Könnte man die Pyramiden heute bauen? Technisch ja, wirtschaftlich nein

Sechs Meter hoch, keine 200 Blöcke, drei Wochen Arbeit und am Ende ein Radlader. Was ein dokumentierter Nachbauversuch über diese Frage tatsächlich verrät.

Die Frage wird meistens falsch gestellt. Sie lautet in der Regel: Haben wir die Technik dafür? Und die Antwort darauf ist banal. Selbstverständlich kann ein Mobilkran einen Block von zweieinhalb Tonnen auf hundert Meter Höhe heben. Er tut das auf jeder Großbaustelle, mehrmals täglich, ohne dass jemand darüber staunt.

Interessant wird es erst, wenn man die Aufgabe vollständig beschreibt. Zu leisten wäre nicht ein Hub, sondern gut zwei Millionen davon, in gleichbleibender Genauigkeit, über Jahre hinweg, an einem einzigen Ort, aus Material, das erst gebrochen, zugerichtet und herangeschafft werden muss. Und am Ende soll das Ergebnis Fugen haben, in die keine Kreditkarte passt.

Rechnen Sie den Takt einmal aus, dann wird der Unterschied greifbar. Verteilt auf zwanzig Jahre sind zweikommadrei Millionen Blöcke im Mittel gut dreihundert gesetzte Steine pro Tag, jeden Tag, ohne Unterbrechung. Wer die Bauzeit mit modernem Gerät auf fünf Jahre drücken möchte, landet bei über zwölfhundert am Tag. Das ist kein Kranproblem mehr, sondern ein Problem der Zulieferung: Man braucht jeden Tag zwölfhundert fertig zugerichtete Blöcke am richtigen Ort, und die müssen vorher irgendwo gebrochen, gesägt und transportiert worden sein.

Damit verschiebt sich die Frage von der Technik zur Organisation, und genau dort wird sie spannend. Es gibt nämlich einen Punkt, an dem ein moderner Bauablauf gegenüber dem antiken schlechter dasteht, und es gibt einen zweiten, an dem das Vorhaben schlicht an der Rechnung scheitert.

Vorweg eine Einordnung, die den Rest der Seite trägt: Ein solches Bauwerk zu errichten war schon vor viereinhalbtausend Jahren keine Frage der Werkzeuge. Es war eine Frage des Willens, des Nachschubs und der Verwaltung. Daran hat sich nichts geändert, nur sind heute alle drei erheblich teurer.

Zu setzende Blöcke
rund 2,3 Millionen
Zu bewegende Masse
knapp 6 Millionen Tonnen
Ursprüngliche Höhe
146,6 m, das entspricht 280 Ellen
Verlangte Genauigkeit
Fugen im Millimeterbereich, Ausrichtung im Bereich von Bogenminuten
Historische Bauzeit
rund 20 Jahre
Moderne Schätzungen
5 Jahre und ein einstelliger Milliardenbetrag, je nach Annahme

Kupfer, Stein, Holz und Seil

Was die Erbauer zur Verfügung hatten, ist gut bekannt, weil vieles davon gefunden wurde. Die Werkzeuge der Pyramidenbauer bestanden aus Kupfer, Stein, Holz und Pflanzenfaser. Kupfermeißel und Kupfersägen für den Kalkstein, Rundhämmer aus Dolerit für den harten Granit, Holzschlitten für den Transport, Seile aus Halfagras, Wasserwaagen aus zwei Latten und einem Lot, Messschnüre, Winkel und Lote.

Das klingt nach wenig, ist aber genau auf das Material abgestimmt. Kupfer ist weicher als Kalkstein, funktioniert aber, wenn Quarzsand als Schleifmittel dazwischenkommt: Geschnitten wird dann nicht vom Metall, sondern vom Sand, den das Metall führt. Für Granit versagt auch das, weshalb dort mit Doleritkugeln gearbeitet wurde, die man über Stunden auf die Oberfläche fallen ließ.

Die eigentliche Leistung steckt jedoch nicht im Werkzeug, sondern in der Planung. Neigungen wurden im Alten Reich nicht als Winkel angegeben, sondern als Verhältnis: Wie viele Handbreit rückt eine Fläche waagerecht ein, während sie eine Elle steigt? Dieses Maß hieß Seked. Für die Cheops-Pyramide beträgt es fünfeinhalb Handbreit, was einer Neigung von rund 51 Grad 50 Minuten entspricht.

Auch die Längen waren normiert. Gemessen wurde in königlichen Ellen von rund 52 Zentimetern, unterteilt in sieben Handbreit zu je vier Fingern. Von diesem Maßstab sind Exemplare aus Holz und Stein erhalten, es gab also einen körperlichen Standard, den man nachprüfen konnte. Wie gut das funktionierte, zeigt die Grundfläche: Über eine Seitenlänge von mehr als zweihundertdreißig Metern weichen die vier Seiten nur um wenige Zentimeter voneinander ab.

