Der Pyramidenkomplex von Gizeh: eine Pyramide ist nur ein Fünftel

Eine Pyramide war nie ein Einzelbau, sondern das Ende einer Kette aus fünf Bauteilen. Wie die drei Anlagen in Gizeh aufgebaut sind und was heute davon steht.

Wer eine Pyramide für ein einzelnes Bauwerk hält, sieht ungefähr ein Fünftel dessen, was dort einmal stand.

Im Alten Reich war eine Königspyramide kein Denkmal, sondern der oberste Teil einer Anlage aus mehreren Bauten, die aufeinander bezogen waren und eine feste Reihenfolge hatten. Diese Reihenfolge begann am Wasser und endete an der Spitze. Sie war kein architektonischer Einfall, sondern der bauliche Ausdruck eines Ablaufs: Der tote König wurde über den Fluss gebracht, in einem Tempel am Ufer empfangen, über einen gedeckten Gang hinaufgeführt, in einem zweiten Tempel behandelt und schließlich in der Pyramide bestattet.

Jeder Pyramidenkomplex in Ägypten dieser Epoche folgt demselben Schema. Es entstand eine Generation vor Gizeh, wurde hier zur größten Ausführung gebracht und blieb danach für Jahrhunderte verbindlich. Wer das Schema einmal kennt, liest jede Pyramidenanlage des Landes ohne Erklärung.

Entwickelt wurde es nicht hier. Die erste Königspyramide entstand eine Dynastie früher in Sakkara, noch als Stufenbau und mit einem weitläufigen, ummauerten Hof statt einer Achse zum Fluss. Erst unter dem Vater des Bauherrn der größten Pyramide, der gleich mehrere Großbauten errichten ließ, ordnete sich das Ganze zu der geraden Linie vom Tal zur Spitze. Was in Gizeh steht, ist also nicht der Anfang einer Entwicklung, sondern deren ausgereifte Form, ausgeführt im größtmöglichen Maßstab.

Auf dem Gelände in Gizeh steht dieses Schema dreimal nebeneinander, gebaut von drei aufeinanderfolgenden Königen. Erhalten ist es dreimal unterschiedlich gut, und genau daran lässt sich ablesen, wie es funktionierte: Was bei der einen Anlage fehlt, steht bei der Nachbarin noch.

Diese Seite beschreibt den Bauplan, seine drei Umsetzungen und die Frage, warum die Bauwerke so im Gelände verteilt sind, wie sie es sind.

Die fünf Teile, in der Reihenfolge ihrer Nutzung

  1. Der Taltempel

    Am Hafen, unten am Rand des Fruchtlands. Anlandestelle und Empfangsbau. Hier begannen die Handlungen.

  2. Der Aufweg

    Ein gedeckter, teils dekorierter Gang, mehrere hundert Meter lang, der vom Tal auf das Plateau hinaufführt.

  3. Der Totentempel

    Unmittelbar an der Ostseite der Pyramide. Ort des dauerhaften Kults, mit Opferstelle, Magazinen und Höfen.

  4. Die Pyramide

    Das Grab selbst, mit dem Gangsystem und der Kammer. Nach der Bestattung verschlossen.

  5. Die Kultpyramide

    Ein kleiner Nebenbau an der Südseite, dessen Zweck bis heute nicht abschließend geklärt ist.

Dazu kommen je nach Anlage Königinnenpyramiden, Bootsgruben und eine Umfassungsmauer.

Die Anordnung folgt der Geografie

Die Anordnung ist nicht symbolisch gemeint, sondern praktisch. Sie folgt der Geografie.

Der Nil lag im Osten und lieferte alles: Menschen, Material, Lebensmittel, und im Fall einer Bestattung den Toten selbst. Die Wüste lag im Westen, und dort gehörten die Gräber hin, weil dort die Sonne unterging. Eine Anlage, die vom Wasser zur Wüste führt, bildet also den Weg vom Leben zum Tod ab, und sie tut das entlang der Achse, die ohnehin durch die Landschaft vorgegeben war.

