Die Pyramiden von Gizeh sehen heute aus wie riesige Treppen aus grob behauenem Stein. So waren sie nie gedacht.
Was Sie sehen, ist das Kernmauerwerk. Es war eine Füllung, ein tragendes Inneres, das niemals sichtbar sein sollte, und entsprechend grob ist es gearbeitet: unregelmäßige Blockhöhen, breite Fugen, Bruchsteine und Mörtel dazwischen. Darüber lag eine zweite Schicht, und die war etwas völlig anderes.
Diese Außenhaut bestand aus feinem, fast weißem Kalkstein aus Tura auf der anderen Nilseite. Sie war glatt geschliffen, lief ohne Absatz von der Basis bis zur Spitze und schloss oben in einem Punkt. Ein Bauwerk mit dieser Oberfläche wirft Licht zurück wie eine polierte Fläche. Aus einiger Entfernung, in der Morgensonne, muss das kaum auszuhalten gewesen sein.
Von dieser Schicht fehlt heute fast alles. An der Cheops-Pyramide sind es gut acht Meter Höhe, die dadurch verloren gingen, und an den Flanken die gesamte glatte Fläche. Was übrig blieb, ist der Rohbau.
Diese Seite erklärt, wie genau diese Verkleidung gearbeitet war, wodurch sie verschwand, wohin sie kam und wo Sie heute noch Reste davon anfassen können.
Bevor es um den Verlust geht, lohnt sich ein Blick auf die Qualität dessen, was verloren ging, denn sie ist der eigentliche Grund, warum das Thema mehr ist als eine Fußnote.
Die Blöcke der Außenhaut waren keine dünnen Platten, sondern massive Werksteine, teils mehrere Tonnen schwer, mit einer schrägen Außenfläche im gewünschten Böschungswinkel und rechtwinkligen Fugenflächen. Sie wurden nicht auf die Pyramide geklebt, sondern gesetzt und trugen sich selbst.
Die Genauigkeit dieser Fugen ist der Punkt, an dem auch nüchterne Fachleute ins Staunen geraten. An den erhaltenen Blöcken der Nordostseite beträgt die durchschnittliche Fugenöffnung etwa einen halben Millimeter, und zwar über Flächen von mehreren Quadratmetern. Zwischen den Steinen sitzt trotzdem Mörtel, was das Ganze noch schwerer erklärbar macht: Zwei Blöcke so dicht aneinanderzusetzen ist eine Sache, das mit einer Mörtelschicht dazwischen zu tun eine ganz andere.
Untersuchungen einzelner erhaltener Blöcke zeigen zudem, wie sorgfältig die Bearbeitung war. Eine Fallstudie zu einem einzelnen Verkleidungsstein in einer Fachzeitschrift für antike Bautechnik geht diesen Fragen im Detail nach.
Wichtig für das Verständnis der Baustelle: Diese Präzision galt nur für die Haut. Sie war die Schauseite, und dort wurde entsprechend gearbeitet. Das Kernmauerwerk daneben ist grob, und das war kein Versehen, sondern Arbeitsteilung.





Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx
- Die erhaltenen Verkleidungsreste liegen abseits der üblichen Fotostopps
- Ein lizenzierter Guide zeigt, wo Originalhaut steht und wo Ausbesserung
- Plateau-Eintritt, deutschsprachiger Guide und Abholung sind enthalten
- Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vorher
Solche Steine in genauen Kontakt zu bringen, wäre schon sorgfältige Arbeit; das aber mit Mörtel in den Fugen zu tun, erscheint nahezu unmöglich.Flinders Petrie über die Fugen der Verkleidungssteine, nach seiner Vermessung des Plateaus in den 1880er Jahren
Petrie verglich die Genauigkeit der Verkleidung mit der Arbeit eines Optikers seiner Zeit, nur ausgeführt auf einer Fläche von mehreren Hektar.

Ein Erdbeben und eine Entscheidung
Verschwunden ist diese Schicht nicht durch Verwitterung, sondern durch zwei Ereignisse, von denen das erste ein Naturereignis war und das zweite eine Entscheidung.
Am 8. August 1303 erschütterte ein schweres Erdbeben die Region. Die Pyramiden stürzten nicht ein, dafür sind sie zu massiv, aber die Verkleidung löste sich in großem Umfang von den Flanken und stürzte ab. Damit lag vor den Toren einer wachsenden Großstadt plötzlich ein Berg von fertig zugeschnittenen, hochwertigen Werksteinen, der niemandem gehörte und für den niemand einen Steinbruch betreiben musste.
