Die Mykerinos-Pyramide in Gizeh: die kleinste zeigt am meisten

Die kleinste der drei zeigt am meisten: unfertigen Granit, eine mittelalterliche Abbruchkerbe und einen Sarkophag, der 1838 auf dem Weg nach London versank.

Die dritte Pyramide wird von den meisten Besuchern im Vorbeigehen erledigt. Sie ist die kleinste, sie steht am weitesten hinten, und auf Fotos wirkt sie neben den beiden anderen wie eine Fußnote.

Die Pyramide des Mykerinos zu übergehen ist trotzdem ein Fehler, denn sie zeigt mehr als ihre beiden Nachbarinnen zusammen. An keinem anderen Bauwerk des Geländes lässt sich so unmittelbar ablesen, wie eine Pyramide entstand und was passierte, wenn die Zeit ausging. Die unteren Lagen tragen eine Verkleidung aus Granit, und ein großer Teil davon ist nie geglättet worden. Man sieht also gleichzeitig das Endprodukt und den Rohzustand, nebeneinander, an derselben Wand.

Dazu kommen zwei Geschichten, die es bei den anderen nicht gibt. Eine mittelalterliche Abbruchkerbe zieht sich als senkrechte Wunde über die Nordflanke, Überbleibsel eines Versuchs, das Bauwerk abzutragen. Und der Sarkophag, den man 1837 in der Grabkammer fand, liegt heute auf dem Grund des Mittelmeers.

Der Bauherr war der Sohn des Königs, dem die mittlere Anlage gehört. Auch hier hat sich im Deutschen die griechische Namensform durchgesetzt. Wenn Ihnen die Pyramide des Menkaure begegnet, ist dasselbe Bauwerk gemeint.

Und seit 2024 ist dieses Bauwerk zusätzlich Gegenstand des größten denkmalpflegerischen Streits, den das Gelände seit Jahrzehnten erlebt hat.

Unbearbeitete Granitblöcke am Sockel der Mykerinos-Pyramide
Roh belassener Granit neben geglätteter Fläche. Die Arbeit brach mitten in der Wand ab.

Die Maße und die Granitverkleidung

Die Maße machen den Größenunterschied deutlich, und er ist erheblich.

Das Bauwerk war ursprünglich rund 65 Meter hoch, die Grundseiten messen gut hundert Meter. Damit erreicht es weniger als die halbe Höhe seiner großen Nachbarin, und weil das Volumen mit der dritten Potenz wächst, liegt die Masse bei einem Bruchteil. Man kann es umrunden, ohne außer Atem zu kommen, und genau das macht die Details zugänglich.

Der auffälligste Unterschied ist das Material der Außenhaut. Während die beiden anderen Bauwerke vollständig mit hellem Kalkstein verkleidet waren, bestand hier die untere Zone aus Granit aus Assuan, in etwa sechzehn Lagen. Darüber folgte Kalkstein wie üblich. Granit war der teuerste und schwerste Baustoff, den Ägypten kannte, und ihn über achthundert Kilometer flussabwärts für ein vergleichsweise kleines Bauwerk heranzuschaffen, war eine Entscheidung gegen den Sparzwang.

Fertig wurde diese Verkleidung nicht. Die Granitblöcke wurden gesetzt und sollten anschließend von oben nach unten glattgearbeitet werden. Ein Teil dieser Arbeit wurde ausgeführt, der Rest nicht. Was heute an der Basis steht, sind Blöcke mit stehengelassenen Buckeln, wie sie beim Transport als Griffe dienten und normalerweise weggeschlagen wurden.

Diese Buckel sind mehr als ein Schönheitsfehler, sie sind ein Werkzeugbefund. Ein Block, der über Rampen gezogen und mit Hebeln an seinen Platz gerückt wird, braucht etwas, woran Seile und Hölzer ansetzen können. Deshalb ließ man am Rohblock Material stehen und schlug es erst weg, wenn der Stein saß. Wer heute vor dieser Wand steht, sieht also nicht nur einen unfertigen Zustand, sondern die Griffe, mit denen die Blöcke bewegt wurden.

