Wo ist der Schatz der Pyramiden von Gizeh, ist die Frage, die Kinder zuerst stellen und Erwachsene für erledigt halten. Sie ist aber nicht erledigt, sondern nur unbequem zu beantworten.
Die ehrliche Auskunft lautet: Wir wissen nicht, was in der größten Pyramide stand, weil sie leer war, bevor irgendjemand aufschrieb, dass er hineingesehen hat. Der erste überlieferte Bericht über das Innere stammt aus dem neunten Jahrhundert nach Christus, also rund dreieinhalbtausend Jahre nach dem Bau. Was in diesen dreieinhalbtausend Jahren geschah, ist nicht dokumentiert.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu der Formulierung, die man meistens liest. Es heißt gern, die Pyramiden seien in der Antike geplündert worden. Das ist die mit Abstand plausibelste Erklärung, und sie stützt sich auf reichlich Vergleichsmaterial aus anderen Nekropolen. Ein direkter Nachweis für die drei Bauwerke von Gizeh, also ein Fund, eine Akte oder eine Inschrift, die den Vorgang belegt, existiert nicht.
Diese Seite geht deshalb anders vor als die üblichen Darstellungen. Sie beginnt mit dem, was sich tatsächlich nachweisen lässt, geht dann zu dem, was aus dem Befund folgt, und behandelt zum Schluss die beiden Vorstellungen, die das Bild am stärksten verzerren: das berühmteste Grab Ägyptens und die Hoffnung auf eine unentdeckte Kammer.
Der Befund ist aussagekräftiger als das Wort leer
Zuerst der Befund, denn er ist aussagekräftiger, als das Wort leer vermuten lässt.
In der oberen Kammer der größten Pyramide steht ein Sarkophag aus rotem Granit. Er ist ohne Deckel, an einer Ecke beschädigt, und er ist breiter als der aufsteigende Gang, durch den man ihn hätte hereintragen müssen. Daraus folgt zwingend, dass er an seinem Platz war, bevor die Kammer und alles darüber fertiggestellt wurden. Der Bau lief um ihn herum.
Ebenso aussagekräftig ist der Verschluss. Nach der Beisetzung wurde der aufsteigende Gang mit mehreren tonnenschweren Granitpfropfen versperrt, die von oben hineingeschoben wurden und dort festsaßen. Niemand verschließt einen leeren Raum auf diese Weise. Der Aufwand belegt, dass es etwas zu schützen gab, und er belegt zugleich, wie ernst die Bauleute die Gefahr nahmen.
Der dritte Punkt ist der Weg, den die späteren Eindringlinge nahmen. Sie kamen nicht durch den Gang, sondern schlugen sich seitlich durch den weicheren Kalkstein an den Granitpfropfen vorbei. Diesen Umgehungstunnel benutzen Besucher bis heute. Wer ihn kennt, hat die Antwort auf die Frage nach dem Schatz bereits in der Hand: Jemand hat sich hier mit erheblichem Aufwand Zutritt verschafft, und er tat es nicht aus Neugier.
Ein vierter Punkt kommt hinzu und wird selten genannt: Der Sarkophag selbst ist unfertig. An seiner Oberfläche sind Werkzeugspuren zu erkennen, die Politur ist nicht überall abgeschlossen, und der Deckel fehlt nicht nur, er wurde nach dem Befund nie richtig befestigt. Was daraus folgt, ist umstritten. Manche lesen darin Zeitdruck am Ende einer langen Bauzeit, andere halten es für den normalen Zustand eines Stücks, das im Halbdunkel stand und nie zur Ansicht bestimmt war. Für unsere Frage ist es dennoch aufschlussreich: Selbst das Zentrum dieser Anlage war nicht durchweg perfekt ausgeführt.
Was fehlt, ist alles Übrige. Keine Beigaben, keine Möbel, keine Gefäße, keine Reste einer Bestattung. Und weil nichts da ist, lässt sich auch nicht sagen, wann es verschwand.





Geführter Tag mit Innenraum als Zubuchung
- Der leere Raum ist der eigentliche Befund dieser Seite; sehen lässt er sich nur von innen
- Der Eintritt auf das Gelände ist enthalten, die Innenbesichtigung ist als Zubuchung vorgesehen
- Deutschsprachige Führung möglich, was bei einer Frage mit vielen Halbwahrheiten hilft
- Nach Anbieterangabe bis 24 Stunden vorher kostenfrei stornierbar
Was gesichert ist
- In der Kammer vorhanden
- ein Granitsarkophag ohne Deckel
- Beigaben gefunden
- keine
- Zustand beim ersten Bericht
- bereits leer, im 9. Jahrhundert n. Chr.
