Im März 2025 ging eine Meldung um die Welt, die alles hatte, was eine Meldung braucht: eine berühmte Kulisse, eine neue Technik, gewaltige Zahlen und die Andeutung, dass die etablierte Wissenschaft etwas übersehen habe.
Behauptet wurde, unter dem Gelände von Gizeh liege eine ausgedehnte Anlage: mehrere gleichartige Bauwerke am Fuß der mittleren Pyramide, verbunden durch Wege, dazu senkrechte Schächte, die mehrere hundert Meter in die Tiefe reichen. Vorgestellt wurde das auf einer Pressekonferenz, nicht in einer Fachzeitschrift.
Innerhalb weniger Tage war die Meldung überall. Sie lief über Nachrichtenseiten, über soziale Netzwerke und über Videokanäle, und sie wurde dabei in jeder Weitergabe ein Stück größer. Aus Strukturen wurden Hallen, aus Hallen eine Stadt.
Die Fachwelt widersprach ebenso schnell, und zwar aus mehreren Richtungen. Auch die ägyptische Altertumsverwaltung meldete sich zu Wort. Im August 2026 kam ein Nachspiel hinzu, das den Vorgang endgültig einordnet.
Vorweg eine Abgrenzung, die diese Seite von einer Abrechnung unterscheidet. Es geht nicht darum, jemandem etwas zu unterstellen. Die beteiligten Forscher arbeiten seit Jahren mit Radardaten, und die Frage, ob unter einem seit Jahrtausenden genutzten Gelände noch Unbekanntes liegt, ist vollkommen berechtigt. Zu beurteilen ist ausschließlich, ob die vorgelegten Belege tragen. Das lässt sich prüfen, ohne über Motive zu spekulieren.
Diese Seite beschreibt den Fall der Reihe nach: was behauptet wurde, womit, warum es nicht trägt und was das über den Umgang mit solchen Meldungen lehrt.
Der Ablauf
- Oktober 2022
Eine Fachzeitschrift veröffentlicht eine Arbeit derselben Gruppe zum verwendeten Radarverfahren, angewendet auf die größte Pyramide.
- März 2025
Pressekonferenz mit der Behauptung ausgedehnter Anlagen unter der mittleren Pyramide, samt Schächten von mehreren hundert Metern Tiefe.
- wenige Tage später
Widerspruch aus der Fachwelt. Kritisiert werden fehlende Begutachtung, die Auswahl der Strukturen in verrauschten Daten und die behauptete Tiefe.
- März 2025
Die ägyptische Altertumsverwaltung erklärt öffentlich, es gebe keine wissenschaftliche Grundlage und dort arbeite derzeit keine Mission.
- Juni 2026
Dieselbe Gruppe stellt Radarbilder eines angeblichen zweiten, verschütteten Sphinx vor. Erneut ohne Veröffentlichung.
- 10. August 2026
Die Zeitschrift zieht die Arbeit von 2022 zurück. Begründung: schwerwiegende methodische Mängel und statistische Fehler. Die Autoren widersprechen.
Wichtig für die Einordnung: Zurückgezogen wurde nicht die Behauptung von 2025, sondern die Arbeit, in der das dafür verwendete Verfahren beschrieben worden war.
Was genau behauptet wurde
Was genau behauptet wurde, lohnt eine genaue Betrachtung, weil die Zahlen selbst schon aussagekräftig sind.
Genannt wurden fünf gleichartige Bauwerke nahe der Basis der mittleren Pyramide, verbunden durch Wege, sowie acht senkrechte Schächte, die bis in eine Tiefe von 648 Metern reichen sollen. In der Weitergabe wurde daraus rasch eine Stadt unter den Pyramiden von Gizeh, obwohl dieses Wort in der ursprünglichen Darstellung so nicht fiel.
Halten Sie sich die Tiefenangabe einen Moment vor Augen. 648 Meter sind mehr als die doppelte Höhe des Kölner Doms, nach unten. Das Gelände selbst liegt rund sechzig Meter über dem Meeresspiegel. Eine Anlage in dieser Tiefe läge also weit unterhalb des Meeresspiegels und tief unter dem Grundwasserspiegel.
Auffällig ist auch die Präzision. Eine Zahl wie 648 wirkt gemessen, während seriöse Angaben in solchen Fällen mit Bereichen und Fehlerangaben arbeiten. Genau diese Präzision ohne Fehlerangabe ist das erste Warnzeichen, das unabhängige Prüfungen der Behauptung benannt haben.
Ebenso aufschlussreich ist, was nicht behauptet wurde. Es gab keine Angabe zur Messunsicherheit, keine Beschreibung, wie zwischen Struktur und Rauschen unterschieden wurde, und keine Nennung eines Instituts, das die Auswertung unabhängig nachvollzogen hätte. Bei einem Befund dieser Tragweite wären das die ersten drei Angaben, die eine Fachzeitschrift verlangen würde.
