Im Sommer 2026 ging eine Meldung um die Welt: Unter dem Gelände von Gizeh liege ein zweiter Sphinx, ungefähr so groß wie der bekannte, bislang unentdeckt, sichtbar gemacht mit Satellitenradar.
Die Meldung stammt von zwei italienischen Forschern, dem Radarspezialisten Filippo Biondi und seinem Mitautor Corrado Malanga. Vorgestellt wurde sie im Juni 2026 in einer öffentlichen Präsentation, nicht in einer Fachzeitschrift. Es ist bereits die dritte Ankündigung dieser Arbeitsgruppe zum selben Gelände.
Sechs Wochen später geschah etwas, das die Sache verändert. Am 10. August 2026 zog die Fachzeitschrift, in der das zugrunde liegende Verfahren 2022 veröffentlicht worden war, diese Arbeit zurück. Als Begründung nannte die Redaktion schwerwiegende methodische Mängel und statistische Fehler, die die Schlussfolgerungen untergraben. Die Autoren widersprechen dieser Entscheidung.
Damit steht die Behauptung nicht nur ohne eigene Veröffentlichung da, sondern auch ohne die Grundlagenarbeit, auf die sie sich für ihre Methode berufen hat.
Eine Vorbemerkung zur Fairness ist hier angebracht. Es geht im Folgenden nicht darum, jemandem etwas zu unterstellen. Beide Autoren sind ausgewiesene Fachleute für Radarauswertung, und die Frage, ob unter einem seit Jahrtausenden besiedelten Gelände noch Unbekanntes liegt, ist vollkommen legitim. Zu beurteilen ist allein, ob die vorgelegten Belege tragen. Das lässt sich prüfen, ohne über Absichten zu spekulieren.
Diese Seite ordnet das ein, ohne die Frage vorschnell abzuräumen. Denn ob unter dem Sand von Gizeh noch etwas liegt, ist eine ernsthafte Frage. Ob dieses Verfahren sie beantworten kann, ist eine andere.
Wie sich die Sache entwickelt hat
- Oktober 2022
Eine Fachzeitschrift veröffentlicht eine Arbeit der beiden Autoren, die ein Radarverfahren zur Untersuchung der Cheops-Pyramide beschreibt.
- März 2025
Auf einer Pressekonferenz werden ausgedehnte Anlagen unter der mittleren Pyramide behauptet, samt Schächten von mehreren hundert Metern Tiefe. Eine Veröffentlichung dazu erscheint nicht.
- 2025
Fachleute und die ägyptische Altertumsverwaltung widersprechen öffentlich. Unabhängige Prüfungen finden keine belastbare Grundlage.
- Juni 2026
Vorstellung von Radarbildern, die einen zweiten, verschütteten Sphinx zeigen sollen. Erneut als Präsentation, nicht als Veröffentlichung.
- 10. August 2026
Die Zeitschrift zieht die Arbeit von 2022 zurück. Begründung: schwerwiegende methodische Mängel und statistische Fehler. Die Autoren widersprechen.
Die Reihenfolge ist wichtig: Die Rücknahme betrifft nicht die Sphinx-Behauptung selbst, sondern das Verfahren, mit dem sie erzeugt wurde.
Was Satellitenradar tatsächlich kann
Um das einzuordnen, muss man wissen, was das verwendete Verfahren tatsächlich tut.
Satellitenradar tastet die Erdoberfläche mit Mikrowellen ab. Aus der Bewegung des Satelliten und der Laufzeit der zurückgeworfenen Signale entsteht ein Bild. Das Verfahren ist etabliert und wird routinemäßig eingesetzt, etwa um Geländebewegungen im Millimeterbereich zu messen, Überschwemmungen zu kartieren oder Senkungen über Bergwerken zu überwachen. In diesen Anwendungen ist es hervorragend.
Entscheidend ist die Eindringtiefe. Mikrowellen dringen in trockenen Sand ein paar Meter ein, in feuchten Boden weniger, in massives Gestein praktisch gar nicht. Die Vorstellung, ein Satellit könne Strukturen in mehreren hundert Metern Tiefe abbilden, widerspricht der Physik des Verfahrens, und zwar unabhängig davon, wie die Daten anschließend verarbeitet werden.
Die Arbeitsgruppe beruft sich auf eine besondere Auswertung, die aus winzigen Schwingungen des Bodens zusätzliche Informationen gewinnen soll. Genau diese Auswertung war Gegenstand der 2022 veröffentlichten und inzwischen zurückgezogenen Arbeit. Die Rücknahme erfolgte nach einer Prüfung, die die Redaktion auf einen Leserhinweis hin eingeleitet hatte.
