Auf jedem Foto sind sie drauf, und fast niemand nimmt sie wahr. Am Fuß der großen Bauwerke stehen mehrere deutlich kleinere Pyramiden, gedrungen, teils nur noch als Stumpf erhalten, und sie werden regelmäßig für Trümmer oder Fundamente gehalten.
Es sind eigenständige Bauwerke. Sechs davon gehören zu den beiden äußeren Anlagen des Geländes: drei an der Ostseite der größten Pyramide und drei an der Südseite der kleinsten. Dazu kommt ein siebtes, noch kleineres, das erst 1993 wieder auftauchte.
Die Sammelbezeichnung Königinnenpyramiden von Gizeh ist dabei bequem, aber nicht ganz zutreffend. Für einen Teil dieser Bauten ist die Zuordnung zu einer bestimmten Person umstritten, für einen anderen Teil steht fest, dass er gar nicht als Grab gedacht war. Der Begriff fasst also mehrere verschiedene Bauaufgaben zusammen.
Interessant sind sie aus einem anderen Grund. Weil sie klein sind und weniger sorgfältig ausgeführt wurden, ist an ihnen sichtbar, was an den großen Bauwerken unter der Verkleidung verschwand: der Aufbau in Lagen, die Bauabfolge, die Stellen, an denen die Arbeit abbrach.
Die Größenverhältnisse helfen bei der Einordnung. Die drei an der Ostseite erreichen jeweils grob ein Fünftel der Höhe ihrer großen Nachbarin, sind also immer noch Bauwerke von der Größenordnung eines mehrstöckigen Hauses. Sie wirken nur deshalb unscheinbar, weil daneben das größte Steinbauwerk der Erde steht. Frei in der Landschaft stehend wäre jede einzelne von ihnen eine Sehenswürdigkeit.
Und eine von ihnen hat eine zweite Karriere gemacht, die über zweitausend Jahre nach ihrer Errichtung begann.
Wo die kleinen Bauwerke stehen
- Drei Bauten an der OstseiteNeben der größten Pyramide, in einer Reihe von Nord nach Süd
- Kultpyramide an der SüdosteckeDeutlich kleiner, 1993 wiederentdeckt
- Mittlere PyramideOhne Nebenpyramiden dieser Art
- Drei Bauten an der SüdseiteNeben der kleinsten Pyramide, nur eine davon vollendet
Die Darstellung ist schematisch. Alle sieben Bauwerke liegen im normalen Ticketbereich und sind frei umrundbar.
Die drei an der Ostseite und ihre Namen
Die drei an der Ostseite der größten Pyramide sind die bekannteren, und bei ihnen beginnt das Problem mit den Namen.
In der Fachliteratur tragen sie schlichte Kennungen, von Nord nach Süd durchnummeriert. Wem sie gehörten, ist damit noch nicht gesagt, und genau darüber wird seit Jahrzehnten diskutiert. Die nördliche wird teils der Mutter des Bauherrn zugeschrieben, teils einer seiner Gemahlinnen. Bei der mittleren stehen mehrere Vorschläge nebeneinander, darunter eine namentlich bekannte Königin und eine unbekannte. Nur bei der südlichen ist die Zuordnung einigermaßen stabil.
Der Grund für diese Unsicherheit ist banal und aufschlussreich zugleich: Es fehlen Inschriften. Keiner dieser Bauten trägt eine Bauinschrift mit einem Namen. Die Zuordnungen stützen sich auf Grabungsfunde in der Umgebung, auf die Anordnung der Bauten und auf Rückschlüsse aus späteren Quellen. Das ist solide Arbeit, aber es ist Indizienarbeit.
Aufmaße, Grabungsberichte und Fotografien zu allen Bauten des Geländes liegen im digitalen Archiv der Universität Harvard, einschließlich der Dokumentation aus den großen Grabungskampagnen des frühen 20. Jahrhunderts.
Erschwerend kommt hinzu, dass diese Bauten früh und gründlich ausgeraubt wurden. Ihre Innenräume sind klein, ihre Verschlüsse waren einfacher als bei den großen Anlagen, und sie standen weniger im Blick. Was an Ausstattung erhalten blieb, stammt überwiegend aus den umliegenden Schächten und Kapellen, nicht aus den Kammern selbst. Damit fehlt genau die Art von Fund, die eine Zuordnung eindeutig machen würde.
Für den Besuch heißt das: Wenn eine Beschilderung oder ein Guide einen bestimmten Namen nennt, hören Sie eine Zuschreibung, keine Tatsache. Das mindert den Wert der Bauten nicht, es ordnet nur die Auskunft ein.





Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx
- Die Nebenpyramiden liegen unmittelbar am Rundweg und werden meist übergangen
- Ein lizenzierter Guide ordnet ein, welcher Bau zu welcher Anlage gehört
- Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
- Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn

Das siebte Bauwerk unter der Straße
Das siebte Bauwerk ist das jüngste in der Forschungsgeschichte und das kleinste im Gelände.
An der Südostecke der größten Pyramide stand eine sogenannte Kultpyramide, ein Nebenbau, dessen Zweck bis heute nicht abschließend geklärt ist. Diskutiert werden ein symbolisches Zweitgrab, ein Ort für bestimmte Handlungen und ein Behälter für Eingeweide. Sicher ist nur, dass solche Bauten zum Standardprogramm gehörten und nie für eine Bestattung genutzt wurden.
Von diesem Bau war lange kaum etwas bekannt, weil eine moderne Straße darüber verlief. Erst 1993, bei Arbeiten zur Entfernung dieser Straße, kamen die Fundamente wieder ans Licht. Dabei wurde auch ein Pyramidion gefunden, also der Abschlussstein einer Pyramide, und zwar in bemerkenswertem Zustand: Alle vier Kanten sind erhalten. Die Auffindung dieses Stücks machte es zu einem der wenigen vollständigen Beispiele überhaupt.
Das ist mehr wert, als es klingt. Von keiner der drei großen Pyramiden ist die Spitze erhalten, und ob dort überhaupt ein gesonderter Abschlussstein saß, ist offen. Ein vollständiges Pyramidion von einem Nebenbau derselben Anlage zeigt immerhin, wie so ein Stück aussah und wie es gearbeitet war.
Bemerkenswert ist auch, wie klein dieser Bau war. Kultpyramiden erreichten in der Regel nur wenige Meter Höhe und hatten eine winzige, nicht für Menschen gedachte Kammer oder gar keine. Sie waren Bestandteil des Programms, nicht Nutzbauten. Wer das Gelände nach Bedeutung ordnet, muss also zwischen sehr unterschiedlichen Bauaufgaben unterscheiden, die alle die Form einer Pyramide haben.
Der Fund erinnert außerdem daran, wie viel unter der modernen Erschließung des Geländes verschwunden ist. Straßen, Parkplätze und Wege lagen jahrzehntelang über Befunden, und erst der Umbau der letzten Jahre bringt einiges davon zurück.
Zwei Gruppen, zwei Zustände
Die drei an der Ostseite
Zur größten Anlage gehörig, in einer Nord-Süd-Reihe, alle drei als echte Pyramiden ausgeführt.
- Gut für
- Den Aufbau in Lagen und die Bauabfolge im Kleinen nachvollziehen.
- Aufpassen
- Die Zuschreibung an bestimmte Personen ist umstritten und beruht auf Indizien.
Die drei an der Südseite
Zur kleinsten Anlage gehörig, keine davon vollendet. Eine ist eine echte Pyramide mit Granitanteil, zwei blieben Stufenbauten.
- Gut für
- Sehen, wie eine Pyramide vor der Verkleidung aussah: als Stufenbau.
- Aufpassen
- Von außen leicht für Ruinen zu halten. Der Stufenzustand ist der Bauzustand, kein Verfall.
Die Kultpyramide an der Südostecke
Deutlich kleiner als alle anderen, kein Grab, 1993 unter einer Straße wiederentdeckt.
- Gut für
- Verstehen, dass zum Programm einer Anlage auch nicht begehbare Bauten gehörten.
- Aufpassen
- Nur Fundamente erhalten. Ohne Hinweis kaum als Bauwerk erkennbar.
Die unfertigen drei im Süden
Die drei an der Südseite der kleinsten Pyramide sind für das Verständnis des Pyramidenbaus die lehrreichsten Bauten des ganzen Geländes.
Keine von ihnen wurde fertig. Die größte der drei war als echte Pyramide geplant und teilweise mit Granit versehen, wie das Hauptbauwerk daneben. Die beiden anderen blieben Stufenbauten aus wenigen Lagen Mauerwerk, ohne Verkleidung, ohne geglättete Flächen.
Genau das macht sie wertvoll. Eine echte Pyramide entsteht, indem man einen Stufenbau errichtet und die Stufen anschließend mit Verkleidungsblöcken zu glatten Flächen auffüllt. Bei den beiden unfertigen Bauten ist der erste Schritt zu sehen und der zweite nicht. Wer wissen will, wie eine Pyramide unter ihrer Haut aussieht, muss nicht spekulieren, sondern hier hinschauen.
