Virtueller Rundgang durch die Pyramiden von Gizeh: die guten sind kostenlos

Die besten sind nicht von Google, sondern von Harvard und der ägyptischen Altertümerverwaltung. Was sie zeigen, was sie kosten und was ein Headset bringt.

Ein virtueller Rundgang durch die Pyramiden von Gizeh beginnt bei den meisten Menschen mit einer Suche bei Google. Das ist verständlich und führt in die Irre.

Die Aufnahmen dort sind über ein Jahrzehnt alt, sie zeigen ausschließlich Außenflächen, und sie sind als Nebenprodukt einer Kartierung entstanden, nicht als Vermittlung. Was tatsächlich existiert, ist erheblich besser und praktisch unbekannt: begehbare Modelle des gesamten Geländes, fotorealistische Rundgänge durch Grabkammern, und ein Weg in das Innere der größten Pyramide, den man am Bildschirm gehen kann.

Hergestellt hat das nicht ein Reiseanbieter, sondern ein Forschungsprojekt. Hinter den guten Rundgängen steht das Digitalisierungsprojekt der Harvard University zum Gizeh-Plateau, das seit Jahren die Grabungsdokumentation des Geländes digitalisiert, teils gemeinsam mit der ägyptischen Altertümerverwaltung. Finanziert wird es unter anderem vom National Endowment for the Humanities.

Warum das ausgerechnet in Cambridge entstanden ist, hat einen historischen Grund. Die amerikanisch-britischen Grabungen am Plateau haben über Jahrzehnte eine Dokumentation angehäuft, die zu den umfangreichsten Beständen zu einer einzelnen Fundstätte gehört: Grabungstagebücher, Fotoglasplatten, Grundrisse, Objektkarten. Aus genau diesem Material sind die Modelle gerechnet. Sie sind deshalb keine künstlerische Auffassung, sondern eine Visualisierung von Grabungsdaten.

Der Preis für all das ist null. Das ist kein Einführungsangebot und keine Testphase, sondern der Zweck der Sache: Es handelt sich um Wissenschaftskommunikation, nicht um ein Produkt.

Was es tatsächlich gibt

Vier Angebote, die sich deutlich unterscheiden. Nur die ersten beiden führen ins Innere.

AngebotWer dahinterstehtWas Sie sehenTechnik
Begehbare 3D-ModelleDigitalisierungsprojekt der Harvard UniversityDreizehn Modelle, vom gesamten Plateau bis zu einzelnen Tempeln und GräbernIm Browser, Steuerung mit Pfeiltasten oder WASD
Fotorealistische GrabrundgängeDigitalisierungsprojekt der Harvard UniversitySechs Mastabagräber, aufgenommen im OriginalMatterport und Sketchfab, im Browser
Gemeinsame Ausstellung mit der AltertümerverwaltungAltertümerverwaltung und Harvard-ProjektUnter anderem der Weg ins Innere der größten PyramideIm Browser, Anmeldung nicht erforderlich
Street ViewGoogleNur Außenflächen, Aufnahmen von 2014Im Browser oder in der Karten-App
Begehbare 3D-Modelle
Wer dahintersteht
Digitalisierungsprojekt der Harvard University
Was Sie sehen
Dreizehn Modelle, vom gesamten Plateau bis zu einzelnen Tempeln und Gräbern
Technik
Im Browser, Steuerung mit Pfeiltasten oder WASD
Fotorealistische Grabrundgänge
Wer dahintersteht
Digitalisierungsprojekt der Harvard University
Was Sie sehen
Sechs Mastabagräber, aufgenommen im Original
Technik
Matterport und Sketchfab, im Browser
Gemeinsame Ausstellung mit der Altertümerverwaltung
Wer dahintersteht
Altertümerverwaltung und Harvard-Projekt
Was Sie sehen
Unter anderem der Weg ins Innere der größten Pyramide
Technik
Im Browser, Anmeldung nicht erforderlich
Street View
Wer dahintersteht
Google
Was Sie sehen
Nur Außenflächen, Aufnahmen von 2014
Technik
Im Browser oder in der Karten-App

Alle vier sind kostenfrei. Für keines wird eine VR-Brille verlangt.