Zum Vergleich lohnt der Blick auf das Verfahren, das am selben Ort funktioniert hat. Für die Hohlräume in der Cheops-Pyramide wurden Myonen aus der kosmischen Strahlung gezählt, mit Detektoren, die monatelang im Bauwerk standen, betrieben von mehreren Instituten mit unterschiedlicher Gerätetechnik. Erst als drei unabhängige Messreihen dasselbe zeigten, wurde veröffentlicht. Dieser Aufwand ist der Grund, warum die Ergebnisse Bestand haben.
Das heißt nicht, dass jedes Ergebnis der Gruppe falsch sein muss. Es heißt, dass die methodische Grundlage derzeit nicht als geprüft gelten kann.





Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx
- Der Sphinx, seine Grube und der Tempel davor liegen alle auf dem Rundweg
- Ein lizenzierter Guide erklärt, welche Bereiche des Geländes tatsächlich ergraben sind
- Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
- Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn

Der Widerspruch aus der Fachwelt
Der Widerspruch aus der Fachwelt kam schnell und aus mehreren Richtungen, und er betrifft nicht die Frage, ob dort etwas liegen könnte, sondern die Auswertung.
Ein häufig genannter Einwand lautet, dass in den erzeugten Bildern Strukturen ausgewählt und andere übergangen werden, ohne dass ein nachvollziehbares Kriterium erkennbar wäre. Wer in verrauschten Daten nach Formen sucht, findet Formen; entscheidend ist, ob sich vorher festlegen lässt, was als Fund gilt und was als Rauschen. Diese Festlegung fehlt.
Der zweite Einwand kommt von der zuständigen Behörde in Ägypten. Der frühere Antikenminister erklärte öffentlich, die Daten seien weder wissenschaftlich anerkannt noch validiert erhoben worden, und für Anlagen unter der mittleren Pyramide gebe es keine Grundlage. Unabhängige Prüfungen der Behauptungen von 2025 kamen zum selben Ergebnis.
Der dritte Punkt ist der formale. Zu keiner der drei Ankündigungen liegt eine begutachtete Veröffentlichung vor. Präsentiert wurde jeweils auf Pressekonferenzen, in Interviews und auf eigenen Webseiten. Das ist kein Beweis dafür, dass die Ergebnisse falsch sind, aber es verhindert genau die Prüfung, die sie belastbar machen würde.
Bemerkenswert ist auch die Wirkungsgeschichte. Die zurückgezogene Arbeit war vor ihrer Rücknahme sehr häufig abgerufen worden und wurde in unzähligen Beiträgen als Beleg angeführt. Eine Rücknahme erreicht diese Leserschaft nicht mehr. Beiträge, Videos und Artikel, die sich auf die Arbeit stützen, bleiben online und tragen die Behauptung weiter, ohne den geänderten Status zu erwähnen. Das ist kein Vorwurf an die Autoren, sondern eine Eigenschaft des Systems.
Fairerweise gehört dazu: Die Autoren halten die Rücknahme für unbegründet und haben ihr widersprochen. Ein solcher Widerspruch ist bei Rücknahmen nicht ungewöhnlich und ändert am Status der Veröffentlichung nichts.
Wäre ein zweiter Sphinx überhaupt plausibel?
Jetzt die interessantere Frage, die in der Aufregung untergeht: Wäre ein zweiter Sphinx in Gizeh überhaupt plausibel?
Es gibt ein ernstzunehmendes Argument dafür, und es hat mit Radar nichts zu tun. Sphingen treten in Ägypten häufig paarweise auf, als Wächterfiguren links und rechts eines Zugangs, und ganze Alleen davon flankieren Tempelwege. Eine einzelne Figur ist eher die Ausnahme. Wer von der Bauform ausgeht, darf nach einem Gegenstück fragen.
Gegen ein Gegenstück an dieser Stelle spricht die Geologie. Die bekannte Figur wurde aus einem Felsvorsprung geschnitten, der an genau dieser Stelle stand, und die Bänke, aus denen sie besteht, sind an ihrem Standort dokumentiert. Ein zweites Exemplar hätte einen zweiten passenden Vorsprung gebraucht. Die Grube ringsum ist ausgeräumt und vermessen, ohne dass dabei etwas Vergleichbares aufgetaucht wäre.
Dazu kommt ein Befundargument. Das Gelände ist seit über hundert Jahren Grabungsgebiet, mit Sondierungen, Bohrungen und geophysikalischen Messungen an vielen Stellen. Eine Figur von siebzig Metern Länge ist kein Kleinfund, der übersehen wird.