Der Vorteil dieses Systems ist praktischer Natur. Ein Steinmetz braucht keinen Winkelmesser, sondern nur ein Brett mit zwei Maßen darauf. Jeder Verkleidungsblock lässt sich damit einzeln prüfen, ohne dass irgendwo eine Gradzahl auftaucht. Überliefert ist das Verfahren in mathematischen Papyri, die allerdings rund neunhundert Jahre jünger sind als das Bauwerk selbst.

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  • Die originalen Werkzeuge und Messgeräte stehen im Museum, nicht am Plateau
  • Privat geführt, also Zeit für Fragen zu Bearbeitungsspuren statt für einen Gruppentakt
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung, Abholung und Mittagessen sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
Kupfermeißel, Steinhämmer und Holzwerkzeuge aus dem Alten Reich in einer Vitrine
Kupfer, Stein, Holz, Faser. Mehr stand nicht zur Verfügung, und mehr war offenbar nicht nötig.

Der Bauversuch von 1992

Der aufschlussreichste Versuch, die Frage praktisch zu beantworten, wurde 1992 für eine Fernsehdokumentation unternommen, und sein Ergebnis ist ernüchternder, als die meisten Zusammenfassungen zugeben.

Ein Team um den Archäologen Mark Lehner und den Steinmetz Roger Hopkins baute mit vierzehn erfahrenen Steinmetzen aus Kairo eine Pyramide von knapp sechs Metern Höhe und rund neun Metern Grundlänge. Verbaut wurden weniger als zweihundert Blöcke. Veranschlagt waren einundzwanzig Tage.

Es wurde knapp, und an einer entscheidenden Stelle gab das Team nach. Im Sendungsprotokoll fragt Lehner seinen Kollegen ausdrücklich, ob er es wie die alten Ägypter machen oder mit Bagger, Radlader und Gabelstapler anrücken werde. Für das Setzen der Verkleidungsblöcke fiel die Entscheidung auf den Radlader, weil die Zeit sonst nicht gereicht hätte.

Rechnen Sie das hoch. Zweihundert Blöcke gegen zweikommadrei Millionen, sechs Meter gegen einhundertsechsundvierzig, drei Wochen gegen zwei Jahrzehnte. Ein Team aus Fachleuten mit modernem Gerät in Reichweite kam bei einem Tausendstel der Aufgabe an den Punkt, an dem es die Methode wechselte.

Positiv bewiesen hat der Versuch trotzdem einiges. Das Ziehen der Blöcke auf hölzernen Schlitten über angefeuchtete Bahnen funktionierte, und zwar mit weniger Leuten als erwartet. Das Zurichten mit Kupferwerkzeug und Sand funktionierte ebenfalls, wenn auch langsam. Kein einziger Arbeitsschritt erwies sich als unmöglich. Was sich als Engpass erwies, war ausnahmslos die Zeit.

Das widerlegt nichts über die antiken Verfahren. Es zeigt nur, wie sehr wir die Größenordnung unterschätzen, und wie viel von der antiken Leistung in Übung und Routine steckte statt in Erfindungsgabe. Aktuelle Untersuchungen zu Hebe- und Gegengewichtssystemen rechnen genau deshalb mit eingespielten Mannschaften, nicht mit genialen Einzellösungen.

Was heute leichter wäre, und was schwerer

Dafür

  • Heben und Setzen sind gelöst. Ein Turmdrehkran erreicht die Höhe mühelos.
  • Vermessung ist trivial geworden. Ausrichtung und Ebenheit erreicht heute jedes Baustellenteam.
  • Sprengen, Sägen und Zurichten des Steins gehen um Größenordnungen schneller.
  • Transport über Straße und Schiene ist unabhängig von Jahreszeit und Wasserstand.

Dagegen

  • Es gibt keinen Steinbruch dieser Größe in Sichtweite. Alles Material käme von weit her.
  • Zweieinhalb Millionen einzeln zugerichtete Natursteinblöcke sind heute ein Sonderauftrag, kein Standardprodukt.
  • Arbeitsschutz, Umweltrecht und Genehmigungen bestimmen den Zeitplan, nicht die Statik.
  • Es gibt keinen Auftraggeber, der zwei Jahrzehnte lang ein Bauwerk ohne Nutzfläche finanziert.

Es scheitert nicht an der Physik

Damit zum Kern der Sache. Ein solches Vorhaben scheitert heute nicht an der Physik, sondern an drei Dingen, die mit Steinen nichts zu tun haben.

Das erste ist das Material. Die Erbauer hatten den Steinbruch in dreihundert Metern Entfernung, und rund neunzig Prozent der Masse kam von dort. Diesen Vorteil gibt es kein zweites Mal. Ein heutiger Bauherr müsste einen Bruch dieser Kapazität erst erschließen, mit allem, was in Europa oder Ägypten an Genehmigungen, Gutachten und Auflagen daranhängt, und anschließend Millionen Tonnen über Straßen bewegen, die dafür nicht gebaut sind.