- Verschluss der Gänge
- mehrere tonnenschwere Granitpfropfen
- Zeitpunkt der Plünderung
- unbekannt, für Gizeh nicht belegt
- Belegter Raub am Bauwerk
- die Verkleidungssteine, ab dem Mittelalter

Grabraub hat eine eigene Verwaltungsakte
Dass Grabraub in Ägypten kein Einzelfall war, sondern ein anhaltendes Problem mit eigener Verwaltungsakte, lässt sich dagegen sehr gut belegen, nur eben nicht für Gizeh.
Aus der Zeit um 1110 vor Christus ist ein Aktenkonvolut erhalten, das Ermittlungen gegen Grabräuber dokumentiert. Das bekannteste Stück davon, benannt nach einem früheren Besitzer und heute unter der Nummer 10221 in einer Londoner Sammlung, hält die Untersuchung einer Kommission fest, die im sechzehnten Regierungsjahr eines Königs der zwanzigsten Dynastie die Königsgräber im Westen von Theben inspizierte. Die Kommission fand die meisten Königsgräber unversehrt, ein älteres jedoch aufgebrochen, und stellte fest, dass die Gräber von Privatleuten in großem Umfang geplündert waren.
Interessant ist daran nicht nur der Befund, sondern der Vorgang. Es gab eine Anzeige, eine Kommission, eine Ortsbegehung, Vernehmungen und einen Bericht. Es gab außerdem eine politische Dimension: Der Bürgermeister der einen Stadthälfte hatte die Vorwürfe erhoben, der Bürgermeister der anderen Hälfte war für den Friedhof zuständig, und es steht seit langem der Verdacht im Raum, dass Letzterer selbst verwickelt war. Diese Akten wurden in einer wissenschaftlichen Gesamtausgabe von T. E. Peet aus dem Jahr 1930 zugänglich gemacht und werden seither ausgewertet.
Zwei Einschränkungen sind hier unverzichtbar. Erstens spielt das in Theben, gut fünfhundert Kilometer flussaufwärts. Zweitens liegt es rund vierzehnhundert Jahre nach dem Bau der größten Pyramide. Die Akten belegen also nicht, was in Gizeh geschah, sondern dass Grabraub in Ägypten organisiert, verbreitet und juristisch verfolgt war. Für die Frage, warum die Kammern in Gizeh leer sind, ist das die beste verfügbare Analogie und kein Beweis.
Das Bild stammt aus einem anderen Jahrtausend
Bleibt die Vorstellung, die das Bild am stärksten prägt, und sie stammt aus einem ganz anderen Jahrtausend.
Wenn Menschen an einen ägyptischen Grabschatz denken, denken sie an die Ausstattung eines Königs der achtzehnten Dynastie, die 1922 nahezu vollständig gefunden wurde. Diese Vorstellung verzerrt die Erwartung an Gizeh in beide Richtungen zugleich, und das ist der interessante Teil.
Sie verzerrt nach unten, weil jener König jung starb, kurz regierte und im Vergleich zu den großen Herrschern seiner Zeit unbedeutend war. Sein Grab ist klein und war offenbar nicht als Königsgrab geplant. Wenn schon eine solche Bestattung derart ausgestattet war, dann lässt sich ahnen, was in der Anlage eines Königs stand, der zwei Jahrzehnte lang das größte Bauvorhaben seiner Zeit betrieb.
Sie verzerrt zugleich nach oben, weil zwischen beiden Bestattungen rund zwölfhundert Jahre liegen. Grabausstattungen änderten sich in dieser Zeit erheblich, in Umfang, Material und Zusammensetzung. Aus dem einen auf das andere zu schließen, ist ungefähr so verlässlich, wie aus dem Inventar eines Fürstenhofs des achtzehnten Jahrhunderts auf die Ausstattung einer Königsgruft der Karolingerzeit zu schließen.
Was wir für das Alte Reich tatsächlich haben, ist bescheidener und aufschlussreicher. Aus einem versiegelten Schacht im östlichen Gräberfeld stammt die vollständige Ausstattung einer Königin: vergoldete Möbel, ein Tragsessel, ein Bett, Schmuck, dazu ein verschlossener Sarkophag, der sich bei der Öffnung als leer erwies. Das ist der beste Eindruck davon, wie eine königliche Bestattung dieser Zeit aussah, und er zeigt vor allem eines: Es ging nicht um Berge von Gold, sondern um Hausrat in kostbarer Ausführung.