Der Taltempel war dabei mehr als ein Anleger. Er lag an einem Hafenbecken, das eigens angelegt wurde, und war Umschlagplatz für den gesamten Bauverkehr. Nach der Fertigstellung wurde er zum Empfangsbau für die Prozession und blieb anschließend Teil des laufenden Kultbetriebs.

Der Totentempel oben war der Ort, an dem die Anlage über Generationen weiterlief. Dort wurden Opfer dargebracht, dort saß die Priesterschaft, dort lagerten die Vorräte. Eine Pyramidenanlage war deshalb keine abgeschlossene Baustelle, sondern eine dauerhaft besetzte Einrichtung mit eigenem Personal und eigenen Einkünften aus zugewiesenen Gütern.

Finanziert wurde dieser Betrieb aus zugewiesenen Ländereien. Der König stattete seine Anlage mit Gütern aus, deren Erträge dauerhaft an den Kult gebunden waren, und diese Zuweisungen sind in Inschriften belegt. Dazu gehörte häufig eine eigene Siedlung in der Nähe, in der die Priester und das Personal lebten. Eine Pyramidenanlage war damit auch eine wirtschaftliche Einheit, die dem Nachfolger als laufende Verpflichtung hinterlassen wurde. Dass solche Stiftungen später umgewidmet oder eingezogen wurden, ist ebenfalls belegt.

Die gesamte Kette ist Bestandteil der Welterbeeintragung von 1979, die nicht einzelne Bauwerke, sondern die Pyramidenfelder als Ganzes unter Schutz stellt. Das ist keine Formsache: Wer nur die Pyramide schützt, schützt ein Fünftel.

GetYourGuide

Halbtagestour zu den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx

★ 4,6(3.680 Bewertungen)
  • Der erhaltene Taltempel und der Aufweg liegen auf dem üblichen Rundweg und werden oft übergangen
  • Ein lizenzierter Guide ordnet ein, welcher Bau zu welcher der drei Anlagen gehört
  • Plateau-Eintritt, deutschsprachige Führung und Abholung am Hotel sind enthalten
  • Kostenlose Stornierung bis 24 Stunden vor Beginn
Der Taltempel des Chephren mit seinen Granitpfeilern von innen
Der besterhaltene Taltempel des Geländes: Pfeiler aus Assuan-Granit, Fugen wie Linien.

Dreimal derselbe Bauplan, dreimal ein anderes Schicksal

Dreimal derselbe Bauplan, dreimal ein anderes Schicksal. Das ist der eigentliche Reiz des Geländes.

Bei der größten Anlage im Nordosten ist ausgerechnet der Anfang verloren. Vom Totentempel liegen Grundmauern und Reste des Basaltbodens, vom Aufweg nur Bruchstücke, und der Taltempel steckt unter der modernen Bebauung am Fuß des Hangs. Wer diese Anlage besucht, sieht die Pyramide und muss sich den Rest denken.

Bei der mittleren Anlage ist es umgekehrt, und das macht sie für das Verständnis wertvoller als ihre größere Nachbarin. Ihr Taltempel steht, und zwar in bemerkenswertem Zustand: ein Bau aus Kalksteinkernen, verkleidet mit Granit aus Assuan, mit quadratischen Pfeilern und einem Boden aus Alabaster. Von dort führt der Aufweg in erkennbarer Linie hinauf. Wer die Kette einmal ablaufen will, geht sie hier ab.

Die kleinste Anlage im Südwesten blieb unvollendet. Der Totentempel wurde nach dem Tod des Bauherrn in Lehmziegeln zu Ende gebracht statt in Stein, und die Granitverkleidung der Pyramide selbst ist über weite Strecken unbearbeitet stehengeblieben. Sie zeigt damit den Bauzustand, den die beiden anderen längst hinter sich gelassen hatten.

Ein Detail zur mittleren Anlage sorgt regelmäßig für Verwirrung. Sie wirkt auf vielen Fotos höher als ihre größere Nachbarin, obwohl sie es nicht ist. Der Grund liegt im Gelände: Sie steht auf höherem Fels, und sie hat ihre Spitze samt einer geschlossenen Kappe der originalen Verkleidung behalten. Wer die Bauwerke vergleichen will, muss deshalb den Fußpunkt mitdenken und nicht nur die Silhouette.