In einer dieser kleinen Pyramiden liegt außerdem eine Grabkammer am Ende eines absteigenden Gangs, allerdings ohne die schweren Verschlussvorrichtungen, die man bei einer tatsächlich genutzten Anlage erwarten würde. Auch das passt zu einem Bau, der abgebrochen wurde, bevor er seinen Zweck erfüllen konnte.
Ein Hinweis zur Reihenfolge lohnt sich noch. Die drei Bauten wurden nicht nachträglich angefügt, sondern gehörten von Anfang an zum Programm der Anlage. Ihre Fundamente sitzen auf demselben planierten Fels wie das Hauptbauwerk, und ihre Ausrichtung folgt derselben Achse. Wer eine Königsanlage plante, plante diese Nebenbauten mit, und dass sie unfertig blieben, sagt deshalb etwas über den Zeitdruck am Ende und nicht über nachlassendes Interesse.
Dass die mittlere der drei großen Pyramiden überhaupt keine Nebenpyramiden dieser Art besitzt, ist übrigens ebenfalls eine Aussage. Das Programm einer Anlage war offenbar nicht starr, sondern wurde von Bauherr zu Bauherr anders zusammengestellt.

Die Kapelle, die zum Tempel wurde
Die südlichste der drei an der Ostseite hat eine Geschichte, die keiner der anderen zukommt.
An ihrer Ostseite stand, wie üblich, eine kleine Kapelle für den Totenkult. Diese Kapelle wurde sehr viel später umgewidmet und zu einem Tempel der Göttin Isis ausgebaut, die dort als Herrin der Pyramiden verehrt wurde. Die Umwidmung setzte spätestens im Neuen Reich ein und wurde in der Spätzeit förmlich ausgebaut, also gut zweitausend Jahre nach der Errichtung des Bauwerks.
Das ist ein bemerkenswerter Vorgang. Ein Nebenbau einer Königsanlage, dessen ursprüngliche Besitzerin bereits vergessen war, wurde zum Mittelpunkt eines lebendigen Kults, der über Jahrhunderte betrieben wurde. Aus dieser Zeit stammen Inschriften und Weihegaben, und sie sind ein Teil dessen, was über die Zuordnung der Bauten überhaupt bekannt ist.
Nebenbei erklärt dieser Fall, warum Zuschreibungen so schwierig sind. Ein Bauwerk, das über zwei Jahrtausende hinweg umgenutzt, neu beschriftet und mit neuen Gaben versehen wurde, trägt Spuren aus vielen Epochen übereinander. Eine Inschrift darin belegt zunächst nur, wer sie angebracht hat, nicht wer ursprünglich dort bestattet war. Die Forschung muss diese Schichten trennen, bevor sie überhaupt anfangen kann, nach dem Ursprung zu fragen.
Für das Verständnis des Geländes heißt das: Es war nie ein abgeschlossenes Denkmal, sondern ein Ort mit fortlaufender Nutzung. Zwischen der Errichtung und der römischen Zeit liegen mehr Jahre als zwischen der römischen Zeit und heute, und in dieser Spanne wurde gebaut, umgebaut, geplündert, verehrt und wieder vergessen.
Geschützt ist heute die gesamte Fläche gemeinsam als Welterbe, also nicht die drei großen Bauwerke, sondern jeder dieser Nebenbauten gleich mit.
Häufige Fragen
Wie heißen die drei kleinen Pyramiden von Gizeh?
In der Fachliteratur tragen sie Kennungen statt Namen. Zugeschrieben werden sie Angehörigen des Königshauses, doch keine trägt eine Bauinschrift, und die Zuordnungen sind umstritten.
Wie viele kleine Pyramiden gibt es dort?
Sieben. Drei an der Ostseite der größten Pyramide, eine Kultpyramide an deren Südostecke und drei an der Südseite der kleinsten Pyramide.
Warum hat die mittlere Pyramide keine?
Das ist nicht geklärt. Das Bauprogramm einer Anlage war offenbar nicht festgelegt, sondern wurde je Bauherr anders zusammengestellt.
Kann man sie besichtigen?
Von außen ja, alle liegen im normalen Ticketbereich und lassen sich frei umrunden. Innenräume sind in der Regel nicht zugänglich.
Warum sehen zwei davon aus wie Stufen?
Weil sie unfertig sind. Eine Pyramide entsteht als Stufenbau, dessen Stufen anschließend mit Verkleidung zu glatten Flächen aufgefüllt werden. Dieser zweite Schritt fehlt.

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy
Alle sieben Nebenpyramiden liegen im normalen Ticketbereich und lassen sich frei umrunden. Ein Zusatzticket ist dafür nicht nötig.