Damit hat dieses Bauwerk etwas, das kein anderes bietet: einen Querschnitt durch den Arbeitsablauf, eingefroren in dem Moment, in dem er endete.

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Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx

★ 4,6(3.680 Bewertungen)
  • Der unfertige Granit am Sockel ist der anschaulichste Befund des ganzen Geländes
  • Ein lizenzierter Guide zeigt, welche Spuren vom Bau stammen und welche von späteren Eingriffen
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn

Was fertig wurde und was nicht

Die Anlage wurde abgeschlossen, aber nicht vollendet. Der Unterschied ist an mehreren Stellen sichtbar.

BestandteilGeplantAusgeführt
Untere VerkleidungGranit, geglättetGranit gesetzt, überwiegend roh belassen
Obere VerkleidungKalkstein, geglättetweitgehend abgetragen
Grabkammermit Granit ausgekleidetausgeführt
Totentempelin Steinin Lehmziegeln zu Ende gebracht
Aufwegin Steinin Lehmziegeln zu Ende gebracht
Taltempelin Steinin Lehmziegeln zu Ende gebracht
Nebenpyramidendrei an der Südseiteeine ausgeführt, zwei als Stufenbauten belassen
Untere Verkleidung
Geplant
Granit, geglättet
Ausgeführt
Granit gesetzt, überwiegend roh belassen
Obere Verkleidung
Geplant
Kalkstein, geglättet
Ausgeführt
weitgehend abgetragen
Grabkammer
Geplant
mit Granit ausgekleidet
Ausgeführt
ausgeführt
Totentempel
Geplant
in Stein
Ausgeführt
in Lehmziegeln zu Ende gebracht
Aufweg
Geplant
in Stein
Ausgeführt
in Lehmziegeln zu Ende gebracht
Taltempel
Geplant
in Stein
Ausgeführt
in Lehmziegeln zu Ende gebracht
Nebenpyramiden
Geplant
drei an der Südseite
Ausgeführt
eine ausgeführt, zwei als Stufenbauten belassen

Die Umstellung von Stein auf Lehmziegel ist der deutlichste Beleg dafür, dass die Anlage nach dem Tod des Bauherrn nur noch abgeschlossen, nicht mehr vollendet wurde.

Der Bauherr starb, bevor die Anlage stand

Wie es dazu kam, lässt sich an den Bauteilen selbst ablesen, und es ist die klarste Geschichte des ganzen Geländes.

Der Bauherr starb, bevor die Anlage stand. Sein Nachfolger brachte sie zu Ende, allerdings mit anderen Mitteln: Totentempel, Aufweg und Taltempel wurden nicht in Stein ausgeführt, sondern in Lehmziegeln hochgezogen. Eine Inschrift aus dem Tempelbereich nennt den Nachfolger ausdrücklich als denjenigen, der die Arbeiten abschloss. Das ist ungewöhnlich offen für ägyptische Verhältnisse und macht den Ablauf nachvollziehbar.

Lehmziegel sind nicht minderwertig, aber sie halten anders. Wo die Nachbaranlage steinerne Grundmauern hinterlassen hat, sind hier Reste eines Materials zu sehen, das jahrtausendelanger Witterung weit weniger entgegensetzt. Ein erheblicher Teil dessen, was fehlt, fehlt deshalb nicht wegen Plünderung, sondern weil es aus Lehm bestand.

Im Inneren wurde dagegen nicht gespart. Die Grabkammer liegt im Fels unter dem Bauwerk, ist vollständig mit Granit ausgekleidet und trägt eine Decke, die aus schräg gestellten Blöcken gearbeitet und anschließend zu einem Tonnengewölbe ausgehöhlt wurde. Das ist aufwendiger als alles, was die große Nachbarpyramide an Deckenlösungen bietet. Die Sorgfalt nahm also nicht überall ab, sondern dort, wo man sie später nicht mehr sehen würde.