Ein weiterer Punkt spricht gegen die konkrete Deutung. Die vorgelegten Bilder zeigen eine Form, die dem bekannten Sphinx ähnelt, und zwar in Größe und Umriss. Genau das ist bei Bildauswertungen ein Warnzeichen. Wer nach einer bekannten Form sucht, findet sie in verrauschten Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit, weil das menschliche Auge Muster ergänzt. Belastbar wären Merkmale, die niemand erwartet hat, nicht solche, die der Vorlage gleichen.
Ausgeschlossen ist damit nichts. Große Teile des Geländes sind nicht ergraben, und in den letzten Jahren wurden mit anerkannten Verfahren tatsächlich unbekannte Hohlräume nachgewiesen. Nur eben in der Cheops-Pyramide, mit Myonen, über Monate, und veröffentlicht.

Wie Sie solche Meldungen selbst einordnen
- Gibt es eine begutachtete Veröffentlichung, oder nur eine Präsentation und Interviews?
- Wird das Messverfahren genannt, samt Eindringtiefe und Fehlerbereich?
- Sind beteiligte Institute namentlich genannt, oder nur Einzelpersonen?
- Hat die zuständige Altertumsverwaltung des Landes sich geäußert?
- Passt die behauptete Tiefe zur Physik des angegebenen Verfahrens?
- Wird berichtet, was nicht gefunden wurde, oder nur, was gefunden wurde?
Für den Besuch ändert das nichts
Für einen Besuch ändert das alles nichts, und genau das ist die praktische Auskunft.
Es gibt am Gelände nichts zu sehen, das mit dieser Behauptung zu tun hätte. Keine Grabungsstelle, keine Absperrung, kein Hinweisschild. Wer wegen der Meldung hinfährt, findet den bekannten Sphinx in seiner Grube und ringsum dasselbe Gelände wie vorher.
Sehenswert ist stattdessen, wie echte Untersuchung dort aussieht. An mehreren Stellen sind Grabungsschnitte offen, mit Profilen und Markierungen. Der Unterschied zwischen einem Bild aus einer Rechenoperation und einer freigelegten Mauer ist vor Ort unmittelbar einsichtig.
Und es lohnt sich, den Maßstab im Kopf zu behalten. Die bekannten, veröffentlichten Funde der letzten Jahre sind ein Hohlraum von dreißig Metern über einer Galerie und ein Gang von neun Metern hinter einer Fassade. Beides hat Jahre gedauert, beides wurde mehrfach unabhängig geprüft, und beides ist unspektakulärer als jede Schlagzeile.
Ein Letztes zur Einordnung: Solche Meldungen schaden nicht nur der Genauigkeit, sie kosten auch Aufmerksamkeit. Während über einen vermuteten zweiten Sphinx diskutiert wurde, liefen am selben Gelände Grabungen an der Siedlung der Bauleute, wurde ein Gang hinter der Nordfassade der großen Pyramide erstmals mit einer Kamera eingesehen und ein Boot in Einzelteilen ins Museum überführt. Alle drei Vorgänge sind belegt, dokumentiert und für das Verständnis des Ortes wichtiger als jede Radarmeldung. Bekannt sind sie deutlich weniger.
Wer sich für das interessiert, was tatsächlich unter dem Gelände liegt, ist bei den Grabungsberichten besser aufgehoben als bei Pressekonferenzen. Sie sind langweiliger und halten länger.
Häufige Fragen
Gibt es einen zweiten Sphinx?
Dafür liegt kein Nachweis vor. Die Behauptung beruht auf Radarauswertungen, die nicht begutachtet veröffentlicht sind, und die zugrunde liegende Methodenarbeit wurde im August 2026 zurückgezogen.
Kann Satellitenradar unter die Erde sehen?
Nur wenige Meter, und das auch nur in trockenem Boden. Für Tiefen von hunderten Metern ist das Verfahren physikalisch nicht geeignet.
Warum wurde die Arbeit von 2022 zurückgezogen?
Die Redaktion nennt nach einer Prüfung schwerwiegende methodische Mängel und statistische Fehler. Die Autoren widersprechen dieser Entscheidung.
Wäre ein Gegenstück grundsätzlich denkbar?
Als Bauform ja, denn Sphingen treten oft paarweise auf. Am konkreten Standort fehlt jedoch ein zweiter geeigneter Felsvorsprung und jeder Grabungsbefund.
Was wurde denn tatsächlich neu gefunden?
In der Cheops-Pyramide zwei Hohlräume, nachgewiesen mit Myonenmessung und Bodenradar und in Fachzeitschriften veröffentlicht. Am Sphinx selbst nichts Vergleichbares.

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy
Sphinx, Grube und die offenen Grabungsflächen ringsum liegen im normalen Ticketbereich. Eine Fundstelle zur Radarmeldung gibt es nicht.