Wie genau die Ausrichtung dieser Bauten gelang, ist mehrfach vermessen worden. Die Untersuchungen zu den Orientierungen zeigen Abweichungen von der Nordrichtung im Bereich von Bogenminuten, und zwar bei allen drei Anlagen, mit einer leichten Drift von der ältesten zur jüngsten.

Die drei Anlagen im Vergleich

Derselbe Bauplan, dreimal ausgeführt. Erhalten ist bei jeder etwas anderes.

BestandteilNordöstliche AnlageMittlere AnlageSüdwestliche Anlage
Pyramide138,8 m, Spitze fehltetwas niedriger, Kappe erhaltendeutlich kleiner
TotentempelGrundmauern, Basaltbodenausgedehnt, Grundmauernin Lehmziegeln vollendet
Aufwegnur ResteVerlauf gut erkennbarin Teilen erhalten
Taltempelunter moderner Bebauungaufrecht erhalten, begehbarGrundmauern
KultpyramideFundament an der SüdseiteFundament nachgewiesennachgewiesen
Nebenpyramidendrei an der Ostseitekeinedrei an der Südseite
Bootsgrubensiebenfünfkeine nachgewiesen
Pyramide
Nordöstliche Anlage
138,8 m, Spitze fehlt
Mittlere Anlage
etwas niedriger, Kappe erhalten
Südwestliche Anlage
deutlich kleiner
Totentempel
Nordöstliche Anlage
Grundmauern, Basaltboden
Mittlere Anlage
ausgedehnt, Grundmauern
Südwestliche Anlage
in Lehmziegeln vollendet
Aufweg
Nordöstliche Anlage
nur Reste
Mittlere Anlage
Verlauf gut erkennbar
Südwestliche Anlage
in Teilen erhalten
Taltempel
Nordöstliche Anlage
unter moderner Bebauung
Mittlere Anlage
aufrecht erhalten, begehbar
Südwestliche Anlage
Grundmauern
Kultpyramide
Nordöstliche Anlage
Fundament an der Südseite
Mittlere Anlage
Fundament nachgewiesen
Südwestliche Anlage
nachgewiesen
Nebenpyramiden
Nordöstliche Anlage
drei an der Ostseite
Mittlere Anlage
keine
Südwestliche Anlage
drei an der Südseite
Bootsgruben
Nordöstliche Anlage
sieben
Mittlere Anlage
fünf
Südwestliche Anlage
keine nachgewiesen

Die mittlere Anlage ist die einzige, an der sich alle fünf Bestandteile der Kette im Gelände nachvollziehen lassen.

Warum die drei so stehen, wie sie stehen

Bleibt die Frage, warum die drei Bauwerke so stehen, wie sie stehen. Die Anordnung der Pyramiden von Gizeh wirkt auf Fotos zufällig gestaffelt, folgt aber einer erkennbaren Linie.

Der Befund ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt und lässt sich nachmessen: Die südöstlichen Ecken der drei Bauwerke liegen annähernd auf einer Geraden. Die Verbindungslinie zwischen den Südostecken des größten und des kleinsten Bauwerks verläuft rund 637 Meter weit, und die entsprechende Ecke des mittleren liegt etwa zwölf Meter daneben. Das sind weniger als zwei Prozent Abweichung.

Über die Deutung wird gestritten. Eine verbreitete Erklärung verlängert die Linie nach Nordosten und trifft dabei auf das damalige Zentrum des Sonnenkults im Nildelta. Diese Deutung über eine Sichtachse ist von mehreren Fachleuten vertreten worden, bleibt aber eine Interpretation und kein Nachweis.

Es gibt eine nüchternere Erklärung, die ohne Symbolik auskommt und deshalb selten erzählt wird. Wer eine Pyramide neben eine bestehende setzt, darf ihr weder den Aufweg noch die Sicht vom Tal verstellen und braucht zugleich tragfähigen Fels. Eine Staffelung nach Südwesten erfüllt beide Bedingungen. Dass das größte Bauwerk am nördlichsten Punkt des tragfähigen Rückens steht, deutet zudem darauf hin, dass von Anfang an mit weiteren Bauten gerechnet wurde.