Was danach geschah, war keine Plünderung im Affekt. Es war eine geordnete, über Jahrzehnte betriebene Materialgewinnung. Mitte des 14. Jahrhunderts ließ Sultan al-Hasan Steine vom Plateau abtransportieren und in seinen Bauvorhaben in Kairo verwenden, darunter Moscheebauten und Befestigungen. Der Weg war kurz, das Material war erstklassig, und die Alternative wäre gewesen, denselben Kalkstein mit erheblichem Aufwand neu zu brechen.
Ein zweiter Schub folgte im 19. Jahrhundert, als für die große Moschee in der Zitadelle von Kairo erneut Material vom Plateau geholt wurde.
Die Bauwerke von Gizeh waren damit über Jahrhunderte etwas, das man heute schwer nachvollzieht: der bequemste Steinbruch der Region.
Der Weg der Verkleidung
- um 2560 v. Chr.
Die Außenhaut aus Tura-Kalkstein wird gesetzt und von oben nach unten geglättet.
- Antike bis Mittelalter
Die Verkleidung bleibt weitgehend intakt. Antike Reisende beschreiben glatte, leuchtende Flanken.
- 8. August 1303
Ein schweres Erdbeben löst große Teile der Verkleidung von den Flanken.
- ab Mitte des 14. Jahrhunderts
Das herabgestürzte Material wird systematisch nach Kairo gebracht und in Moscheen und Befestigungen verbaut.
- 19. Jahrhundert
Erneute Materialentnahme für einen großen Moscheebau in der Zitadelle.
- 1880er Jahre
Flinders Petrie vermisst die verbliebenen Blöcke und dokumentiert ihre Genauigkeit.
- seit 1979
Die Anlage ist Welterbe, Materialentnahme ausgeschlossen, verbliebene Reste geschützt.
Warum die Stufen und die Farbe so sind
Diese Vorgeschichte erklärt zwei Dinge, über die sich Besucher regelmäßig wundern.
Erstens die Stufen. Weil das Kernmauerwerk aus Lagen unterschiedlicher Höhe besteht und die glatte Haut fehlt, sieht ein Bauwerk heute aus wie eine gewaltige, unregelmäßige Treppe. Genau das ist der Grund, warum Menschen jahrhundertelang hinaufgestiegen sind und warum das Besteigen inzwischen verboten ist. An der ursprünglichen Pyramide wäre ein Aufstieg schlicht nicht möglich gewesen: eine geschlossene, glatte Fläche mit über fünfzig Grad Neigung bietet keinen Halt.
Zweitens die Farbe. Die Bauwerke wirken heute sandfarben bis grau, weil man das Kerngestein sieht, das aus lokalem, gelblichem Kalkstein besteht. Ursprünglich war die Außenfläche deutlich heller. In Verbindung mit einer vergoldeten oder hell gefassten Spitze ergab das ein Objekt, das aus großer Entfernung sichtbar war und Licht regelrecht warf.
Bemerkenswert ist, was das über die Zeitrechnung sagt. Die Verkleidung überstand rund dreieinhalbtausend Jahre. Verloren ging sie in wenigen Jahrhunderten, und zwar nicht durch Verfall, sondern weil sie nützlich war. Ein Denkmalschutz, der Materialentnahme ausschließt, ist eine sehr junge Idee; heute gilt die Anlage als Welterbe und ist entsprechend geschützt.
Wo noch Verkleidung erhalten ist
Vollständig verschwunden ist die Verkleidung nicht, und für Besucher ist das die praktisch nützlichste Information auf dieser Seite.
Der auffälligste Rest sitzt an der Spitze der Chephren-Pyramide. Dort hat sich die oberste Partie der Originalhaut gehalten, weil sie zu hoch lag, um bequem abgetragen zu werden. Von unten sieht das aus wie eine helle, glatte Mütze auf einem sonst rauen Bauwerk, und es ist der einzige Ort, an dem sich das ursprüngliche Erscheinungsbild aller drei Pyramiden noch ablesen lässt.