Dieselbe Eile zeigt sich bei den drei kleinen Nebenpyramiden an der Südseite. Nur eine wurde als echte Pyramide fertiggestellt, die beiden anderen blieben Stufenbauten, deren Verkleidung nie kam.

Die gesamte Gruppe gehört seit 1979 zum Welterbe, das die Pyramidenfelder als zusammenhängende Landschaft schützt und nicht als Sammlung von Einzelbauwerken. Dieser Punkt wird gleich noch wichtig.

Zwei Eingriffe späterer Jahrhunderte

Zwei Eingriffe späterer Jahrhunderte haben deutliche Spuren hinterlassen, und beide sind vor Ort zu sehen.

Der erste stammt aus dem Jahr 1196. Ein Herrscher aus der Dynastie Saladins ließ das Bauwerk systematisch abtragen, offenbar um Baumaterial zu gewinnen und um zu zeigen, dass er es konnte. Nach acht Monaten wurde die Arbeit aufgegeben. Was blieb, ist eine senkrechte Kerbe in der Nordflanke, die bis heute wie eine Wunde aussieht und regelmäßig für einen Erdbebenschaden gehalten wird. Sie ist die teuerste Lektion der Bauwirtschaft des Mittelalters: Ein Bauwerk dieser Bauart abzureißen kostet mehr, als das Material einbringt.

Der zweite Eingriff erfolgte 1837. Ein britischer Offizier verschaffte sich mit Sprengstoff Zugang zum Inneren und fand in der Grabkammer einen aufwendig verzierten Sarkophag aus Basalt. Er ließ ihn ausbauen und nach England verschiffen. Das Schiff verließ Livorno und ging vermutlich vor der spanischen Küste unter; Wrackteile wurden angeschwemmt, die Ladung nie geborgen. Eine Aufarbeitung dieses Vorgangs hat die Handelswege rekonstruiert, über die Objekte damals außer Landes gingen.

Der Zugang selbst hinterließ ebenfalls Spuren. Gearbeitet wurde mit Sprengladungen, und zwar sowohl an der Flanke als auch im Inneren, um verschüttete Gänge zu öffnen. Nach heutigen Maßstäben war das eine Zerstörung; nach den Maßstäben der 1830er Jahre war es die übliche Vorgehensweise, und die zugehörige Veröffentlichung gehört trotz allem zu den brauchbaren Quellen über den Zustand des Bauwerks vor der modernen Grabung.

Erhalten blieb nur, was auf einem anderen Schiff reiste: Bruchstücke eines hölzernen Sarges, heute im Britischen Museum. Er trägt den Namen des Königs, stammt aber nicht aus seiner Zeit, sondern aus einer späteren Erneuerung der Bestattung. Von der ursprünglichen Ausstattung ist damit nichts erhalten.

Die senkrechte Abbruchkerbe an der Nordflanke der Mykerinos-Pyramide
Die Kerbe an der Nordseite stammt nicht von einem Erdbeben, sondern von einem Abbruchversuch im Jahr 1196.

Sollte die Verkleidung wieder angebracht werden?

Dafür

  • Die Blöcke liegen seit Jahrtausenden am Fuß des Bauwerks und sind dort weder geschützt noch erklärt.
  • Ein Stück wiederhergestellter Außenhaut würde Besuchern zeigen, wie alle drei Bauwerke einmal aussahen.
  • Die Arbeiten wären mit Vermessung, Fotogrammetrie und Laserscan dokumentiert worden.
  • Der Vorschlag kam von der zuständigen Behörde, nicht von einem privaten Investor.

Dagegen

  • Für keinen einzelnen Block lässt sich die ursprüngliche Position bestimmen.
  • Jede Setzung wäre damit eine Erfindung, die anschließend wie ein Befund aussieht.
  • Der heutige Zustand ist selbst ein historisches Dokument des unvollendeten Baus.
  • Ein Eingriff dieser Größe an einem Welterbe ist praktisch nicht rückgängig zu machen.