Die 3D-Modelle aus Grabungsdaten

Die 3D-Tour durch die Pyramiden ist der Einstieg, den die meisten unterschätzen, weil das Wort nach Spielerei klingt.

Tatsächlich handelt es sich um dreizehn aus Grabungsdaten rekonstruierte Modelle, die sich im Browser begehen lassen. Dazu gehören ein Rundgang über das gesamte Plateau, die drei großen Pyramiden mit ihren Totentempeln und Taltempeln, der Sphinx mit seinem Tempel sowie die Gräber der Königinnen Hetepheres I. und Meresanch III. Gesteuert wird mit den Pfeiltasten oder mit WASD, wie in einem Computerspiel. Eine Installation ist nicht nötig.

Der Gewinn liegt nicht in der Grafik, sondern in der Rekonstruktion. Sie sehen die Anlagen nicht in ihrem heutigen Zustand, sondern so, wie sie nach dem Forschungsstand ursprünglich aussahen: mit Verkleidung, mit stehenden Tempelmauern, mit dem Aufweg zwischen Taltempel und Pyramide. Genau das ist am Bauwerk selbst nicht mehr zu sehen und auf keinem Foto zu zeigen.

Ein zweiter Gewinn liegt in dem, was sich am Modell ausprobieren lässt. Sie können um ein Bauwerk herumgehen, ohne einen Kilometer im Sand zurückzulegen, und Sie können den Blick von Stellen einnehmen, die vor Ort gesperrt sind. Wer wissen will, wie die drei Pyramiden von einem bestimmten Punkt aus zueinander stehen, probiert das am Bildschirm in einer Minute aus statt in einer Stunde auf dem Gelände.

Für die Vorbereitung eines Besuchs ist das der nützlichste Teil des ganzen Angebots. Wer den Aufweg einmal virtuell abgelaufen ist, versteht vor Ort, warum die Steinreihen im Sand dort liegen, wo sie liegen.

GetYourGuide

Geführter Tag zu Plateau, Sphinx und Museum

★ 4,8(1.682 Bewertungen)
  • Für den Fall, dass die Rundgänge Lust auf das Original gemacht haben
  • Acht Stunden, deutschsprachig geführt, mit Abholung am Hotel und Mittagessen
  • Plateau-Eintritt und bevorzugter Einlass sind enthalten, das Pyramideninnere als Zubuchung
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
Bildschirmansicht eines begehbaren 3D-Modells einer Pyramidenanlage mit rekonstruiertem Tempel
Rekonstruiert, nicht fotografiert: Die Modelle zeigen den ursprünglichen Zustand mit Verkleidung und stehenden Tempelmauern.

Die Grabrundgänge zeigen Gesperrtes

Der bemerkenswerteste Teil sind aber nicht die Rekonstruktionen, sondern die Grabrundgänge. Denn dort sehen Sie Räume, die Sie vor Ort nicht betreten dürfen.

Sechs Mastabagräber des Plateaus wurden fotografisch vollständig erfasst und in begehbare Rundgänge übersetzt: die Anlagen der Königin Meresanch III., des Chufuchaf, des Iasen, des Neferbauptah sowie die Gräber des Qar und des Idu. Vier davon laufen über die Technik Matterport, zwei über Sketchfab, und alle sechs funktionieren im normalen Browser.

Der Unterschied zu einem Foto ist erheblich. Sie stehen in der Kammer, drehen sich, gehen weiter, und die bemalten Wände sind in einer Auflösung erfasst, in der sich Einzelfiguren erkennen lassen. Bei Meresanch III. sind das unter anderem zehn nebeneinanderstehende Frauenfiguren, eine für Gizeh ungewöhnliche Darstellung.