Der interessantere Rest liegt am Boden. An der Nordseite der Cheops-Pyramide, in der Nähe des Eingangsbereichs, stehen noch originale Verkleidungsblöcke der untersten Lage an ihrem Platz. Sie sind unauffällig, weil sie niedrig sind, und werden von den meisten Besuchern übersehen. Wer davor steht, sieht die schräge, glatte Außenfläche und die feinen Fugen unmittelbar neben dem groben Kernmauerwerk darüber. Der Unterschied zwischen Schauseite und Füllung ist an dieser einen Stelle mit einem Blick zu erfassen.
An der Mykerinos-Pyramide ist die Lage noch einmal anders. Ihre unteren Lagen waren mit Granit verkleidet statt mit Kalkstein, und viele dieser Blöcke sind nur grob zugerichtet. Die Glättung wurde offenbar von unten nach oben ausgeführt und beim Tod des Bauherrn mitten in der Arbeit abgebrochen. Dort sehen Sie also das Gegenstück: keine abgetragene Haut, sondern eine nie fertiggestellte.
Wie das Bauwerk als Ganzes damit ausgesehen hat, lässt sich aus diesen Resten recht genau ableiten. Aus dem Böschungswinkel der erhaltenen Außenflächen, der Höhe der untersten Lage und der Grundseite ergibt sich die ursprüngliche Form, und aus der Oberflächenbearbeitung die Wirkung. Beschreibungen des ursprünglichen Bauzustands stützen sich genau auf diese wenigen erhaltenen Stellen, nicht auf Vermutungen.
Einzelne abgelöste Blöcke sind über die Jahrhunderte in europäische Museen gelangt und lassen sich dort aus nächster Nähe betrachten.

Die Umkehrung der üblichen Erzählung
Was bleibt, ist eine Umkehrung der üblichen Erzählung, und sie lohnt sich.
Normalerweise heißt es, die Pyramiden seien beeindruckend, weil sie so lange überdauert haben. Bei der Verkleidung stimmt das Gegenteil: Sie ist der Teil, der nicht überdauert hat, und gerade deshalb sagt sie am meisten über die Bauleute aus. Eine Fläche von mehreren Hektar mit halbmillimetergenauen Fugen zu belegen, ist eine andere Art von Leistung als das Aufschichten von Millionen Blöcken.
Wer heute davorsteht, sieht deshalb nicht das fertige Bauwerk, sondern dessen Unterkonstruktion. Das ist ungefähr so, als würde man ein Gebäude ohne Fassade beurteilen und dabei die Ziegel loben.
Praktisch heißt das für einen Besuch: Suchen Sie die drei Stellen, an denen sich der Unterschied zeigt. Die Blöcke am Nordfuß der Cheops-Pyramide, die Kappe auf der Chephren-Pyramide und der unfertige Granitmantel am Sockel der Mykerinos-Pyramide. Zusammen ergeben sie eine vollständige Erklärung dafür, wie diese Bauwerke aussahen und warum sie es heute nicht mehr tun.
Und wenn Sie das nächste Mal in der Altstadt von Kairo vor einem mittelalterlichen Bau stehen, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass ein Teil davon einmal auf einer Pyramide saß.
Häufige Fragen
Waren die Pyramiden mit Marmor verkleidet?
Nein. Es war feiner, fast weißer Kalkstein aus Tura auf der anderen Nilseite. Marmor kommt in dieser Bauphase in Ägypten nicht vor.
Wann wurde die Verkleidung entfernt?
Im Wesentlichen ab dem 14. Jahrhundert, nachdem ein Erdbeben im Jahr 1303 große Teile davon von den Flanken gelöst hatte. Ein zweiter Schub folgte im 19. Jahrhundert.
Kann man heute noch Originalverkleidung sehen?
Ja, an drei Stellen: am Nordfuß der Cheops-Pyramide, an der Spitze der Chephren-Pyramide und als unfertiger Granitmantel am Sockel der Mykerinos-Pyramide.
Konnte man die Pyramiden im Originalzustand besteigen?
Nein. Eine geschlossene, glatte Fläche mit über fünfzig Grad Neigung bietet keinen Halt. Die Stufen, die heute erklettert werden, sind das freigelegte Kernmauerwerk.

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy
Die erhaltenen Blöcke am Nordfuß liegen im frei zugänglichen Bereich. Basisticket genügt, ein Innenraumticket brauchen Sie dafür nicht.