Wie der Streit um die Granitblöcke ausging

Wie dieser Streit ausging, ist inzwischen entschieden, und die Begründung ist lesenswert.

Im Januar 2024 kündigte die ägyptische Altertumsverwaltung an, die am Boden liegenden Granitblöcke wieder an der Pyramide anzubringen, veranschlagt auf drei Jahre. Die Ankündigung löste international Widerspruch aus, und zwar quer durch die Fachwelt. Die Arbeiten wurden gestoppt und einer Prüfkommission übergeben, besetzt mit Fachleuten aus Ägypten, den Vereinigten Staaten, Tschechien und Deutschland.

Das Ergebnis fiel einstimmig aus. Die Kommission lehnte die Wiederanbringung ab und nannte als Hauptgrund, dass sich für keinen der Blöcke die ursprüngliche Position ermitteln lässt. Ohne diese Information wäre jede Wiederanbringung eine Gestaltung und keine Wiederherstellung.

Zugleich hat die Kommission nicht einfach abgeräumt, sondern ein anderes Vorhaben befürwortet: die Blöcke wissenschaftlich zu erfassen und zu ordnen, den Schutthang rings um das Bauwerk zu untersuchen und den Bereich für Besucher zugänglich und verständlich zu machen. Aus einem Bauprojekt wurde damit ein Forschungs- und Vermittlungsprojekt.

Sichtbar wird davon vor Ort zunehmend etwas. Die am Fuß liegenden Blöcke werden vermessen, nummeriert und in Reihen sortiert, statt ungeordnet im Schutt zu liegen. Wer genau hinsieht, erkennt an einzelnen Stücken Markierungen und Lagerplätze. Das ist kein spektakulärer Anblick, aber es ist der Unterschied zwischen einem Trümmerfeld und einem dokumentierten Bestand.

Über dieses eine Bauwerk hinaus hat die Entscheidung Gewicht. Am Plateau laufen seit 2025 mehrere Vorhaben, die das Gelände für Besucher umbauen, von Zugängen über Wege bis zu Gastronomie. Die Kommission hat dabei eine Linie gezogen, die für all das gilt: Verändert werden darf die Umgebung eines Denkmals, nicht das Denkmal selbst, und was als Wiederherstellung angekündigt wird, muss belegen können, dass es eine ist. Das ist ein Maßstab, an dem sich künftige Vorschläge messen lassen müssen.

Für Besucher heißt das: Der Zustand, den Sie sehen, bleibt. Und er ist, richtig betrachtet, aussagekräftiger als eine wiederhergestellte Wand es wäre.

Häufige Fragen

Warum ist der Granit unten so rau?

Weil die Glättung nie zu Ende geführt wurde. Die Blöcke wurden gesetzt und sollten anschließend von oben nach unten bearbeitet werden. Die Arbeit brach mitten in der Wand ab.

Woher kommt die Kerbe an der Nordseite?

Von einem Abbruchversuch im Jahr 1196, der nach acht Monaten aufgegeben wurde. Es ist kein Erdbebenschaden.

Wo ist der Sarkophag?

Auf dem Meeresgrund. Er wurde 1837 ausgebaut und verschifft, das Schiff sank vermutlich vor der spanischen Küste. Geborgen wurde er nie.

Kann man hineingehen?

Häufig ja, mit einem eigenen Ticket vor Ort. Die Innenräume sind schlicht und meistens sehr leer.

Wird die Verkleidung jetzt wieder angebracht?

Nein. Eine internationale Prüfkommission hat das Vorhaben einstimmig abgelehnt, weil die ursprüngliche Position der Blöcke nicht bestimmbar ist.

GetYourGuide

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy

Granitsockel, Abbruchkerbe und die drei Nebenpyramiden liegen im normalen Ticketbereich. Nur für das Innere kommt vor Ort ein eigenes Ticket dazu.

ab 14 €
Ansehen
Stand: August 2026Der Umgang mit den Verkleidungsblöcken war bis 2025 Gegenstand einer Prüfkommission. Änderungen am Gelände und an den Zugängen sind weiterhin möglich.