Vor Ort ist all das nicht ohne Weiteres möglich. Die Grabkammern des Plateaus sind entweder gesperrt, nur mit eigenem Ticket zugänglich oder aus konservatorischen Gründen geschlossen. Der virtuelle Weg ist hier also nicht der schlechtere Ersatz, sondern in mehreren Fällen die einzige Möglichkeit überhaupt.

Ein Wort zu den Bezeichnungen, die Ihnen dabei begegnen. Die Gräber tragen Nummern wie G 7530 oder G 2196, und das ist keine Katalogisierungsmarotte, sondern das Ordnungssystem der Grabung: Die Ziffern verraten die Lage im Gräberfeld. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, findet dieselben Nummern in der Fachliteratur wieder und kann von einem Rundgang aus weiterlesen.

Diese Rundgänge sind übrigens der Grund, warum die ägyptische Altertümerverwaltung mit im Boot ist. Im April 2020 veröffentlichte sie fünf kostenlose virtuelle Rundgänge durch ägyptische Denkmäler, darunter das Grab der Meresanch III., erstellt mit der Modellierung des Harvard-Projekts. Die Sammlung reicht über Gizeh hinaus und umfasst unter anderem auch eine Synagoge, ein Kloster und eine Moschee-Madrasa.

Eine VR-Brille brauchen Sie nicht

Bleibt die Frage nach der Ausrüstung. Ein VR-Erlebnis Pyramiden von Gizeh im engeren Sinn, also mit Brille, brauchen Sie nicht, und keines der genannten Angebote verlangt eines.

Alle laufen im gewöhnlichen Browser, am Rechner ebenso wie am Tablet. Am Telefon funktionieren sie auch, sind aber eine Zumutung: Die Rundgänge leben von der Fläche, und auf einem Handydisplay verlieren Sie in einer Grabkammer sofort die Orientierung. Ein möglichst großer Bildschirm bringt mehr als jedes Zubehör.

Wer dennoch eine Brille besitzt, hat einen echten Vorteil bei genau einem Punkt: dem Maßstab. Der Unterschied zwischen einer Kammer von zwei Metern Höhe und einer Galerie von acht Metern ist auf dem Bildschirm eine Zahl und mit einer Brille eine körperliche Erfahrung. Für alles andere, also für Reliefs, Inschriften und Bauabfolge, ist der Monitor besser, weil Sie näher herangehen und länger hinsehen können, ohne dass Ihnen schlecht wird.

Praktisch heißt das: Fangen Sie am größten Bildschirm an, den Sie haben, und nehmen Sie sich Zeit. Die Rundgänge belohnen langsames Sehen. Wer durch eine Grabkammer hetzt, hat dasselbe wie bei einer Gruppenführung vor Ort, nämlich Bilder ohne Einzelheiten, nur ohne den Weg dorthin.

Eine Warnung zu dem, was unter dem Stichwort VR sonst noch angeboten wird. Es kursieren kommerzielle Anwendungen, die mit Rundgängen durch die Pyramiden werben und tatsächlich frei erfundene Innenräume zeigen, teils mit Kammern, die es nicht gibt. Die hier genannten Angebote sind daran zu erkennen, dass sie ihre Datengrundlage nennen.

In welcher Reihenfolge Sie anfangen sollten

  1. Erst der Plateau-Rundgang

    Das begehbare Gesamtmodell zeigt, wie die Anlagen zueinander liegen. Ohne diese Orientierung wirken die Einzelmodelle beliebig.

  2. Dann eine Pyramide mit ihrem Komplex

    Taltempel, Aufweg, Totentempel, Pyramide. Diese Abfolge ist der eigentliche Bauplan und vor Ort kaum noch abzulesen.

  3. Dann ein Grab in Fotoqualität

    Der Sprung von der Rekonstruktion zur Fotoaufnahme macht deutlich, was erschlossen und was erhalten ist.

  4. Zum Schluss das Innere der größten Pyramide

    Der Weg durch die Gänge ergibt erst Sinn, wenn die Außenanlage bekannt ist. Umgekehrt bleibt es ein Tunnel.