Von diesen beiden Erklärungen zu unterscheiden ist die populäre These, die in der Staffelung ein Abbild des Oriongürtels sieht. Sie arbeitet mit denselben drei Punkten, zieht daraus aber eine ganz andere Folgerung und hat eine eigene Seite auf diesem Portal, weil sie eine eigene Prüfung verlangt. Für die Frage nach dem Bauplan ist sie ohne Belang: Die Kette aus fünf Teilen erklärt sich vollständig aus Funktion und Gelände.

Beide Erklärungen schließen sich nicht aus. Eine Gerade, die sich aus dem Gelände ergibt und zugleich auf einen bedeutenden Ort zeigt, wäre in dieser Kultur kein Widerspruch, sondern ein Argument für den Standort.

Die drei Pyramiden gestaffelt hintereinander von Südwesten gesehen
Die Staffelung nach Südwesten. Die Südostecken der drei Bauwerke liegen nahezu auf einer Linie.

Was Sie an einem Vormittag ablaufen können

Was davon können Sie an einem Vormittag tatsächlich ablaufen? Mehr, als die meisten mitnehmen.

Der lohnendste Abschnitt ist die Kette der mittleren Anlage. Beginnen Sie unten am Taltempel neben dem Sphinx, gehen Sie durch die Pfeilerhalle, treten Sie im Westen wieder heraus und folgen Sie dem Aufweg bergauf. Oben stehen Sie an der Ostseite der mittleren Pyramide, dort wo der Totentempel lag. Sie haben damit in zwanzig Minuten den vollständigen Ablauf abgeschritten, für den die Anlage gebaut wurde.

Beim größten Bauwerk lohnt der Blick auf den Boden. Östlich davon liegen die schwarzen Basaltplatten des Totentempels, ungeschützt und unbeschildert. Daneben sind die Bootsgruben als längliche Vertiefungen zu erkennen. Beides wird täglich von tausenden Menschen überquert, die es für Untergrund halten.

Bei der kleinsten Anlage im Südwesten ist der unfertige Granit am Sockel der Punkt. Er zeigt in einer einzigen Ansicht, wie Verkleidung entstand: unten grob belassen, daneben eine geglättete Fläche, dazwischen die Kante, an der die Arbeit aufhörte.

Und wenn Sie nur eines mitnehmen: Drehen Sie sich am Aufweg einmal um. Von dort sehen Sie die Anlage so, wie sie gedacht war, nämlich von unten nach oben.

Häufige Fragen

Aus welchen Teilen besteht eine Pyramidenanlage?

Aus Taltempel am Wasser, Aufweg, Totentempel an der Ostseite, der Pyramide selbst und einer kleinen Kultpyramide an der Südseite. Dazu kommen je nach Anlage Nebenpyramiden und Bootsgruben.

Welche der drei Anlagen ist am besten erhalten?

Die mittlere. Nur bei ihr lassen sich alle fünf Bestandteile im Gelände nachvollziehen, einschließlich eines aufrecht stehenden Taltempels.

Warum stehen die Pyramiden diagonal versetzt?

Die Südostecken liegen nahezu auf einer Geraden. Erklärt wird das mit einer Sichtachse zum Sonnenheiligtum im Delta und mit den praktischen Zwängen von Baugrund und Aufwegen.

Gibt es weitere Fakten zum Pyramidenkomplex von Gizeh?

Zahlen und Kurzangaben zu Höhen, Massen und Datierungen stehen auf den Seiten zu den einzelnen Bauwerken sowie auf der Faktenseite.

Wozu diente die kleine Pyramide an der Südseite?

Das ist nicht geklärt. Diskutiert werden ein Grab für die Eingeweide, ein symbolisches Zweitgrab und ein Ort für rituelle Handlungen. Belegt ist keine dieser Deutungen.

GetYourGuide

Plateau-Eintritt als QR-Code auf dem Handy

Taltempel, Aufweg und die Basaltplatten des Totentempels liegen alle im normalen Ticketbereich, ohne Zusatzticket.

ab 14 €
Ansehen