Zwei Nachträge, die als Hoffnung auftauchen
Zum Schluss zwei Nachträge, die regelmäßig als Hoffnung auftauchen.
Der erste betrifft die Hohlräume, die seit 2017 mit Myonenmessungen im Mauerwerk nachgewiesen wurden. Sie sind real und wissenschaftlich bestätigt, und sie sind ausdrücklich keine Schatzkammern. Ob es sich um konstruktive Hohlräume handelt, um Reste des Bauprozesses oder um bislang unbekannte Räume, ist offen. Betreten hat sie niemand, und ein Fund wurde dort nicht gemacht. Wer darauf hofft, dass unter dem Mauerwerk noch etwas liegt, hofft auf eine Möglichkeit und nicht auf einen Befund. Ausführlich steht das auf der Seite zu den neuen Entdeckungen.
Ein Zwischengedanke gehört dazu, weil er die Erwartung ordnet. Die amtliche Übersicht zum Gelände führt die Nekropole als Ensemble aus Pyramiden, Tempeln und Gräberfeldern. Bedeutende Funde stammen fast ausnahmslos aus dem zweiten Teil dieser Aufzählung, also aus Schächten, Mastabas und Werkstattbereichen, und nicht aus den drei großen Bauwerken. Wer nach dem Schatz fragt, fragt damit nach der einen Stelle des Geländes, an der zuverlässig nichts gefunden wurde, während ringsum durchaus etwas gefunden wurde.
Der zweite betrifft den Raub, der tatsächlich gelang und der selten als Raub bezeichnet wird. Die glatte Außenverkleidung der Bauwerke aus feinem Kalkstein ist fast vollständig verschwunden, weil sie über Jahrhunderte abgetragen und in der wachsenden Stadt verbaut wurde. Gemessen an Masse und Wert war das der mit Abstand größte Materialabfluss in der Geschichte dieses Ortes, und er ist gut dokumentiert. Der Schatz, nach dem alle fragen, ist ungewiss; der Schatz, der nachweislich abtransportiert wurde, steht heute in Mauern.
Und eine letzte Einordnung, die den ganzen Ort betrifft. Die Nekropole steht seit 1979 auf der Welterbeliste der UNESCO. Was heute noch gefunden wird, verlässt das Land nicht mehr, sondern geht in die Museen des Landes. Die vollständige Ausstattung jener Königin aus dem Gräberfeld ist genau dort zu sehen, und das ist die brauchbarste Antwort auf die Ausgangsfrage: Der Schatz der vierten Dynastie liegt nicht in der Pyramide, aber ein Teil davon liegt zwei Kilometer weiter in einer Vitrine.

Der Museumsbesuch, in dem die erhaltenen Funde stehen
Die Kammern sind leer, die Funde aus den umliegenden Gräbern und Schächten sind es nicht. Ein Besuch mit Schwerpunkt auf dem Museum zeigt, was von einer Bestattung des Alten Reiches tatsächlich erhalten ist; der Eintritt auf das Plateau ist dort als Zubuchung vorgesehen.
Häufige Fragen
Wurde in den Pyramiden von Gizeh je ein Schatz gefunden?
Nein. Die Kammern waren bereits leer, als der erste überlieferte Bericht über das Innere entstand.
Wann wurden sie geplündert?
Das ist unbekannt. Für Gizeh selbst gibt es dafür keinen Beleg, nur den Befund und Vergleichsmaterial aus anderen Nekropolen.
Woher weiß man, dass überhaupt etwas darin war?
Aus dem Verschluss. Die Gänge wurden mit tonnenschweren Granitpfropfen versperrt, was bei einem leeren Raum sinnlos wäre.
Gibt es Belege für Grabraub in Ägypten?
Ja, ausführliche. Erhalten sind Ermittlungsakten aus der Zeit um 1110 vor Christus, allerdings aus Theben und nicht aus Gizeh.
Liegt in den entdeckten Hohlräumen etwas?
Unbekannt. Sie sind nachgewiesen, aber niemand hat sie betreten, und ein Fund wurde dort nicht gemacht.
Wo kann ich sehen, was erhalten ist?
Im Museum nebenan. Von dort stammt unter anderem die vollständige Ausstattung einer Königin aus dem Gräberfeld.