  5. Street View nur zum Vergleich

    Nützlich, um den heutigen Zustand neben die Rekonstruktion zu halten. Als Einstieg ist es die schwächste Variante.

Was ein virtueller Rundgang nicht leistet

Was ein virtueller Rundgang nicht leistet, gehört ebenso auf diese Seite wie das, was er kann.

Er vermittelt keinen Maßstab. Ein Block, der einem Erwachsenen bis über den Kopf reicht, ist am Bildschirm ein Rechteck, und die Zahl 146 Meter bleibt eine Zahl. Genau dieser Eindruck ist der Grund, warum Menschen hinfahren, und er ist der einzige, der sich nicht übertragen lässt.

Er vermittelt auch keine Umgebung. Auf dem Gelände sind Hitze, Staub, Wind, der Lärm der Stadt im Osten und die Stille nach Westen Teil der Sache. Die Modelle sind zu Recht leer und still; sie zeigen die Bauwerke, nicht den Ort.

Und er zeigt einen Zustand, den es nicht gibt. Die Rekonstruktionen bilden den Forschungsstand ab, nicht den Befund. Wer sie für Fotografien hält, geht mit falschen Erwartungen hin und ist enttäuscht, dass die Verkleidung fehlt. Sie fehlt seit Jahrhunderten, und die amtliche Übersicht zum Gelände beschreibt entsprechend, was heute zu sehen ist und nicht, was einmal war.

Und schließlich ersetzt er keine Begegnung. Auf dem Gelände arbeiten Menschen, es wird verkauft, gefragt und verhandelt, und ein Teil dessen, was Reisende hinterher erzählen, hat mit den Bauwerken wenig zu tun. Ob man das als Belastung oder als Teil der Reise empfindet, ist Geschmackssache; wegzudenken ist es nicht, und am Bildschirm kommt es nicht vor.

Am ehrlichsten ist deshalb diese Reihenfolge: virtuell vorbereiten, real hingehen, virtuell nacharbeiten. Der dritte Schritt wird fast immer vergessen und ist der lohnendste, weil Sie dann wissen, wonach Sie suchen.

GetYourGuide

Eintrittsticket für das Plateau als QR-Code

Wer virtuell so gut vorbereitet ist, dass er keine Führung mehr braucht: Der Eintritt lässt sich getrennt buchen und am Sphinx-Tor vorzeigen, wo es keine Kasse gibt.

ab 14 €
Ansehen
Bemalte Wand einer Mastaba-Grabkammer mit Reihen von Figuren
Die Grabrundgänge sind fotografiert, nicht rekonstruiert. Was hier zu sehen ist, existiert genau so.

Häufige Fragen

Was kosten die virtuellen Rundgänge?

Nichts. Sie sind Teil eines Forschungs- und Vermittlungsprojekts und öffentlich finanziert. Für die Nutzung ist auch keine Anmeldung nötig.

Brauche ich eine VR-Brille?

Nein. Alle genannten Angebote laufen im normalen Browser. Eine Brille hilft nur beim Größeneindruck, sonst ist ein großer Bildschirm besser.

Kann ich virtuell in die Cheops-Pyramide hinein?

Ja. Die gemeinsame Ausstellung von Altertümerverwaltung und Harvard-Projekt enthält einen Weg durch das Innere. Vor Ort ist dafür ein eigenes Ticket nötig.

Sind die Rundgänge Fotos oder Rekonstruktionen?

Beides, je nach Angebot. Die dreizehn Modelle sind rekonstruiert und zeigen den ursprünglichen Zustand, die sechs Grabrundgänge sind fotografische Aufnahmen des heutigen.

Eignet sich das für den Unterricht?

Ja, weil nichts installiert und nichts bezahlt werden muss. Der Plateau-Rundgang als Einstieg funktioniert auch auf einem Beamer.

Stand: August 2026Angebot und Adressen der Rundgänge können sich ändern, ebenso die Zahl der verfügbaren Modelle. Träger sind das Digitalisierungsprojekt der Harvard University und die ägyptische Altertümerverwaltung.