Und schließlich: Es ging nie um die größte Pyramide, sondern um ihre Nachbarin. Ein erheblicher Teil der späteren Berichterstattung hat das vertauscht.





Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx
- Auf dem Gelände ist gut zu sehen, welche Bereiche tatsächlich ergraben sind
- Ein lizenzierter Guide trennt vor Ort Befunde von Meldungen
- Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
- Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
- Behauptete Tiefe der Schächte
- 648 m
- Eindringtiefe von Satellitenradar in trockenen Boden
- wenige Meter
- Eindringtiefe in massives Gestein
- praktisch null
- Begutachtete Veröffentlichung zur Behauptung
- keine
- Status der zugrunde liegenden Methodenarbeit
- am 10. August 2026 zurückgezogen
- Haltung der Altertumsverwaltung
- öffentlicher Widerspruch, keine Mission vor Ort
Der Einwand ist eine Frage der Physik
Der entscheidende Einwand ist kein Streit über Deutungen, sondern eine Frage der Physik, und er lässt sich ohne Fachkenntnis nachvollziehen.
Satellitenradar arbeitet mit Mikrowellen, die vom Satelliten ausgesendet und von der Erdoberfläche zurückgeworfen werden. Wie tief diese Wellen eindringen, hängt vom Material ab: In sehr trockenem Sand sind es einige Meter, in feuchtem Boden weniger, in massivem Kalkstein praktisch nichts. Das ist keine Frage der Rechenleistung oder der Auswertung, sondern eine Materialeigenschaft.
Auch Lidar-Scans unter den Pyramiden von Gizeh gibt es aus demselben Grund nicht, obwohl der Begriff in den Meldungen häufig auftauchte. Lidar tastet Oberflächen mit Laserpulsen ab und erzeugt daraus ein sehr genaues Geländemodell. Durch Boden sieht es nicht, nicht einen Zentimeter.
Die Arbeitsgruppe beruft sich auf eine besondere Auswertung, die aus winzigen Schwingungen zusätzliche Informationen gewinnen soll. Genau diese Auswertung stand in der Arbeit von 2022, und genau diese Arbeit wurde im August 2026 zurückgezogen. Die Redaktion nennt nach einer Prüfung schwerwiegende methodische Mängel und statistische Fehler. Die Autoren halten die Entscheidung für unbegründet und haben ihr widersprochen.
Ein zweiter, unabhängiger Einwand betrifft das Wasser. Der Grundwasserspiegel liegt am Plateau deutlich über der behaupteten Tiefe; die unterste Kammer des bekannten Osirisschachts steht bereits in rund dreißig Metern Tiefe unter Wasser. Eine begehbare Anlage in mehreren hundert Metern Tiefe wäre seit Jahrtausenden geflutet. Wer sie behauptet, behauptet stillschweigend auch eine Erklärung dafür, wie sie trocken geblieben sein soll.
Damit ist die Sache nicht moralisch entschieden, aber sachlich: Es liegt derzeit keine geprüfte Methodengrundlage vor, auf die sich die Behauptung stützen könnte.

Wie sich die Meldung verbreitete
Wie sich die Meldung verbreitete, ist der lehrreichste Teil des Falls, und er hat mit Ägypten wenig zu tun.
Am Anfang stand eine Pressekonferenz, also ein Format, das Aufmerksamkeit erzeugt und keine Prüfung vorsieht. Von dort übernahmen Nachrichtenseiten die Angaben, meist mit dem Zusatz, die Ergebnisse seien nicht begutachtet. Dieser Zusatz überlebte die nächste Weitergabe selten. In sozialen Netzwerken und auf Videokanälen blieben die Zahlen übrig und der Vorbehalt fiel weg.
Hinzu kommt die Bildlage. Zu der Behauptung existierten von Anfang an farbige Darstellungen der angeblichen Anlage, erzeugt aus der Auswertung. Solche Bilder wirken wie Fotografien eines vorhandenen Objekts, sind aber Rechenergebnisse, also Darstellungen einer Interpretation. In der Weitergabe verliert sich dieser Unterschied vollständig: Was wie ein Bild aussieht, wird als Beleg gelesen.
Verstärkt wurde das durch eine Eigenheit des Themas. Es gibt am selben Ort echte, begutachtete Entdeckungen: 2017 ein großer Hohlraum in der größten Pyramide, 2025 die Bestätigung eines Gangs hinter der Nordfassade. Wer davon gehört hat, hält die nächste Meldung für plausibel. Die belegten Funde machen die unbelegten glaubwürdig.
Dazu kommt ein Mechanismus, der bei Richtigstellungen immer greift. Die Meldung erreichte ein Millionenpublikum, die Kritik erreichte einen Bruchteil davon, und die Rücknahme der Methodenarbeit anderthalb Jahre später erreichte fast niemanden. Beiträge, die sich auf die zurückgezogene Arbeit stützen, stehen weiterhin online und tragen die Behauptung weiter.
