unerklärter Raum liegt, hat die Diskussion nicht beruhigt.

Bemerkenswert ist dabei, wie wenig sich am Kenntnisstand geändert hat. Die Maße des Raums waren im 19. Jahrhundert bekannt, die Schlitze ebenso, und die vier heute diskutierten Deutungen waren im Kern schon damals formuliert. Was seither hinzukam, sind bessere Messungen und der Nachweis der Hohlräume, nicht eine Antwort. Das ist ungewöhnlich für ein so intensiv untersuchtes Bauwerk.

Aktuelle Arbeiten nähern sich der Frage von der Statik her. Eine Untersuchung zu Hebe- und Gegengewichtssystemen rechnet durch, ob sich schwere Lasten mit den Mitteln der Zeit über eine geneigte Ebene dieser Bauart bewegen ließen. Das beweist nichts über die Absicht der Erbauer, grenzt aber ein, was technisch möglich war.

Der einzige Abschnitt, in dem der Körper zur Ruhe kommt

Beim Besuch ist die Galerie der Teil, an den sich fast alle erinnern, und zwar aus einem einfachen Grund: Sie ist der einzige Abschnitt, in dem der Körper zur Ruhe kommt.

Der Weg dorthin führt gebückt durch den aufsteigenden Gang. Wer dann aufrecht steht, empfindet das als Erleichterung, und genau diese Abfolge von Enge und plötzlicher Weite ist vermutlich die stärkste räumliche Wirkung, die das Bauwerk zu bieten hat. Ob sie beabsichtigt war, weiß niemand.

Praktisch ist der Aufstieg trotzdem anstrengend. Es geht über gut vierzig Meter bergauf, der Boden ist mit Querleisten versehen, es gibt einen Handlauf, und im Gegenverkehr wird es eng. Rechnen Sie mit Wärme und stickiger Luft; die Belüftung ist begrenzt, und die Zahl der Menschen im Bauwerk ist es nicht immer.

Fotografieren Sie den Raum, wenn es erlaubt ist, aber erwarten Sie kein gutes Ergebnis. Die Galerie ist schmal, hoch und dunkel, und ein Handy bildet weder die Höhe noch die Staffelung der Lagen ab. Was Sie mitnehmen, ist der Eindruck, nicht das Bild.

Wer den Weg nicht gehen kann oder will, hat eine Alternative, die überraschend gut funktioniert. Der Raum ist vielfach vermessen, fotografiert und dreidimensional erfasst worden, und Modelle daraus geben die Geometrie genauer wieder, als ein Besuch es je könnte. Was sie nicht liefern, ist die Abfolge von Enge und Weite. Genau die ist der Grund, überhaupt hineinzugehen.

Und ein letzter Hinweis: Schauen Sie an den Wänden nach oben, bevor Sie weitergehen. Die sieben Lagen sind mit bloßem Auge zu zählen, und der Versatz zwischen ihnen ist die einzige sichtbare Erklärung dafür, warum dieser Raum seit viereinhalbtausend Jahren steht.

Häufige Fragen

Wie groß ist die Große Galerie?

Rund 47 Meter lang, etwa 8,6 Meter hoch, unten gut zwei Meter breit und oben nur noch rund einen Meter.

Wofür war sie da?

Das ist ungeklärt. Diskutiert werden ein Lager für die Verschlusssteine, eine Hebevorrichtung, eine bautechnische Entlastung und eine rituelle Nutzung.

Was sind die Schlitze in den Rampen?

Siebenundzwanzig Paare rechteckiger Aussparungen, vermutlich Auflager für Balken. Was darin steckte, ist nicht überliefert.

Warum ist die Decke nicht gewölbt?

Weil das Alte Reich den echten Bogen nicht verwendete. Stattdessen springen sieben Wandlagen jeweils etwa acht Zentimeter nach innen vor, bis oben nur ein schmaler Spalt bleibt.

Kann man sie betreten?

Ja, sie liegt auf dem Weg zur Grabkammer und wird bei jeder Innenbesichtigung durchquert. Dafür ist ein Zusatzticket nötig.

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Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy

Das Basisticket deckt das Gelände ab, nicht das Innere der Cheops-Pyramide. Für die Galerie ist ein Zusatzticket nötig.

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