Wie sehr das ins Gewicht fällt, zeigt eine einfache Umrechnung. Fünfeinhalb Millionen Tonnen Kalkstein in fünf Jahren bedeuten rund dreitausend Tonnen an jedem einzelnen Tag. Bei fünfundzwanzig Tonnen Nutzlast sind das etwa hundertzwanzig Lastzüge täglich, die beladen ankommen und leer zurückfahren, über fünf Jahre, zu einer einzigen Baustelle. Der antike Bauplatz brauchte für denselben Anteil der Masse überhaupt keine Straße, weil das Material dreihundert Meter entfernt im Boden lag. Dieser eine Standortvorteil ist durch keine Maschine zu ersetzen.

Das zweite ist die Rechnung. Häufig zitiert wird eine Schätzung aus dem Jahr 2012, die mit fünfzehnhundert bis zweitausend Arbeitskräften und etwa fünf Jahren kalkuliert. Andere Überschlagsrechnungen kommen auf sehr viel weniger oder auf das Doppelte. Dass die Angaben um einen Faktor von mehreren auseinanderliegen, ist selbst das Ergebnis: Niemand hat so etwas je kalkuliert, weil es niemand bestellt.

Das dritte ist der Zweck. Die Cheops-Pyramide hat einen nutzbaren Innenraum von wenigen hundert Kubikmetern bei einem Bauvolumen von über zwei Millionen. Sie ist als Gebäude im heutigen Sinn völlig unwirtschaftlich, und das war sie immer. Ihr Sinn lag außerhalb der Nutzfläche, in einer Vorstellung von Königtum und Nachleben, für die es heute keine Entsprechung gibt.

Wer die Frage also ernsthaft beantworten will, landet nicht bei der Technik. Er landet bei der Frage, welche Gesellschaft so etwas will.

Woran man die Höhe misst

Meter über Grund

161,5Ulmer Münster
157,4Kölner Dom
146,6Cheops-Pyramide, ursprünglich
138,8Cheops-Pyramide heute, ohne Spitze
93,0Freiheitsstatue mit Sockel

Rund 3.800 Jahre lang war dieses Bauwerk das höchste der Welt. Erst gotische Kirchtürme übertrafen es. Die Höhe war also nie der eigentliche Punkt, sondern das Volumen dahinter.

Die ehrliche Antwort besteht aus zwei Teilen

Die ehrliche Antwort besteht deshalb aus zwei Teilen, die man nicht vermischen sollte.

Technisch ist die Sache entschieden. Mit heutigen Mitteln ließe sich ein maßstabsgetreues Bauwerk dieser Größe errichten, vermutlich in einem Bruchteil der antiken Bauzeit und mit einer Genauigkeit, die das Original übertrifft. Nichts an der Aufgabe verlangt Verfahren, die es nicht gibt.

Wirtschaftlich und gesellschaftlich ist die Sache genauso klar entschieden, nur in die andere Richtung. Es gäbe keinen Bauherrn, keinen Standort, keinen Steinbruch und keinen Zweck. Ein Nachbau in Originalgröße wäre das teuerste Denkmal der Menschheitsgeschichte, gebaut zum Beweis, dass man es könnte.

Und darin liegt der eigentliche Ertrag dieser Frage. Sie beginnt als technische Neugier und endet bei einer Feststellung über uns: Wir haben bessere Werkzeuge, mehr Wissen und ungleich mehr Energie zur Verfügung. Was uns fehlt, ist ein Grund.

Die alten Ägypter hatten Kupfer, Stein und Seil. Sie hatten aber auch zwanzig Jahre am Stück, eine Verwaltung, die durchhielt, und eine Gesellschaft, die dieses Bauwerk für das Wichtigste hielt, was sie tun konnte. Das ist die Ausstattung, die heute fehlt.

Unfertige Granitverkleidung am Sockel der dritten Pyramide von Gizeh
Auch damals ging die Zeit aus: Die Glättung dieser Verkleidung wurde mitten in der Arbeit abgebrochen.

Häufige Fragen

Wie wurden die Pyramiden von Gizeh hergestellt?

Aus vor Ort gebrochenem Kalkstein, gesetzt mit Schlitten, Rampen, Hebeln und Mörtel als Gleitschicht. Die Werkzeuge bestanden aus Kupfer, Stein und Holz.

Wie wurde die Cheops-Pyramide geplant?

Über Verhältnismaße statt Winkel. Die Neigung wurde als Seked angegeben, also als waagerechter Versatz je Elle Höhe, und ließ sich damit an jedem einzelnen Block prüfen.

Wie lange bräuchte man heute?

Schätzungen nennen rund fünf Jahre bei einigen tausend Beschäftigten. Belastbar ist das nicht, weil ein Vorhaben dieser Art nie kalkuliert wurde.

Gab es schon Nachbauversuche?

Ja, mehrere im kleinen Maßstab. Der bekannteste erreichte 1992 knapp sechs Meter Höhe und griff für die Verkleidung auf moderne Technik zurück.

Könnte man moderne Baustoffe verwenden?

Ja, und ein Kern aus Beton wäre erheblich billiger. Dann wäre es allerdings eine Nachbildung und kein Nachbau.

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