Ein Detail dazu ist bemerkenswert. Die inzwischen zurückgezogene Arbeit von 2022 war vor ihrer Rücknahme sehr oft abgerufen worden und wurde in unzähligen Beiträgen als Beleg angeführt. Eine Rücknahme erreicht diese Leserschaft nicht mehr, weil sie keinen Anlass hat, noch einmal nachzusehen. Der Beleg zirkuliert also weiter, obwohl er formal nicht mehr existiert.
Das ist kein Vorwurf an einzelne Beteiligte. Es ist die normale Funktionsweise eines Systems, in dem Aufmerksamkeit schneller fließt als Prüfung.
Wie Sie eine solche Meldung in fünf Minuten einordnen
- Suchen Sie die Veröffentlichung
Gibt es eine begutachtete Arbeit mit Titel, Zeitschrift und Datum? Eine Pressekonferenz ist keine.
- Prüfen Sie das Verfahren
Wird die Methode genannt, samt Eindringtiefe und Fehlerbereich? Passt die behauptete Tiefe dazu?
- Zählen Sie die Institute
Stehen Institutionen dahinter oder nur einzelne Personen? Mehrere unabhängige Messreihen sind das Gütesiegel.
- Hören Sie die zuständige Behörde
Hat sich die Altertumsverwaltung des Landes geäußert? Sie erfährt von Grabungen zuerst.
- Fragen Sie nach dem Negativbefund
Wird auch berichtet, was nicht gefunden wurde? Wer nur Treffer meldet, hat vermutlich nicht gesucht, sondern ausgewählt.

Gibt es echte Funde unter dem Gelände?
Zum Schluss die Frage, die dabei fast untergeht: Gibt es überhaupt neue Funde unter den Pyramiden von Gizeh, und wenn ja, welche?
Ja, es gibt sie, und sie sehen anders aus. In der größten Pyramide wurde 2017 ein Hohlraum von mindestens dreißig Metern Länge nachgewiesen, mit Myonen aus der kosmischen Strahlung, gemessen über Monate von mehreren Instituten mit unterschiedlicher Gerätetechnik. 2025 folgte die Bestätigung eines Gangs hinter der Nordfassade, abgesichert durch drei unabhängige Verfahren und erstmals mit einem sechs Millimeter dünnen Endoskop eingesehen.
Beide Befunde haben Jahre gedauert, wurden mehrfach unabhängig geprüft und in Fachzeitschriften veröffentlicht. Beide sind unspektakulärer als jede Schlagzeile: ein leerer Gang mit rohem Boden, ein Hohlraum ohne bekannten Inhalt.
Unter dem Gelände selbst liegen ebenfalls reale Anlagen, darunter ein dreistöckiger Schacht mit einem Sarkophag im Wasser. Dazu gibt es eine eigene Seite auf diesem Portal.
Es lohnt sich, den Maßstab zu behalten. Der 2025 bestätigte Gang ist neun Meter lang und liegt hinter einer Fassade, die seit viereinhalbtausend Jahren jeder sehen kann. Dass es Jahre gedauert hat, ihn nachzuweisen, sagt nichts über die Trägheit der Forschung, sondern etwas über die Schwierigkeit der Aufgabe. Wer an einem so gut untersuchten Bauwerk etwas findet, findet Kleines, und er findet es langsam.
Die ehrliche Bilanz lautet damit: Es wird an diesem Ort tatsächlich Neues gefunden, laufend. Nur eben in Zehnermetern statt in Hunderten, mit Fehlerangaben statt mit runden Zahlen, und ohne Pressekonferenz.
Häufige Fragen
Wurde eine unterirdische Stadt gefunden?
Nein. Für die Behauptung von 2025 liegt keine begutachtete Veröffentlichung vor, die Altertumsverwaltung widersprach, und die zugrunde liegende Methodenarbeit wurde im August 2026 zurückgezogen.
Betraf die Behauptung die Cheops-Pyramide?
Nein, die mittlere Pyramide. Ein großer Teil der Berichterstattung hat das vertauscht.
Kann Radar aus dem Satelliten so tief sehen?
Nein. In trockenem Boden reichen Mikrowellen wenige Meter, in massivem Gestein praktisch gar nicht. 648 Meter sind mit diesem Verfahren nicht erreichbar.
Heißt Rücknahme, dass die Autoren betrogen haben?
Nein. Die Redaktion nennt methodische Mängel und statistische Fehler. Die Autoren widersprechen der Entscheidung. Über Absichten sagt eine Rücknahme nichts.
Gibt es denn gar nichts Neues?
Doch. Zwei Hohlräume in der Cheops-Pyramide wurden in den letzten Jahren nachgewiesen und veröffentlicht, einer davon inzwischen mit einer Kamera eingesehen.

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy
Zur Radarmeldung gibt es auf dem Gelände nichts zu sehen. Die offenen Grabungsflächen und Schächte liegen im normalen Ticketbereich.
